Ernst Guggisberg - Pflegekinder

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In der Schweiz entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf private Initiative hin Vereine mit Bildungszweck; in den Kantonen Aargau, Basel-Land, Solothurn und Thurgau wurden sie Armenerziehungsvereine genannt. Durch Fremdplatzierung in «rechtschaffenen» Pflegefamilien und Anstalten wollten sie «verwahrloste» Kinder nicht nur versorgen, sondern auch erziehen und so einen Beitrag zur Überwindung von Armut leisten.
Ernst Guggisberg legt in seiner Studie dar, welche Bedeutung die Armenerziehungsvereine als Vertreterinnen der privaten Armenpflege in der schweizerischen «Fürsorgelandschaft» hatten und in welchem Verhältnis sie zur öffentlich-rechtlichen Armenpolitik standen. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zur historischen Armutsforschung, der ausserfamiliären Erziehung und bietet eine weitere Perspektive zur aktuellen Diskussion um Verdingkinder und weitere Formen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen.

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Den Geschäftsführern oblag dann die Beobachtung der Pflegeeltern und Kinder, die «im Stillen» stattzufinden hatte und die sie in einem «Notizenheft» verschriftlichen sollten. 30Doch nicht nur in die «Aufnahme», «Platzierung» und Inspektion waren sie involviert, auch für die Berufsbildung und weitere Obsorge wurden diese Gemeindevertreter in die Pflicht genommen: «nach jeder Konfirmation, haben Sie Ihre Vorsorge zu bethätigen, wie die jungen Leute ihre Berufsbildung erlangen können.» 31Die Geschäftsführer sollten dementsprechend die Auszubildenden begleiten und «entweder persönlich, oder durch ihre Pathen, den Gemeinderath, oder Ortspfarrer, oder durch eine zuverläsige [sic!] Person in der Gemeinde […] auf Vollendung ihrer Ausbildung einen günstigen Einfluss üben». 32Dass gemäss diesem Aufgabenheft die Geschäftsführer die Hauptstützen des Vereins verkörperten und im direkten – wohl nur allzu problemreichen – Austausch mit Pflegekindern, leiblichen Eltern, Pflegeeltern, Gemeindebehörden und Kirche standen, bemerkte der Vorstand mit den Worten:

«Wir fühlen wohl, dass wir Ihnen [dem direkt angesprochenen Geschäftsführer] in obigen Punkten Pflichten auferlegen, die als eine Bürde erscheinen müssten, wenn sie nicht mit selbstverläugnender Samariterbarmherzigkeit und männlichem Muthe übernommen würden. Schwierigkeiten werden Ihnen entgegentreten, die nur mit Festigkeit und Weisheit werden zu besiegen sein […]. Ihnen zur Seite steht der Verein und dessen Mitglieder mit brüderlicher Liebe und schützender Hand; Ihnen zur Seite steht das Gesetz und dessen Vollziehungsbehörden; Ihnen zur Seite die Macht der öffentlichen Meinung; Ihnen zur Seite die Huld des Allerhöchsten […].» 33

Dem Kantonalvorstand und seinen Organen folgten die in einem separaten Reglement umschriebenen vier Bezirkskommissionen. Diese bestanden aus je einem Präsidenten, der neben zwei weiteren Vertretern der Kommission Einsitz in den Kantonalvorstand nahm und als Vermittler zwischen demselben, der Bezirkskommission und den Geschäftsführern fungierte. Des Weiteren gab es je einen Schreiber und je einen Rechnungsführer. Zusammen mit den Geschäftsführern des Bezirkes bildeten sie den Bezirksvorstand. Mindestens viermal im Jahr sollten Versammlungen abgehalten werden, wobei insbesondere der Informationsaustausch gepflegt und die «Platzierungen» besprochen werden sollten. 34

Mit der Ergänzung der bisherigen Organe durch das Inspektorat – womöglich zur Entlastung der Geschäftsführer – und um «Stetigkeit und Zusammenhang zu bringen», 35erfolgte im Jahr 1875 eine notwendige Statutenanpassung: Der Inspektor wurde als ein «den andern Organen beigeordneter Mitarbeiter» bezeichnet «und wird, in steter Verbindung mit ihnen, als alleinigen Zweck seiner Thätigkeit die Förderung des Wohls der anvertrauten Kinder anstreben». 36In sein Aufgabenheft gehörte die Schliessung von Verträgen mit kommunalen Armenpflegen oder Privaten, und «er bestimmt zwei Wochentage zu Audienzen.» 37Der basellandschaftliche Inspektor war ein Vollzeitangestellter mit Arbeitsvertrag, der die hauptsächliche Überwachung der Pflegekinder unter Mithilfe der Geschäftsführer durchführte: «Der Verein übernimmt es, dem Inspektor zu seiner wirksamen Durchführung der Versorgungen bei den zuständigen Behörden die Wohlthat polizeilichen Schutzes auszuwirken, wie er durch Gesetz den Armenpflegen zugesichert ist.» 38Der Inspektor war dem Engen Vorstand Rechenschaft schuldig. 39

