»Gut«, sagte er, sichtlich erleichtert. »Ich musste es nur wissen.«
»Warum?«
»Weil ich Sie gern zum Essen einladen würde. In ein Restaurant.«
Veronica war bereit, Jochen zum Abendbrot mit nach Hause zu nehmen, und ich fuhr nach Middle Ashton hinaus, um mit meiner Mutter zu reden. Als ich dort ankam, kniete sie im Garten und schnitt den Rasen mit der Gartenschere. Rasenmäher lehnte sie ab; Rasenmäher verabscheute sie; Rasenmäher seien der Tod des englischen Gartens, wie er sich über Jahrhunderte gehalten habe, behauptete sie; Capability Brown und Gilbert White hätten keine Rasenmäher gebraucht; in einem echten englischen Garten dürfe das Gras nur von Schafen abgeweidet oder mit der Sense gemäht werden – und da sie keine Sense besaß oder nicht benutzen konnte, machte es ihr nichts aus, alle zwei Wochen mit der Gartenschere auf den Knien herumzukriechen. Der moderne englische Rasen sei ein abscheulicher Anachronismus, gestreiftes, geschorenes Gras eine grässliche moderne Erfindung – und so weiter und so fort. Ich kannte diese Reden schon und hütete mich, zu widersprechen (doch sie fand nichts dabei, mit dem Auto zum Einkaufen zu fahren, obwohl Capability Brown oder Gilbert White anno dazumal ganz sicher eine Kutsche benutzt hatten). Folglich war ihr Rasen struppig und zerzaust, voller Gänseblümchen und anderem Unkraut – und genau so muss ein Cottage-Rasen aussehen, hätte sie verkündet, hätte ich ihr Gelegenheit dazu gegeben.
»Wie geht’s deinem Rücken?«, fragte ich.
»Heute schon ein bisschen besser«, antwortete sie. »Trotzdem wollte ich dich bitten, mich nachher zum Pub zu schieben.«
Wir setzten uns in die Küche, wo sie mir ein Glas Wein und sich selbst Apfelsaft eingoss. Sie trank nicht, meine Mutter. Ich hatte sie nie auch nur an einem Sherry nippen sehen.
»Rauchen wir eine«, sagte sie, also zündeten wir eine Zigarette an, pafften vor uns hin, redeten über Nebensächliches und schoben die große Aussprache vor uns her, die, wie wir beide wussten, in der Luft lag.
»Hast du dich ein bisschen entspannt?«, fragte sie. »Ich konnte sehen, wie nervös du warst. Warum sagst du mir nicht, was los ist? Liegt es an Jochen?«
»Nein, an dir, zum Teufel noch mal. An dir und an ›Eva Delektorskaja‹. Mir ist das alles schleierhaft. Überleg doch mal, wie das bei mir ankommt, so völlig aus dem Nichts, ohne dass ich je davon geahnt hätte. Ich bin total fertig.«
Sie zuckte die Schultern. »Das war zu erwarten. Es ist ein Schock, ich weiß. An deiner Stelle wäre ich auch ein bisschen schockiert, ein bisschen verstört.« Ihr Blick kam mir seltsam vor; kalt, analytisch, als wäre ich jemand, den sie gerade kennenlernt. »Du glaubst mir nicht so richtig, oder?«, sagte sie. »Du denkst, ich hab nicht alle Tassen im Schrank.«
»Natürlich glaube ich dir. Was denn sonst? Es ist nur so schwer, das zu verkraften – alles auf einmal. Dass nun alles ganz anders ist, alles, was ich mein Leben lang geglaubt habe, soll plötzlich nicht mehr wahr sein.« Ich zögerte kurz und gab mir einen Ruck. »Na los, sag etwas auf Russisch!«
Sie sprach zwei Minuten lang Russisch, wurde dabei immer wütender und stieß den Finger in meine Richtung.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen – es war wie eine Besessenheit, ein Reden in Zungen. Mir blieb die Luft weg.
»Mein Gott«, rief ich. »Wovon hast du denn geredet?«
»Von der Enttäuschung, die mir meine Tochter bereitet. Meine Tochter, die eine intelligente und eigensinnige junge Frau ist und die, hätte sie nur ein bisschen mehr ihrer beträchtlichen Geisteskraft darauf verwendet, logisch über das nachzudenken, was ich ihr erzählt habe, in etwa dreißig Sekunden begriffen hätte, dass ich ihr niemals solche üblen Streiche spielen würde. So, nun weißt du’s.«
Ich trank meinen Wein aus.
»Wie also ging es weiter?«, fragte ich. »Bist du nach Belgien gegangen? Warum heißt du ›Sally‹ Gilmartin? Was ist aus meinem Großvater Sergej geworden und meiner Stiefgroßmutter Irène?«
Sie stand auf, ein wenig triumphierend, hatte ich den Eindruck, und ging zur Tür.
