Lienhards Kinder wuchsen in einer vom Glarnerland sehr verschiedenen Welt auf und kannten ihre schweizerischen Wurzeln nur aus Erzählungen der Eltern. Dies dürfte der Grund gewesen sein, weshalb er seinen Aufzeichnungen die Erinnerungen an die eigene, nicht immer einfache Kindheit und Jugend in Bilten voranstellt. Auf diese ganz frühen Reminiszenzen folgen seine erste Reise nach Amerika im Alter von 21 Jahren, die zweieinhalb Jahre in Illinois und 1846 die Reise über den nordamerikanischen Kontinent nach Kalifornien. Dort wollte es der Zufall, dass während seines Aufenthalts Gold entdeckt wurde und er nicht nur erlebnisreiche Jahre verbrachte, sondern 1850 auch mit einem kleinen Vermögen in die Schweiz zurückkehrte, das ihm die Gründung einer eigenen Existenz ermöglichte. Grosszügiger wirtschaften zu können als seine Eltern, war das Ziel, von dem er seit seiner Kindheit geträumt hatte. Deshalb erfüllte er wohl mit Freude, einer gewissen Genugtuung und nicht zuletzt bewundernswerter Ausdauer den Wunsch seiner Kinder, diesen nicht alltäglichen Weg zur Erreichung seines Ziels in Gedanken nochmals zu beschreiten und die Erinnerungen daran schriftlich festzuhalten.
Das Manuskript
Es ist ein eindrückliches Dokument, das einem im Lesesaal der Bancroft Library in Berkeley, Kalifornien, in einer grossen, blauen Archivschachtel ausgehändigt wird. Das Manuskript umfasst 238 ungebundene, einmal gefaltete Schreibbogen, die aufeinandergelegt einen fünfeinhalb Zentimeter dicken Stapel von dicht mit Lienhards Handschrift beschriebenen Blättern ergeben. Aufgrund unterschiedlicher Wasserzeichen und Linierung sind sechs Serien von Schreibpapier erkennbar, deren Bogen zwischen 30,5 und 32 mal 19,5 Zentimeter messen (letztere Angabe mit einer Ausnahme). Sie sind beidseitig hellblau liniert und weisen zwischen 28 und 43 Zeilen auf. Das Papier ist von guter, je nach Serie jedoch leicht unterschiedlicher Qualität, auch hat die Zeit darauf ihre Spuren hinterlassen. Die Blätter sind vergilbt, viele weisen bräunliche Verfärbungen auf, stellenweise auch Flecken. Bei manchen Bogen ist der Falz teilweise, bei etwa zehn Bogen ganz aufgelöst. Auch die Blattränder sind stellenweise beschädigt, jedoch selten so stark, dass der Text davon betroffen wäre. Einige Bogen weisen kleine Risse auf, Bogen 150 ist beinahe ganz durchgerissen.
Auf den ersten dreissig Bogen mit den meisten Zeilen folgte Lienhard beim Schreiben den Linien, bei allen folgenden Bogen wählte er einen engeren Zeilenabstand als den vorgegebenen. Zusätzlich füllte er den leeren oberen Seitenrand regelmässig mit vier bis sechs Zeilen Text, wodurch er pro Seite 10 bis 15 Zeilen dazugewann, sein Schreibpapier also gut nutzte. Links des Textes liess er einen Rand von ein bis zwei Zentimetern frei. Auf diesem führte er gelegentlich den letzten Satz einer Seite zu Ende, brachte kleine Korrekturen an oder fügte in späterer Zeit, wenn er wieder in seinem Manuskript las, einen kurzen Kommentar hinzu. Rechts schrieb er in der Regel bis an den Blattrand. Er gliederte seinen Text weder durch Zwischentitel noch Paragrafen, nur die erste Zeile einer neuen Seite weist ab und zu einen kurzen Einzug auf. Die Bogen sind auf der Vorderseite in der linken oberen Ecke von 1 bis 238 durchnummeriert. Auf Bogen 103 verwechselte er beim Schreiben zwei Seiten und nummerierte danach als Orientierungshilfe die übrigen drei Seiten von 2 bis 4. Einige Bogen enthalten Spuren der Bearbeitung von fremder Hand, darunter Bemerkungen, Inhaltsangaben, Seitenzahlen sowie verschiedene kleine Zeichen. Folgende Tabelle zeigt eine Übersicht (kursiv gesetzte Kapitel entsprechen dem in diesem Buch edierten Text):
Zeit/Bogennummern |
Bogen |
Monate |
Bogen/Monat |
Kindheit und Jugend 1822–1843 (1/1–12/3) |
13 |
260 |
0,05 |
Reise nach Amerika 1843 (12/3–20/4) |
8 |
3 |
2,67 |
Highland 1843–1846 (20/4–51/1) |
30 |
29 |
1,03 |
California Trail 1846 (51/1–83/1) |
32 |
6 |
5,33 |
Kalifornien 1846–1849 (83/1–160/1) |
77 |
32 |
2,41 |
Reise in die Schweiz 1849–1850 (160/1–196/2) |
37 |
7 |
5,29 |
Kalifornien 1850 (196/3-223/3) |
27 |
5 |
5,4 |
Rückkehr in die Schweiz 1850 (223/3-238) |
14 |
6 |
2,33 |
Total Manuskript |
238 |
348 |
1,46 |
Der ganze Text ist in deutscher Schreibschrift verfasst, wie Lienhard sie in der Schule gelernt hatte. Für fremdsprachige Wörter, Orts- und Personennamen verwendete er die lateinische Schrift, wobei Ausnahmen und Mischformen häufig sind. Seine Handschrift ist regelmässig, klar und im Ganzen gut lesbar. Schwierig und an einigen Stellen nicht entzifferbar sind Wörter, die er durch Überschreibung korrigierte, vor allem auf diese Weise korrigierte Einfügungen über der Zeile. Die sehr kleinen, oft auf einen kurzen Strich reduzierten Vokale «a», «e» und «o» sind bei sinngemäss nicht eindeutigen Wörtern oft schwer zu unterscheiden, besonders bei der Arbeit mit Fotokopien. Hilfreich ist dagegen Lienhards konsequente Verwendung von i-Punkten und u-Schleifen.
