Bei der ersten Niederwerfung suğūd, wenn wir unser Haupt in Demut auf die Erde legen, erinnern wir uns, dass wir aus Staub entstanden sind, bei der zweiten, dass wir sterben werden und wieder zu Staub werden, und wenn wir unser Haupt erneut heben, werden wir erinnert, dass wir wieder auferstehen werden für ein zukünftiges Leben.
Der tiefe Sinn des Betens ist, sein Ich zur Seite zu geben und das Herz zu öffnen für ein intimes Gespräch mit Allah. Es ist ein bewusstes Eintreten in die Gnade Allahs, ein ausdrückliches Raum-Machen für unsere Seele.
Wenn wir fünfmal am Tag in einen fließenden Bach steigen würden, gäbe es dann noch Schmutz auf unserem Körper? Das Gebet ist wie dieser reinigende Bach, es klärt und reinigt uns von unseren Verfehlungen, unserer Vergesslichkeit und unseren Anhaftungen.
Gott braucht uns nicht, um für Ihn zu beten, unsere Gebete sind ein Haltgeben, ein Bewusstmachen, ein Auftanken, ein Schutz für unsere Seele und eine Wachsamkeit für unser Ich, „denn das Gebet hält zurück von abscheulichen Taten und allem, was der moralische Sinn verwirft.“ (29:45)
Das Gebet erinnert uns immer wieder an das, was wir wirklich sind und wieso wir hier sind. Das Gebet erlöst uns von den Lasten des Lebens, relativiert unsere Einstellung zum Leben und gibt uns Halt in einer sich stets ändernden Welt.
Ist nicht unsere Verbindung zu Allah, unser intimer Dialog mit Allah, der Sinn unserer Existenz? Sind wir nicht aus Liebe auf diese Welt gesandt worden, um wiederum durch Liebe zurückzufinden?
Unser geliebter Prophet Muhammad
sprach: „Allah, erhaben ist seine Lobpreisung, machte meine Herzensfreude im Gebet, das Gebet ist mir so lieb wie dem Hungrigen das Essen und dem Durstigen das Trinken lieb ist. Und der Hungrige wird satt, wenn er isst, und der Durstige wird satt, wenn er trinkt, aber ich werde vom Gebet nie satt.“ 11
Nimm dir heute vor, bei allem, was auf dich zukommt, bei allem, was dir gesagt wird, bei allem, was du tust: „Alhamdulillah“, „Gepriesen sei Allah“, zu wiederholen, dabei tief einzuatmen und die Worte wie Labsal über deine Gedanken und Gefühle fließen zu lassen. So, als ob du jedes Mal, wenn du „Alhamdulillah“ aussprichst, „ich liebe Dich, Allah“ sagst.
Wie kostbar und wesentlich das Gebet ist, erkennt man daran, dass ṣalāt die einzige Säule im Islam ist, die dem Propheten
direkt von Allah gegeben wurde ohne die Vermittlung durch den Engel Gabriel. In der lailat al-mi‘rāğ, der Himmelfahrt Muhammads
, holte Allah den Propheten
zu Sich und beauftragte ihm die Gebetspflicht, die der Prophet
dann den Muslimen überbrachte.
3. RAMADANTAG
TAQWA
GOTTESBEWUSSTSEIN
Der Prophet Muhammad
sagte: „Habe taqwa vor Allah, wo immer du auch bist, und lass einer schlechten Tat eine gute Tat folgen, die sie auslöscht, und benimm dich gegenüber den Menschen gut.“ 12
In den Übersetzungen wird taqwa häufig mit „Furcht“ übersetzt, doch taqwa ist Gottesbewusstsein, ist die Angst, nicht mit Allah verbunden zu sein, und gleichzeitig die Liebe, mit Ihm zu sein.
Es ist ein Schutz, eine Verbundenheit, eine Haltung und innere Führung, die aus dem Gefühl und Wissen kommt: „inna li-llāhi wa-inna ilayhi rāği‘ūn“ (2:156) „Wir gehören Allah und zu Ihm kehren wir zurück.“
Diese tiefe Gewissheit, dass ich Allah gehöre, dass all mein Segen, all meine Erfahrungen, all mein Besitz, alles, was ich bin, von Ihm kommt, öffnet das Herz und erlaubt mir, mich aus der Angst und der Sorge, die im Leben immer wieder aufkommen, zu Vertrauen und Zuversicht und Ergebung hinzuentwickeln.