»Immer der Reihe nach. Du wirst es schon erfahren. Du bekommst Antwort auf alle Fragen, die dir nur einfallen. Ich will nur, dass du meine Geschichte sorgfältig liest – gebrauch deinen Verstand. Deinen scharfen Verstand. Auch ich habe Fragen an dich. Jede Menge Fragen. Es gibt Sachen, von denen ich selber nicht weiß, ob ich sie verstehe …« Dieser Gedanke schien sie zu beunruhigen. Sie ging mit finsterer Miene hinaus. Ich goss mir Wein nach, dann dachte ich ans Blasröhrchen – Vorsicht. Meine Mutter kam mit einem neuen Hefter herein, den sie mir gab. Mich packte eine innere Wut, weil ich wusste, dass sie es absichtlich tat – mir ihre Geschichte in Raten zu liefern wie eine TV-Serie. Sie wollte mich bei der Stange halten, ihre Enthüllungen hinauszögern, damit die ganze Wirkung nicht mit einem Mal verpuffte. Statt des großen Erdbebens eine Serie kleiner Erschütterungen – das wollte sie. Um mich auf Trab zu halten.
»Warum gibst du mir nicht den ganzen Kram auf einmal?«, sagte ich gereizter, als ich wollte.
»Ich arbeite noch dran«, erwiderte sie ungerührt, »mache ständig kleine Änderungen. Es soll so gut werden wie nur möglich.«
»Wann hast du das alles geschrieben?«
»In den letzten zwei Jahren. Du siehst ja, dass ich laufend ergänze und streiche und umschreibe, damit alles klar und deutlich wird. Ich möchte, dass es stimmig wirkt. Bring es in Ordnung, wenn du willst – du kannst viel besser schreiben als ich.«
Sie presste meinen Arm, aber mit Gefühl – um mich zu trösten, vermutlich: Meine Mutter mochte körperliche Kontakte nicht sonderlich, daher fiel es schwer, ihre seltenen Affektbezeugungen zu deuten.
»Schau nicht so verdattert«, sagte sie. »Jeder hat seine Geheimnisse. Keiner weiß auch nur annähernd über den anderen Bescheid, egal wie nahe oder vertraut sie sich sind. Ich bin sicher, du hast Geheimnisse vor mir. Hunderte, Tausende. Fass dich an die eigene Nase – das mit Jochen hast du mir monatelang verschwiegen.« Sie streckte die Hand aus und strich mir übers Haar – was sehr ungewöhnlich war. »Mehr hab ich nicht im Sinn, Ruth, glaub mir. Ich will dir nur meine Geheimnisse anvertrauen. Du wirst verstehen, warum ich so lange damit warten musste.«
»Wusste Dad Bescheid?«
Sie zögerte. »Nein. Er wusste nichts.«
Ich dachte eine Weile darüber nach, über meine Eltern und wie ich sie immer gesehen hatte. Kannst du alles vergessen, sagte ich mir.
»Hat er nichts geahnt?«, fragte ich. »Nicht das Geringste?«
»Ich glaube nicht. Wir waren sehr glücklich, das ist alles, was zählt.«
»Warum hast du dann beschlossen, mir das alles zu erzählen? Mir deine Geheimnisse anzuvertrauen, so ganz aus heiterem Himmel?«
Sie seufzte, schaute umher, wedelte fahrig mit den Händen, fuhr sich durchs Haar, trommelte mit den Fingern auf den Tisch.
»Weil«, sagte sie schließlich, »weil ich glaube, dass jemand versucht, mich umzubringen.«
Ich fuhr nach Hause, nachdenklich, langsam, vorsichtig. Jetzt war ich wohl ein wenig klüger, aber langsam machte mir die Paranoia meiner Mutter mehr zu schaffen als die Tatsache ihres seltsamen Doppellebens. Sally Gilmartin war – und daran musste ich mich erst noch gewöhnen – Eva Delektorskaja. Aber warum sollte jemand versuchen, eine sechsundsechzigjährige Frau und Großmutter, die in einem abgelegenen Dorf in Oxfordshire wohnte, umzubringen? Die Sache mit Eva Delektorskaja ging ja noch an, dachte ich, aber die Mordgeschichte ließ sich schon viel schwerer verdauen.
Ich holte Jochen bei Veronica ab, und wir liefen durch Summertown zur Moreton Road. Der Sommerabend war schwül, die Blätter an den Bäumen wirkten müde und schlaff. Seit drei Wochen hochsommerliche Hitze, dabei hatte der Sommer gerade erst angefangen. Jochen war es zu heiß, also zog ich ihm das T-Shirt aus, und wir liefen Hand in Hand, ohne zu reden, jeder in seine Gedanken vertieft.
Читать дальше