Wenn ich mich dem dritten Kapitel zuwende, der Arbeit von Goodman (in etwas undurchschaubarer Zusammenarbeit mit Perls und anderen), werde ich bei einem umfassenden Modell der Gestalttherapie selbst angelangt sein – zumindest bei einer vollständigen theoretischen Grundlage für solch ein Modell – und bei einem Vorschlag, wie dieses Modell in seiner Anwendung aussehen könnte. (Es blieb in einem Ausmaß, das in der Gestaltliteratur nicht immer richtig eingeschätzt wird, anderen Autoren und Lehrern, insbesondere Laura Perls, Isadore From, Erv und Miriam Polster, Joseph Zinker und vielen anderen überlassen, die anspruchsvolle, theoretische und praktische Arbeit zu vollbringen, die erforderlich war, um diese Grundlage zu einer klinischen und pädagogischen Methodologie mit natürlich vielen Erweiterungen und Verfeinerungen zu entwickeln.) Aber wer ist der Autor dieser ursprünglichen Darstellung? Goodman beansprucht die Autorenschaft auf der Grundlage einer vorläufigen Monographie von Perls (Wysong 1985), und zumindest in der Öffentlichkeit wurde dieser Anspruch niemals in Frage gestellt (obwohl unter anderen Joel Latner behauptet, dass Perls’ ursprüngliches Manuskript etwas besser ausgearbeitet und näher an der endgültigen Version war, als es Goodman zugeben wollte; Latner, persönliche Mitteilung an E. Nevis, 1988). Wie dem auch sei, ein Vergleich der veröffentlichten Texte scheint hinlänglich zu belegen, dass die Urheberschaft von Gestalt Therapy, Bd. II, bei Goodman liegt – unabhängig davon, welches gemeinschaftliche Denken auch den Hintergrund dieser Urheberschaft gebildet haben mag. Die Figur, könnten wir sagen, ist Goodman, aber der Grund schließt sicherlich Perls, Laura Perls und auch andere mit ein. Überdies gibt es bestimmte eindeutige Diskrepanzen in der Akzentuierung, zumindest zwischen den Darstellungen dort und anderen Arbeiten, die unter dem Namen von Perls sowohl vor als auch nach Gestalt Therapy veröffentlicht wurden – die wiederum auf die Handschrift von Goodman in diesem Band hinweisen. Und schließlich gibt es sowohl Diskrepanzen als auch einige regelrechte Widersprüche zwischen Band I und Band II des Buches (von denen einige im Detail im dritten Kapitel erörtert werden); all dies unterstützt Goodmans Behauptung, dass er den zweiten Band »schrieb« und dass sich sein Anteil daran von dem unterscheidet, was er zum ersten Band beitrug. Wenn ich daher in diesem Kapitel und im ganzen Buch die Formulierung »Goodman sagte« oder Variationen davon verwende, meine ich damit, dass zumindest Goodman selbst sich die besondere Behauptung oder das in Frage stehende Argument zu eigen machte, da es aus seiner Feder stammte, ohne dass ich damit eine Vorentscheidung darüber treffen will, ob die Co-Autoren diese spezielle Ansicht teilten oder nicht oder welchen genauen Anteil sie bei ihrer Entstehung hatten.