Wenn das Herz sich immer mehr in die Hände Allahs begibt und seine sakīna, seinen Frieden, in der Gegenwart Gottes erfährt, beginnt das Herzenslicht den Intellekt einzunehmen und sich in den Wahrnehmungen, in den Sinnen auszubreiten.
Aus dieser inneren Haltung wachsen unsere Würde, unsere innere Schönheit und unsere Barmherzigkeit gegenüber uns selbst und anderen. Es hilft, unser von Allah gegebenes Potenzial in seiner Fülle auszuleben und unserer Seele wahre Freiheit zu erleben.
Ittaqi llāh! Beachte Gott auf all deinen Wegen!
Wenn wir tief in unserem Herzen wissen, dass es einen Schöpfer gibt, werden wir unsere Entscheidungen so treffen, dass wir Gottes Schöpfung wohltun und sie wohlwollend behandeln.
Sich stets an allen Orten und zu allen Zeiten bewusst zu sein, dass es Gott gibt, führt uns dazu, dieses Wissen, dieses tiefe Gefühl, in all unsere Entscheidungsfindungen hinzuzuziehen, nicht aus Angst, sondern aus Liebe, aus Ehrerbietung, aus Selbstachtung.
Denn nur, wenn man dem Göttlichen vertraut und eine Dienerin, ein Diener Allahs wird, erfährt die Seele Allahs Schönheit. Dann erfahren wir die angeborene Güte fiṭra, die Allah in unsere Herzen gelegt hat und die zum Erblühen kommt, wenn unsere Ausrichtung auf das Göttliche gerichtet ist.
Der gesegnete Monat Ramadan ist eine besondere Zeit, die uns Allah schenkt, um das Herz von den fortwährenden Wünschen der Welt auf die ewige Liebe Allahs zu richten.
Es ist ein Monat, in dem wir uns neu oder erneut auf Allah ausrichten und dies in unseren Handlungen, Worten und unserem Benehmen Ausdruck findet, denn „die beste aller Vorkehrungen ist Gottesbewusstsein.“ (2:197)
So zeigt sich unser Glaube an Allah in unserem Leben.
„Diejenigen, die Glauben erlangen und rechtschaffene Taten vollbringen, wird der Allbarmherzige mit Liebe versehen.“ (19:96)
Der Monat Ramadan ist ein Monat des Vertrauens und des Mutes. Nur, wenn wir wissen, wenn wir unser Herz Allah hinhalten, erfahren wir, wie sehr Gott uns liebt, und können uns von unserer Angst und Furcht vor der unbekannten Zukunft befreien.
Je mehr wir auf Gottes vollkommene Weisheit vertrauen, desto mehr Harmonie fühlen wir in unserem Leben und desto mehr verkörpern wir diese Überzeugung auf unserem Weg und in unseren Zielen.
Es ist diese Mischung aus Ehrfurcht, Vertrauen, Achtsamkeit und Liebe, die uns erlaubt, in den Zustand des adabs, des würdigen, achtsamen Benehmens einzutreten. Es ist taqwa, die uns hilft, uns in die natürlichen Bewegungen und Gesetzlichkeiten des Universums und des Lebens einzubetten.
Taqwa ist eine innere Haltung, die sich auf unsere Seele bezieht und die eine Schnittstelle zwischen Ergebung und Freiheit formt.
Taqwa hilft uns, verantwortungsbewusste Menschen zu werden, ein bewusster Teil der göttlichen Schöpfung mit Rechten und Pflichten zu sein.
Taqwa macht uns innerlich frei, weil wir uns an einer innerlichen Einstellung orientieren und diese unseren Charakter ausmacht und uns beschreibt.
„Wahrlich, der Edelste von euch in der Sicht Allahs ist der, der sich Seiner am tiefsten bewusst ist.“ (49:13)
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