Dieser unspektakuläre Auftritt des Seminars steht in krassem Gegensatz zum Zirkus um die Verlegung des Seminars Haldenstein nach Marschlins im Jahre 1771, die begleitet von «einem mächtigen Tross, mit Ross und Wagen» stattgefunden und in einem dreitägigen Fest kulminiert hatte. 128Damals waren gegen achtzig Schüler mit Mobiliar und Schulmaterial umgesiedelt worden. Baron Ulysses von Salis, Herr von Marschlins, bevollmächtigter Minister Frankreichs, der grandiose Inszenierungen zu organisieren gewohnt war, hatte prominente Gäste eingeladen und kräftig die Propagandatrommel für seine Schule gerührt, auch ein weiteres Mal, als er sie 1775 in ein Philanthropin verwandelte. 129
Seit jenen gloriosen Zeiten war mehr Demut in Bünden eingekehrt; das Selbstbewusstsein der Adelsgeschlechter war geknickt und ihr Reichtum, der sich aus drei Quellen spies – Pensionswesen, Handel und Untertanenlande –, hatte durch die Französische Revolution und die Entlassung der Bündner Regimenter eine beträchtliche Einbusse erlitten. Ohne Geld schwand auch der Einfluss auf die Politik. Bescheidenheit und Zurückhaltung entsprachen eher dem neuen Zeitgeist als der barocke Luxus des Salis-Marschlins.
Tscharner und Nesemann, die Gründer des Seminars Reichenau, achteten nicht auf die Meinung des Publikums, wenn sie etwas Neues an die Hand nahmen, ja sie scheuten geradezu die Öffentlichkeit und meldeten sich kaum zu Wort, wenn es nicht unbedingt nötig war. Davon zeugt auch der Prospekt vom 22. Mai 1793, der mit minimalen Veränderungen am 1. August neu aufgelegt wurde: Die Leistungen sollten für sich sprechen. Dabei blieb es für die nächsten anderthalb Jahre.
Als der Romanautor und Dramatiker Heinrich Zschokke im August 1796 nach Reichenau kam und Anfang 1797 die Direktion übernahm, änderte sich dies; er kritisierte die bisherige Werbepraxis und schlug eine verstärkte Propaganda vor, denn nur wenn von Zeit zu Zeit über die Fortdauer und Neuerungen des Instituts berichtet werde, bleibe das Interesse geweckt.
Was aber waren die Eigentümlichkeiten des Seminars Reichenau, die es verdient hätten, dass man darüber Worte verlor? Zunächst sah alles nach einer üblichen Internatsschule aus. Die wenigen Schüler und die geringe Zahl an Lehrern erlaubten es noch nicht, den vorgesehenen Plan ganz zu entfalten. Krisen, welche das Seminar erschütterten, stellten sich dem Ausbau weiter entgegen. In einem Prospekt und einem öffentlichen Brief vom 1. Februar 1795 ist erstmals von einem Schülertribunal beziehungsweise einer Schulrepublik die Rede. 130Es ist aber anzunehmen, dass diese Institution bereits seit Sommer 1794 bestand.
Es bereitete Tscharner erhebliche Mühe, sechs Lehrer zusammenzubringen, um alle vorgesehenen Fächer unterrichten zu lassen. Nesemann hatte sich zwar schnell überzeugen lassen und als künftiger Direktor einen Vertrag zu günstigen Bedingungen abgeschlossen, danach aber stockte die Anwerbung. Als reformierten Hauptlehrer hätte Tscharner gern den routinierten Jakob Valentin gewonnen, der mit Genehmigung des Bundstags seit 1789 als Leiter der Familienschule Jenins den Titel Professor tragen durfte. 131Obwohl Tscharner sein Anliegen eindringlich vorbrachte und ihn beschwor, die neue Stelle anzunehmen, weil das Seminar sonst nicht gedeihen könne, war Valentin nicht willens, seine relative Unabhängigkeit bei gesicherten Einkünften – er war 1787 an Stelle seines verstorbenen Vaters als Pfarrer in Jenins nachgerückt – mit einer ungewissen Stellung zu vertauschen, zumal er sich in der ihm angetragenen Position hinter Nesemann zurückgesetzt fühlte. 132Tscharner bot ihm ein Gehalt von 700 Gulden an, 100 weniger als Nesemann, geringere Privilegien und keinen Anteil an den Geschenken der Eltern.