Im vierten Kapitel werde ich einige der »Erweiterungen und Verfeinerungen« aufgreifen, die ich zuvor erwähnte, insbesondere solche, die ich der Cleveland School zuschreibe; diese stellt selbst einen sehr vielfältigen Ansatz dar, dem jedoch gewisse wiederkehrende Themen und Fragestellungen eigen sind. Wie ich zuvor erwähnte, ist eine Theorie nicht notwendigerweise auch eine Methode, obwohl sie eine solche enthalten kann und von einer jeden auf die jeweils andere geschlossen werden kann. Es ist eines (wie beispielsweise Goodman) zu behaupten, dass die neue Therapie sich der »inneren Struktur des gegenwärtigen Erlebens« (Perls u.a. 1951, 273) widmet, und etwas ganz anderes, wenn man in praktischen und theoretischen Details darlegt, wie genau dies auszusehen hat, welche Methode anzuwenden ist und was eine mögliche Sequenz von Interventionen durch den Therapeuten sein kann. Wieder waren es die Autoren der Cleveland School – einschließlich der Autorenpaare Nevis und Polster sowie Zinker und anderer – die die kreative Anstrengung auf sich nahmen, diese Methodologie auszuformulieren (eine Methodologie, die im wörtlichen Sinn die Dreh- oder Grenzpunkte und ihre Verbindungen aufzeigte). Was Goodman für Perls in dem Sinn war, dass er eine brillante, ursprüngliche Einsicht aufgriff und sie zu einer umfassenden und zusammenhängenden theoretischen Aussage ausformulierte, waren die Autoren von Cleveland während der letzten vier Jahrzehnte in gewisser Hinsicht in Beziehung zu Goodman. So die klassische Arbeit der Polsters, die hervorhoben, was im Gestalt-Sinn mit Kontakt und Widerständen gemeint ist; Zinkers höchst einsichtsvolle, sorgsame und eindrucksvolle Ausarbeitung des Gestalt-Experiments; oder die Erweiterungen des Modells durch die beiden Nevis’ für Anwendungen auf Systeme mit mehreren Personen.
In vielen ihrer Arbeiten und in ihrer Lehre haben die Autoren der Cleveland-Gruppe und andere (wie deren Lehrer Laura Perls und Isadore From) manchmal viele der gleichen Fragen gestellt und Zweifel hinsichtlich bestimmter Teile der überlieferten Theorie geäußert, die auch das zentrale Thema dieses Buches ausmachen. Wie es für das Stadium des Entwerfens einer Methodologie im Rahmen einer Theorieentwicklung angemessen ist, bestand deren Antwort in einigen Fällen darin, dass sie die Probleme in methodischen Begriffen anpackten. Daher tauchen Aspekte wie der Hintergrund einer Gruppe oder sozialen Einheit, das intensive Sich-Einlassen, die kreative Verwendung von »Widerständen«, Probleme des »Charakters« und der »Persönlichkeit« sowie die Verwendung der persönlichen Geschichte in der Psychotherapie häufig als Themen in diesen Schriften und in der Lehre auf. Was ich nun gern in einer späteren Phase bei einem erweiterten Zyklus der Theorieentwicklung hinzufügen würde, ist die Konzentration der Aufmerksamkeit unmittelbar auf diejenigen Bereiche des ursprünglichen Modells, die es schwierig erscheinen lassen, diese Fragestellungen in konsequenter und wirklich praktischer Weise aufzugreifen, und auf die vernachlässigten Erweiterungen der akademischen Gestaltpsychologie in jenen Bereichen, die diese Fragestellungen unterstützen könnten.
Im fünften Kapitel wende ich mich der Integration all dessen zu, was vorher ausgesagt wurde: der Verwendung der Modelle von Lewin und Goldstein bei der Entwicklung eines Konzepts für einen strukturierten Grund; den Konsequenzen dieser organisatorischen Zugehensweise auf die Bewusstseinstheorie des Wandels und die Induktion von Wandel; der daraus resultierenden Verlagerung des Akzents bei der Definition von Kontakt selbst; dem revidierten Verständnis der »Widerstände«, das sich aus dieser Verlagerung ergibt (theoretisch revidiert; in der Praxis, so behaupte ich, ist diese Revision schon lange wirksam); und dem integrierten Modell selbst, das meiner Meinung nach die ganze Bandbreite menschlicher und klinischer Probleme, die zuvor dargestellt wurden, in einer Weise erfassen kann, die folgerichtiger und flexibler ist und viel mehr dem entspricht, was »Gestalt« ist. Um es noch einmal zu wiederholen: Weit davon entfernt, eine Einstellung einnehmen zu wollen, die sich gegen den Geist Perls’ oder Goodmans richtet, sollen diese Argumente zu den grundlegenden Vorannahmen ihres Modells zurückführen, indem ich bestimmte unvollständige oder vernachlässigte Aspekte dieses Modells aufgreife, die heutzutage drängender und vordergründiger sind als damals. Da ich darauf bestehe, mit dem Grund zu beginnen und nicht mit der Figur, werde ich schließlich auf diesem Weg quasi als methodologischem Ertrag zu einem Modell gelangen, welches endlich intrapsychische und zwischenmenschliche oder systemische Probleme in der gleichen theoretischen Sprache behandeln kann – etwas, was vor allem den Klinikern seit den Zeiten Freuds nicht vergönnt war.
