Die Hektik der heutigen Zeit und der Druck, bei medizinischen Behandlungen sofort Erfolg zu erringen, waren damals überhaupt noch nicht vorhanden. Erkenntnisse über die therapeutische Verwendung von Heilpflanzen wuchsen im Verlauf von Generationen, wenn nicht sogar im Verlauf von Hunderten oder Tausenden von Jahren. Durch Beobachtung von Tieren und anschließender Selbstanwendung oder durch die zufällige Entdeckung der Wirksamkeit gewisser Pflanzen merkte der Mensch, dass diese bei bestimmten Beschwerden zum Beispiel eine lindernde Wirkung ausübten. Vielleicht brauchte es wieder die Erfahrung mehrere Generationen, bis man merkte, dass das Kauen von Kamille zwar bei Verdauungsbeschwerden eine positive Wirkung hat, dieser Nutzen aber wegen der Unverdaulichkeit der Pflanzenfasern relativ gering war. Irgendeinmal kam dann die wahrscheinlich zufällig gewonnene Erkenntnis dazu, dass der Presssaft der Pflanze, allein angewandt, deutlich mehr Nutzen bringt. Und wie erfuhr der Mensch, dass das Kochen des Presssaftes im heißen Wasser noch mehr Vorteile bringt? Wir wissen es nicht, aber: Irgendwann war – voilà – der erste Kamillentee entstanden.
Bei Verletzungen, Schürfungen und infektiösen Hauterkrankungen wurden zuerst Pflanzen, zum Beispiel Ringelblume (Calendula officinalis), auf die betroffenen Stellen aufgetragen. Und der Mensch merkte, dass die Wunden dadurch schneller heilten. Außerdem entstanden durch das Auflegen der Pflanze weniger häufig Wundinfektionen. Und wie lange dauerte es, bis der Mensch lernte, Pflanzen zu einem Brei zu zerstoßen, in dem die wirksamen Inhaltsstoffe nun frei lagen und somit besser wirken konnten?
Natürlich mussten – und müssen immer noch – auch unzählige Umwege genommen und Sackgassen überwunden werden, bis wichtige Erkenntnisse gewonnen und neue Methoden gefunden wurden. Wie oft wohl haben Menschen leuchtende, schwarze Beeren in der Annahme gegessen, etwas Nahrhaftes zu sich zu nehmen, und sind an einer Vergiftung mit Tollkirsche (Atropa belladonna) gestorben? Und sicher brauchte es viele Generationen, bis genießbare Beeren von giftigen unterschieden werden konnten. Menschen, welche in alpinen Regionen lebten, hatten vielleicht schon die heilsame Wirkung von Gelbem Enzian (Gentiana lutea) erkannt. Wie viele aber starben, weil sie den Enzian mit dem Weißen Germer (Veratrum album) verwechselten, bis die Höhlenbewohner gelernt hatten, diese beiden Pflanzen zu unterscheiden? Enzian hat verdauungsfördernde Eigenschaften, der Germer kann jedoch aufgrund seiner Alkaloide (einer Art von Inhaltsstoffen), hier besonders im Wurzelstock, zu Krämpfen, Kollaps und im Extremfall zum Tod führen.
Aber der Faktor Tod spielte damals eine ganz andere Rolle als heute. Homo sapiens war in der Frühzeit seiner Existenz ständig mit dem Tod konfrontiert, auf der Jagd, bei Begegnungen mit Raubtieren, durch Unfälle im täglichen Kampf ums Überleben oder kriegerische Auseinandersetzungen. Das sehr niedrige Durchschnittsalter unsere Vorfahren – sie wurden wahrscheinlich kaum älter als 35 Jahre – und die hohe Säuglingssterblichkeit sorgten dafür, dass unsere Urahnen eine ganz andere Beziehung zum Tod hatten als dies heute bei uns der Fall ist. Ich möchte damit nicht sagen, dass Verstorbene nicht betrauert worden wären – aber zynisch ausgedrückt, jeder Tod, eben auch einer durch Vergiftung mit einer Pflanze, bedeutete auch einen Zuwachs an Erfahrung.
Fatalismus war und ist hilfreich für das Leben unter extremen Bedingungen – wenn der Hunger groß ist, setzen sich Menschen auch in eine Nussschale von Boot, um auf einem Fluss inmitten von Krokodilen zu fischen.
In der heutigen Zeit spielt die Evidenz eines Arzneimittels eine wichtige Rolle (vgl. weiter unten). Evidenzbasierte Medizin erhebt ausdrücklich die Forderung, dass bei einer medizinischen Behandlung patientenorientierte Entscheidungen nach Möglichkeit auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit getroffen werden sollen, und die wissenschaftliche Aussagefähigkeit klinischer Studien wird durch Evidenzgrade beschrieben. Die evidenzbasierte Medizin soll eine «patientenzentrierte Wissenschaftlichkeit» darstellen.
