Daniel bestellte ein Panaché, Andrea einen Kaffee und Mineralwasser.
«Die Polizei war hier», sagte Anita, als sie die Getränke brachte. Sie setzte sich an den Tisch. Die Wanderer drehten die Köpfe.
«Wegen dem Unfall?»
«Es gibt Gerüchte im Dorf.»
«Im Dorf gibt es immer Gerüchte», warf Daniel ein.
«Ich bin den Weg schon Dutzende Male gegangen», rief einer der Wanderer vom runden Tisch herüber. «Steinschlag habe ich dort noch nie gesehen.»
«Es gibt Orte, da fällt hundert Jahre kein Stein, und dann kommt ein Bergsturz», sagte ein anderer. Sie begannen durcheinander zu reden.
«Was erzählt man sich denn im Dorf?»
«Die Leute kennen den Weg. Sie meinen, es gebe dort keinen Steinschlag.»
Anita wandte sich an Andrea. «Was denkst du? Du bist dort gewesen mit Amstad, hast sie gesehen.»
«Ich weiss nicht … Die Frau lag auf dem Felsband, zehn Meter unter dem Weg», sagte Andrea. «Es sah aus, als ob sie schlafen würde. Kaum einen Kratzer hatte sie. Nur die Wunde am Kopf.»
«Von der Art der Fraktur her wird man in der Gerichtsmedizin eindeutig feststellen können, ob es Steinschlag war», sagte Daniel. «Oder etwas anderes.»
«Was denn?»
«Vielleicht ist sie gestolpert, abgestürzt. Vielleicht gestossen worden. Vielleicht war es nicht Steinschlag, sondern ein Schlag mit einem Stein.»
Einen Augenblick war es in der Gaststube so still, dass man das Surren einer Fliege am Fenster hören konnte.
«Habt ihr sie gekannt?», fragte Andrea.
«Das Paar ist oft im Gebiet gewandert. Ziemlich zurückgezogene Leute. Sassen da, tranken ihren Kaffee und sprachen kaum ein Wort. Ein paar Tage zuvor waren sie schon auf Tour, bei schönem Wetter. Am Samstag hat es geregnet. Ich hatte mich gewundert, dass sie trotzdem gekommen waren.»
«Seltsam», sagte Daniel. «Aber was solls? Es gibt viele seltsame Leute, die in den Bergen herumkraxeln. Mich eingeschlossen.» Er grinste, fuhr sich mit gespreizten Fingern durch seine Haare.
Anita schilderte, wie der Mann am Samstag in die Gaststube gestürzt war. Bleich vom Schock, Blutspuren und Dreck an Händen und Kleidern. Er habe gezittert, gestammelt. Habe sie gebeten, die Rettungskolonne anzurufen. Er könne das nicht, sei dazu nicht mehr imstande.
«Ein Handy hatte er nicht?»
«Nein. Er ist den ganzen Weg gelaufen, war völlig ausser Atem und verwirrt.»
«Einer, der viel wandert, sollte ein Handy bei sich haben», bemerkte Daniel. «Vielleicht hätte man die Frau noch retten können.»
«Wohl kaum», sagte Andrea.
«Auch das wird die Gerichtsmedizin feststellen.»
Daniel zog ein Handy aus der Brusttasche, rief jemanden an. Es klang nach einer Verabredung zum Abendessen. Dann bezahlte er.
Anita umarmte Andrea, gratulierte ihr nochmals. Sie selber male die Berge lieber, als dass sie hinaufklettere.
«Ach, das sind Berge?» Daniel schob seine Brille auf die Nase, blickte über ihren Rand hinweg auf eines der Aquarelle an der Wand.
Anita schnaubte, schüttelte ihre rote Mähne. «Berge oder Blumen oder dein Bauchnabel. Was immer du sehen willst.»
Er zuckte die Achseln. «Als Arzt entscheide ich mich für die anatomische Interpretation.»
Anita drehte sich um, ohne ihm die Hand zu geben.
Schweigend fuhren sie zu Tal. Nur einmal sagte Daniel: «Ich werde die Gerichtsmedizin anrufen. Kann sein, dass ich etwas erfahre.»
«Berichtest du mir?»
«Wenn es dich interessiert. Ich rufe dich ohnehin wieder an.»
«Ach ja?»
«Für unsere nächste Tour. Es war schön mit dir. Wir wiederholen das. Eine andere Route natürlich.»
Andrea deutete ein Nicken an, konzentrierte sich auf die Strasse, die in steilen Windungen durch den Wald hinabführte. Wenn Schatten auf die Frontscheibe fiel, spiegelte sie Daniels Gesicht, seine dunklen Augen hinter der Brille, den goldenen Ring im Ohr. Sie fühlte sich beschwingt und bedrückt zugleich.