Dieses Modell kannte nur der Basellandschaftliche Armenerziehungsverein. In den übrigen Vereinen übernahmen die Pflegeplatzkontrollen oder die zeitaufwendige Lehrstellensuche meistens die engsten Vorstandsmitglieder (Präsident, Vizepräsident, Aktuar und Kassier) oder wie im Fall des Armenerziehungsvereins Balsthal-Thal oder dem Armenerziehungsverein des Bezirks Baden ein erweiterter Vorstand als sogenannte Patronate. 40Diese übten ihre Aufgabe im Nebenamt aus und erhielten in den Statuten eine exakt umrissene Rolle, um den im Sektor der Berufsberatung unternommenen Professionalisierungsbestrebungen der öffentlichen Verwaltung (Lehrlingsämter) oder auch der Kirche (katholische Lehrlingsberatungsstellen) nicht nachzustehen. 41Besonders im Bereich der Aufsicht und Kontrolle über Pflegeplatzverhältnisse wurde die Mitarbeit von Frauen gefördert, beispielsweise als Inspektorinnen im Armenerziehungsverein des Bezirks Baden ab 1924. 42

Gründungskontexte und Kurzporträts Vereinsgeschichten

In den vier Kantonen Basel-Landschaft, Aargau, Thurgau und Solothurn entstanden im Lauf des 19. Jahrhunderts 28 Armenerziehungsvereine. In diesem Kapitel soll kurz aufgezeigt werden, wie es dazu kam und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich feststellen lassen. Untersucht werden der Zeitraum vor und die wesentlichen Etappen nach der Vereinsgründung.

Der Basellandschaftliche Armenerziehungsverein

Nach der Kantonstrennung im Jahr 1833 bestritt Basel-Landschaft die Ausgaben im Schul-, Kirchen- und Armenwesen aus dem ihm zugeflossenen Anteil aus der Vermögensausscheidung Basel-Stadts. Der Kanton unterhielt aus dem «Landarmengut» das Kantonsspital, alle übrigen armenfürsorgerischen Belange lagen in den Kompetenzen der Gemeinden. Vor der Kantonstrennung oblag das Armenwesen den Pfarrern. Diese traf aber der «Bannstrahl der Baselbieter Regierung», genauso wie die Dorfschullehrer, die als Freunde der Stadt galten. 43Die nach der Kantonstrennung eingesetzten Armenpflegen «verschwanden wieder. Rasch trat eine völlige Vernachlässigung des Armenwesens ein.» 44Die im Vergleich zu den Gemeinden schwache kantonale Regierung konnte auf das Armenwesen aufgrund ihrer finanziellen Ressourcen relativ wenig Einfluss nehmen. Die kantonalen Einnahmen stammten einerseits aus dem Vermögen, das aus der Kantonstrennung rührte, andererseits aus dem Salzregal. Bis 1890 misslangen die Versuche, eine Staatssteuer einzuführen, da Kantonssteuern nicht mit dem Freiheitsbestreben der Bevölkerung in Einklang zu bringen waren. 45Erst ab 1928 konnte sich der Kanton eine grössere Intervention im Sozialbereich leisten. 46

Die Gründung des Basellandschaftlichen Armenerziehungsvereins wurde wesentlich durch Emil Zschokke (1808–1889) bestimmt. Der ursprünglich aus dem Aargau stammende Pfarrer engagierte sich im Landwirtschaftlichen Verein Baselland und war federführend bei einer Umfrage aus dem Jahr 1840, worin die Pfarrämter auf «verwahrloste» Kinder in ihren Gemeinden angesprochen wurden. Zschokkes Versuche, eine Landwirtschaftliche Armenerziehungsanstalt zu etablieren, fanden im Landwirtschaftlichen Verein allerdings nur wenig Unterstützung.

Gleichzeitig war er auch Mitglied der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, die sich rege mit der geschlossenen Fürsorge befasste. An einer Tagung im September 1842 wurde er «von der ‹Bettagspredigt› des Referenten sehr wehmütig gestimmt», denn «er sehe die täglich sich mehrende Zahl der Verwahrlosten» und die Diskrepanz an Anstalten «zu ihrer Rettung!» Der damalige Seminardirektor und spätere Aargauer Regierungsrat Augustin Keller (1805–1883) brachte die Armenfrage mit dem Volksschulwesen in Verbindung, «indem er nachwies, dass dasselbe einer Reorganisation in dem Sinne bedürfe, dass in der Schule die Arbeith, namentlich aber die Bearbeitung des Landes also unseres Grundes u[nd] Bodens in den Vordergrund gestellt werde». Daraufhin erwiderte Schulinspektor Johannes Kettiger (1802–1869), dass die «Streitfrage, ob individuelle oder kollektive Behandlung verwahrloster Kinder vorzuziehen sei, […] in Baselland theoretisch u[nd] praktisch bereits dahin entschieden [ist]: das eine thun u[nd] das andere nicht lassen». Der Erfolg der Anstaltserziehung läge aber in der Schaffung von «Patronagevereinen», die die Austretenden anschliessend begleiten sollten. 47Diese Äusserung weckte anscheinend die Neugier der Kommissionsmitglieder, denn der nächste Versammlungsort wurde Liestal. Kettiger wurde Vororts-Präsident. 48Wie die aufgeführte Diskussion innerhalb der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft aufzeigt, fand in diesem Gremium ein reger Austausch von Personen statt, von denen viele später in Armenerziehungsvereinen aktiv wurden. 49

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