Die Suche nach einem katholischen Hauptlehrer verlief ebenfalls harzig, weil kein guter Theologe, sondern ein Pädagoge gefragt war, der in mehreren weltlichen Fächern beschlagen sein musste und beispielsweise moderne Sprachen, Handelsfächer oder Naturwissenschaften auf Mittelschulniveau unterrichten konnte. Das sah das Curriculum eines Bündner Priesters nicht vor, falls er sich nicht jahrelang als Hauslehrer bei einem weitgereisten und gebildeten Kaufmann oder Politiker verdingt hatte. Tscharner wandte sich wegen eines Italienischlehrers sogar an Pfarrer Maffioli in Mailand, der ihm auch nicht weiterhelfen konnte. 133
Die nächste Schwierigkeit, einen guten Mathematik- und Physiklehrer, gleich welcher Konfession, zu finden, der, wie Martin Planta in Haldenstein, den geisteswissenschaftlich orientierten Nesemann ergänzen konnte, liess sich ebenfalls nicht lösen. Die Anstellung scheiterte häufig an Gehaltsforderungen, an Bedenken, sich in eine abgeschiedene Berggegend zu begeben, und an der Anzahl Unterrichts- und Aufsichtsstunden, die von den Lehrern in Reichenau gefordert wurde. Tscharner sandte vergeblich Anfragen nach einem geeigneten «Subjekt» an Bekannte in der Schweiz 134und wandte sich an den Pädagogen Christian Gotthilf Salzmann in Schnepfenthal, den er schon auf der Suche nach Lehrern für Jenins in Anspruch genommen hatte. 135
Nicht einmal ein Zeichenlehrer konnte aufgetrieben werden, obwohl sich drei Lehrer bewarben, darunter Martin Friedrich Bernigeroth aus Leipzig, der schon in Haldenstein und Marschlins Zeichenmeister gewesen war und sich auch als Tanzmeister empfahl. 136Hier lag die Sachlage anders: Ein solcher Lehrer hätte angesichts der zunächst kleinen Schülerzahl in Reichenau kein Auskommen gehabt, sondern wäre in Chur auf eine zweite Anstellung oder Privatschüler angewiesen gewesen. Tanzen, Zeichnen, Musik und Fechten waren Freifächer, die von den Eltern extra bezahlt werden mussten, wozu wenige bereit waren. Die Schule gab sich republikanisch; Tanzen, Musik und Fechten aber waren Fertigkeiten, die damals eher mit der Erziehung zum Edelmann in Zusammenhang gebracht wurden.
Nach verschiedenen Absagen hatte Tscharner zur Schuleröffnung neben Nesemann vier Lehrer gefunden, drei reformierte und einen katholischen, deren Eignung nicht in allen Fällen erprobt war: Rusterholz, Juvenal, den Katholiken Deporta und Kniesel. Von den beiden Letzteren wissen wir nicht viel; Kniesel verliess die Schule schon nach einem halben Jahr, nachdem er eines Gelddiebstahls bezichtigt worden war. 137Er fand im Anschluss eine Anstellung bei Friedrich Anton von Salis-Soglio im Bergell.
Aus einer Aufstellung Tscharners vom Mai 1793 geht hervor, dass er mit den Lehrern folgendes Jahresgehalt vereinbarte: Nesemann 800 Gulden, Rusterholz 600, Deporta 400, Juvenal 300 und Johannes Caprez, reformierter Pfarrer der Nachbargemeinde Tamins, 200. 138Diese Zahlen geben die zeitliche Belastung der Betreffenden wieder. Deporta, ein katholischer Pfarrer, blieb nicht einmal ein Jahr und nahm im Februar 1794 eine Stelle im Regiment Christ in sardinischen Diensten an. Caprez wurde schon vor Beginn durch Kniesel ersetzt, und nach dessen Entlassung blieb sein Platz vakant, so dass nur noch vier bezahlte Lehrer tätig waren. Im Dezember 1793 bezogen Nesemann und Deporta das gleiche Gehalt wie im Mai vorgesehen, während Rusterholz noch 500 Gulden erhielt und Juvenal neu 400 Gulden. 139Kurze Zeit darauf wurde Nesemanns Gehalt aus Spargründen um 100 Gulden verringert. 140
Der schon ältere Anton Gubert Juvenal hatte sich am 27. Dezember 1792 von Chiavenna aus um eine Lehrerstelle für Italienisch, Rechnen und Violinspiel beworben 141und unterrichtete in Reichenau Italienisch, Französisch und Rechnen. Johann Heinrich Rusterholz (1760–1806) aus Wädenswil, bis 1790 Lehrer an der Stadtschule in Chur, hatte im gleichen Jahr das Knabeninstitut «Rietli» in Zürich Unterstrass gegründet. Schon im Juni 1787 hatte ihn Tscharner als zweiten Lehrer an die Jeninser Nationalschule holen wollen, aber erst 1793 folgte er Tscharners Ruf nach Reichenau und erteilte Rechnen, Französisch, Schreiben, Naturkunde und Geografie. Deportas Unterricht beschränkte sich auf Latein und katholische Religion, während Nesemann die übrigen Fächer und Stufen abdeckte, einsprang, wo es nötig war, und im Wintersemester 1793, das Anfang Dezember begann, reformierten Religionsunterricht, Philosophie, Rhetorik, Geschichte, Geografie und Französisch gab.
Читать дальше