Im Schriftbild lassen sich zwei Arten von Veränderungen feststellen: Der plötzlich feinere Strich verrät eine neue Feder, die kräftigere Farbe neue Tinte, ein über kurze Zeit leicht veränderter Schriftzug eine längere Unterbrechung. Die zweite Veränderung vollzieht sich langsam und weist voraus auf Lienhards Altersschrift: Der zügige, nach rechts gerichtete Duktus weicht einer grösseren, fast aufrechten und weniger regelmässig wirkenden Schrift mit weit ausholenden Bogen und Schleifen. Die langsam abnehmende Zeilenzahl pro Seite (vier bis fünf Zeilen) gegen Ende des Manuskripts bestätigt den optischen Eindruck.
Zu Beginn der 1890er-Jahre bereitete Lienhard sein Manuskript für die von Caspar Leemann geplante Buchausgabe vor. Wohl um seinem Freund die Übersicht zu erleichtern, notierte Lienhard auf dem linken Rand der Vorderseite jedes Bogens stichwortartige Inhaltsangaben zum betreffenden Bogen. Sie stehen quer zum Haupttext und sind bis Bogen 59 mit hellroter Tinte verfasst. Bogen 60, 63 und 64 enthalten je einen Titel mit Bleistift und einer neuen, roten Tinte; auf den Bogen 65 bis 238 sind ursprüngliche Bleistifttitel mit roter Tinte überschrieben. Bogen 73 enthält zusätzliche Inhaltsangaben auf den Seiten 3 und 4, Bogen 127 auf Seite 4. Diese Zusätze weisen auf besonders wichtige Ereignisse hin: auf dem California Trail das Ende des Hastings Cutoff beziehungsweise die Ankunft am Mary’s River, in Kalifornien die Goldentdeckung.
Während Lienhard zur Formulierung der Inhaltsangaben den Haupttext wieder las oder zumindest überflog, brachte er – alles hier Folgende mit roter Tinte – kleine orthografische und stilistische Korrekturen an. Sie zeigen, dass er sich bemühte, Leemann für die Edition von 1898 einen sprachlich möglichst korrekten Text zur Verfügung zu stellen. Neben Seiten ohne Emendationen gibt es Seiten mit über einem Dutzend davon, wobei diese nicht in jedem Fall eine Verbesserung darstellen. Lienhard war damals über siebzig, sein Deutsch war unsicherer und der Einfluss der englischen Sprache grösser geworden, wie sich beispielsweise dort zeigt, wo er «Schäferei» zu «Schäferey» korrigierte. Längere fremdsprachige Dialoge hob er durch Unterstreichung hervor, vielleicht weil er davon ausging, dass sein Freund diese Stellen übersetzen lassen würde.
Lienhards Altersschrift ist zwar immer noch gut lesbar, wirkt jedoch ungelenker und stellenweise etwas zittrig. Besonders gut zeigt sich dies bei dem separaten Inhaltsverzeichnis, das er durch Übertragen der Inhaltsangaben von den Bogen auf vier Einzelblätter erstellte. Von den 238 Angaben sind 71 praktisch wörtlich übernommen, die anderen enthalten Umformulierungen oder Kürzungen, nur deren zehn einen Zusatz. Dieses separate Inhaltsverzeichnis ist deshalb von besonderem Interesse, weil daraus hervorgeht, dass das Manuskript ursprünglich vier oder fünf Bogen mehr als die überlieferten 238 umfasste. Sie enthielten persönliche Familienerinnerungen, und schon auf dem letzten erhaltenen Bogen drückte Lienhard unmissverständlich den Wunsch aus, dass der noch folgende Text von niemandem ausserhalb seiner Familie gelesen werden solle. Um dies zu betonen, strich er auf Bogen 238 die letzten zweieinhalb Seiten durch, ebenso die entsprechenden Inhaltsangaben im separaten Inhaltsverzeichnis. Sie lauten wie folgt: «Bekannt werden mit meiner zukünftigen Frau/Hochzeitsreise/Heimkehr/Maria Einsiedeln/Kaufe in Kilchberg».
Читать дальше