Und damit ist meine (keineswegs vorurteilsfreie) Vorausschau auf das Gebiet, das vor uns liegt, praktisch vollständig. (Ob die Argumente, die in diesen fünf Kapiteln vorgebracht werden, vollständig sind oder nicht, bleibt dem Urteil des Lesers überlassen.) Im allgemeinen wurden Fallbeispiele und Veranschaulichungen mit Ausnahme von einigem illustrativen Material aus der frühen Gestaltforschung im ersten Kapitel in der Hoffnung herausgelassen, dadurch einen erzählerischen Rhythmus und die Klarheit einer anderen, eher theoretischen Art und Weise zu erreichen. Einerseits sollte jedes Kapitel für sich stehen können, und der Leser, der eher an dem einen Thema interessiert ist als an dem anderen, sollte in der Lage sein, jedes einzelne Kapitel – oder überhaupt alle Kapitel in beliebiger Reihenfolge – zu lesen und doch wenigstens die Essenz des übergreifenden Gedankenganges zu erfassen, der daher in jeder neuen Phase der Präsentation wiederholt wird. Andererseits versuche ich in jedem Kapitel, diese theoretische Erzählung anzusprechen und in der Richtung voranzutreiben, die oben skizziert wurde (und man beachte den Tonfall eindimensionaler Parteilichkeit, der sich an dieser Stelle meiner Fremdenführung wieder einschleicht). In der Hoffnung, dieses Ungleichgewicht von Theorie und Praxis wenigstens bis zu einem gewissen Grad auszugleichen, werden in den beiden letzten Kapiteln zwei Arten von Fällen präsentiert, zum einen aus dem »klinischen« Bereich und zum anderen aus dem sozialen oder institutionellen Bereich (wobei es angesichts der Neuformulierungen, die in den vorhergehenden Kapiteln entwickelt werden, möglich sein sollte, diese verschiedenen Problemebenen mit den gleichen Begriffen zu erfassen). Ich beanspruche nicht – um einen Punkt noch einmal aufzugreifen, der bereits erwähnt wurde und in den folgenden Kapiteln auch häufig wiederholt wird – der erste zu sein, der dies im Rahmen des Gestaltmodells versucht. Vielmehr geht meine Einschätzung dahin, dass die beste und kreativste Gestaltpraxis vieles von dem, was in dieser theoretischen Neuformulierung aufgegriffen wird, schon verwirklicht hat. Aber die »beste Praxis« nach dem Gestaltmodell, so behaupte ich, wird nicht überall von der Theorie unterstützt, sondern ist gezwungen, einige gewohnheitsmäßige Sprünge, unerklärbare Rückgriffe oder verwirrende Verbindungen vorzunehmen. Das ist ganz gut und schön, wenn man weiß, was man tut, aber es ist sehr schwer zu lehren! Daher besteht meine Hoffnung eigentlich darin, dass die Gestaltlehre am meisten durch dieses Buch beeinflusst werden kann, wobei es mein Ziel ist, jene kreative Praxis auf der Grundlage eines besser organisierten theoretischen Grundes zu unterstützen und zu vermitteln.
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