Der frühe Homo sapiens verfügte natürlich noch nicht über naturwissenschaftliche Kenntnisse im heutigen Sinne und betrieb noch keine moderne Forschung. Seine Labore waren die positiven und negativen Wirkungen, welche Pflanzen bei ihm auslösten, seine Datenbanken die Erfahrung von Generationen aus Jahrhunderten und Jahrtausenden. Langsam, langsam – für heutige Verhältnisse und Bedürfnisse unerträglich langsam – wurden Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt, oft nur auf lokal beschränkter Ebene und nicht, wie heute, in einem atemberaubenden Tempo um die ganze Welt verbreitet, kaum dass sie gewonnen sind.
3. Klinische Studien und Erfahrung
Ich möchte nun klinische Studien und Erfahrungen miteinander vergleichen. Mit klinischen Studien wird die oben erwähnte Evidenz erreicht. Neue Arzneimittel und Behandlungen haben nur eine Chance, von der etablierten Medizin anerkannt und von den Krankenkassen bezahlt zu werden, wenn ihre Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit mittels wissenschaftlicher Studien nachgewiesen werden können. Diese werden aber immer aufwendiger und sind inzwischen so teuer geworden, dass zumeist nur noch etablierte Pharmafirmen in der Lage sind, große klinische Studien in Auftrag zu geben.
Als die Methode der klinischen Studien noch in den Kinderschuhen steckte, wurde eine Anzahl Patienten ausgewählt, welche an einer bestimmten Krankheit litten. Diese wurden in zwei Gruppen eingeteilt, von denen der einen das zu überprüfenden Medikament verabreicht wurde, das sogenannte Verum. In der anderen Gruppe erhielten die Personen ein wirkungsloses Scheinpräparat, ein sogenanntes Placebo. Sofern in der Ve-rumgruppe die Heilungsrate wesentlich größer war als in der Placebogruppe, galt dies als wissenschaftlicher Wirkungsnachweis. Wenn die betroffenen Patienten nicht wissen, ob sie in der Verum- oder in der Placebogruppe sind, spricht man von einer Blindstudie, und wenn auch die behandelnden Ärzte dies nicht wissen, spricht man von einer Doppelblindstudie. In diesem Fall erfahren nur unabhängige, an der ärztlichen Behandlung nicht beteiligte Fachleute, welche die Resultate auswerten, welche Patienten in der Verum- und welche in der Placebogruppe waren.
Im Verlaufe der Zeit sind die Anforderungen an klinische Studien immer größer geworden, und an einer modernen Studie ist mittlerweile eine beachtliche Zahl von Fachleuten beteiligt. Zuerst erstellen Spezialisten das Studiendesign, also den Plan der Studie, der das Studienziel beschreibt sowie die verschiedenen Etappen der Studie, die zu diesem Ziel führen sollen. Ein wichtiger Teil des Studiendesigns ist die Anzahl der Patienten, welche nach immer komplizierter werdenden Einschluss- und Ausschlussregeln ausgewählt werden. Dann erfolgt die Rekrutierung von Probanden, wie man die Patienten einer Studie nennt. Die Anzahl der benötigten Probanden ist sehr wichtig, damit die Resultate überhaupt aussagekräftig sind, wenn man sie auf die Häufigkeit der in einer bestimmten Bevölkerungszahl auftretenden Krankheitsfälle bezieht. An der eigentlichen Studie nehmen neben den Prüfärzten verschiedene Fachleute teil, welche zum Beispiel die Zufälligkeit der Randomisierung – der Einteilung der Probanden in eine der Studiengruppen unter Verwendung eines Zufallsmechanismus – garantieren und ebenso die Verblindung des Verums und des Placebos. Die so gewonnenen Studienresultate werden wiederum von Fachleuten ausgewertet, die man Biostatistiker nennt. Unabhängige Fachleute durchmustern die Studie nach allfälligen Fehlern, welche die Resultate verfälschen können. Ein solcher Fehler wird Bias genannt.
Eine spezielle Art von Studien stellen Meta-Analysen dar – hier werden in der Fachliteratur publizierte Studien miteinander verglichen und zum Teil neu ausgewertet. Klinische Studien sind wichtig, und ihr Nutzen soll hier in keiner Weise in Frage gestellt werden. Eine Studie mit einem positiven Resultat stellt dem entsprechenden Präparat ein wichtiges Zeugnis für seine Wirksamkeit aus. Publizierte Studien müssen aber kritisch überprüft werden.
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