7
Im Korridor stapelte Andrea Holzkisten aufeinander, kletterte auf den wackligen Turm und machte sich mit einem Schraubenzieher an der Lampenfassung zu schaffen. Als das Telefon klingelte, verlor sie beinahe das Gleichgewicht.
Es war ihr Vater. Seine Stimme klang aufgekratzt. «Ich muss unbedingt den Tatort sehen!», schrie er ins Telefon.
«Welchen Tatort?»
«Die Tote vom Berg!»
«Du willst dort hinauf? Glaubst du, du schaffst das?»
«Schliesslich habe ich eine Tochter, die Bergführer ist.»
«Bergführerin bitte. Du willst dich von einer Frau führen lassen?»
«Bleibt mir wohl nichts anderes übrig», grummelte er. Dann fügte er in bedeutungsvollem Tonfall bei: «Ich hab da ein paar interessante Dinge herausgefunden.»
«Was denn?»
«Ich kenne den Mann.»
«Ach? Woher denn?»
«Der Name steht heute in der Zeitung. Hast du’s nicht gelesen?»
«Ich war unterwegs mit einem Gast.»
«Eine eigenartige Todesanzeige. Mit einem Gedicht garniert. Tiefsinnig und vieldeutig. Man kann zwischen den Zeilen lesen.»
«Was für ein Gedicht?»
«Goethe. Aber hol dir eine Zeitung, lies selbst.»
«Wie heisst er denn? Und die Frau?»
«Claudia und Werner Baumberger-Lévi. Sagt dir das was?»
Andrea dachte nach. Baumberger war ein Name aus der Gegend. Lévi klang fremd.
«Mach die Augen auf, wenn du das nächste Mal in die Stadt fährst.»
«Ach Robert …» Sie seufzte. «Sprich doch nicht immer in Rätseln.» So war er. Anekdoten, Witze, Anspielungen, Ironie.
«Lévi», sagte er. «Das Zementwerk.»
Nun erinnerte sie sich. Die Fabrik beim Kalksteinbruch hinter der Raststätte. Turmartige Brennöfen und Silos, qualmende Schlote, Förderbänder und Staub.
«Lévi war ein Familienbetrieb. Als sie an die Zementholding verkauften, haben die Lévis irre Geld gemacht. Eine der reichsten Familien der Gegend. Kapitalisten. Betonköpfe. Das ist Claudia Lévi.»
«Und Baumberger?»
«Sozusagen das Gegenteil. Ein alter Kunde.»
«Des Zementwerks?»
«Nein, von mir. Von meiner Firma.»
«Was meinst du damit?»
«Amtsgeheimnis. Verstehst du?»
«Verstehe, Herr Kommissar», sagte Andrea. «Ruf morgen früh an. Wir können zusammen zur Unfallstelle wandern. Was willst du überhaupt dort oben?»
«Es war kein Unfall!», schrie er ins Telefon. «Eine Untersuchung läuft!»
«Und da willst du auch noch mitmischen? Hast du überhaupt Wanderschuhe?»
«Irgendwo auf dem Estrich. Ich hoffe, sie passen mir noch.»
«Fett setzt ja bekanntlich nicht an den Füssen an. Aber bist du auch noch fit? Wir werden über eine Stunde brauchen.»
«Früher musste ich doch auch immer mit …» Seine Stimme stockte. «Ich rufe morgen an.»
Andrea legte den Schraubenzieher weg, mit dem sie während des Gesprächs auf den Schreibtisch getrommelt hatte. Ihre Hand war feucht. «Früher musste ich doch auch immer mit …» Der Satz hatte sie getroffen. Früher. Er hatte die Wanderungen gehasst, er verabscheute die Berge. Doch tat er Mutter den Gefallen. Sie war in Pratt aufgewachsen, hatte sich nie heimisch gefühlt in der Stadt. «Wie eine Bergdohle im Käfig», sagte sie manchmal.
Wenn sie wanderten, trug sie den Rucksack und ging immer mit leichtem Schritt voran, als habe er überhaupt kein Gewicht. Vater keuchte hinterher, Schweissperlen auf der Glatze. «Du trägst den Rucksack, ich die Verantwortung», war einer seiner Sprüche gewesen. Oft blieb er dann irgendwo sitzen, rauchte, ass den Proviant auf und trank die Feldflasche leer, während sie und Mutter einen Gipfel bestiegen. Wenn sie noch leben würde, stellte sich Andrea vor, würde sie bestimmt klettern, sich durch Felswände führen lassen von ihrer Tochter, stolz auf ihre Bergführerin. Sie würden auf dem Gipfel sitzen an der Sonne, die Bergdohlen füttern, sich ohne Worte nahe und glücklich sein.
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