Ich wachte zu früh auf, verstört und wütend über meinen üblichen Traum – den Traum, in dem ich tot bin und zuschaue, wie Jochen ohne mich zurechtkommt, meist ohne Probleme und quietschvergnügt. Diese Träume stellten sich ein, als er zu sprechen begann, und ich hasse mein Unterbewusstsein dafür, dass es mir diese Angst, diese abartige Neurose immer mal wieder vor Augen führt. Warum träume ich meinen eigenen Tod? Von Jochens Tod träume ich nie, ich denke nur manchmal daran, selten, eine Sekunde oder zwei, bis ich den Gedanken erschrocken verscheuche. Ich bin fast sicher, dass jedem solche Gedanken kommen, bei Menschen, die man liebt. Das ist die düstere Kehrseite dessen, dass man jemanden wirklich liebt: Man ist gezwungen, sich ein Leben ohne ihn vorzustellen, man muss sich diesen Schrecken, diesen Horror für einen kurzen Moment ausmalen, muss kurz durchs Schlüsselloch schauen, in die große Leere, das große Nichts dahinter. Wir können nicht anders – zumindest ich nicht, und voller Schuldbewusstsein sage ich mir, dass es allen so geht, dass es eine sehr menschliche Reaktion ist. Und ich hoffe, dass ich recht habe.
Ich kroch aus dem Bett und tapste in sein Zimmer hinüber, um zu sehen, was er trieb. Er saß im Bett und malte in seinem Malbuch, Buntstifte und Wachsstifte um sich verstreut.
Ich gab ihm einen Kuss und fragte, was er da male.
»Einen Sonnenuntergang«, sagte er und zeigte mir das Bild voller flammender Gelb- und Orangetöne, die durch blutig düsteres Purpur und Grau begrenzt waren.
»Ein bisschen traurig«, sagte ich, weil ich noch unter dem Eindruck meines Traums stand.
»Nein, ist es nicht, es soll schön aussehen.«
»Was möchtest du zum Frühstück?«, fragte ich.
»Knusprig gebratenen Speck, bitte.«
Ich öffnete für Hamid – heute trug er nicht die neue Lederjacke, nur seine schwarzen Jeans und ein weißes kurzärmliges Hemd und wirkte wie aus dem Ei gepellt, wie ein Pilot. Normalerweise hätte ich ihn damit aufgezogen, aber nach meinem Fauxpas vom Vortag und weil Ludger hinter mir in der Küche war, war es wohl besser, einfach nur nett und freundlich zu sein.
»Hallo, Hamid! Was für ein schöner Morgen!«, rief ich mit allem Frohsinn, den ich aufzubieten hatte.
»Die Sonne scheint wieder«, sagte er mit Grabesstimme.
»So ist es. So ist es.«
Ich drehte mich um und winkte ihn herein. Ludger saß am Küchentisch, in T-Shirt und Shorts, und löffelte seine Cornflakes. Ich ahnte, was in Hamid vorging – sein künstliches Lächeln, sein steifes Benehmen –, aber in Ludgers Gegenwart konnte ich ihm den Unterschied zwischen Schein und Sein nicht erklären, also beschränkte ich mich darauf, die beiden einander vorzustellen.
»Hamid, das ist Ludger, ein Freund von mir aus Deutschland. Ludger – Hamid.«
Am Vortag hatte ich es nicht getan. Ich war zur Haustür hinuntergegangen, hatte Ludger heraufgeholt, im Wohnzimmer abgesetzt und – unter einigen Schwierigkeiten – mit Hamid weitergearbeitet. Als die Stunde zu Ende und Hamid weg war, ging ich zu Ludger – er lag auf dem Sofa und schlief.
Jetzt streckte Ludger die Faust in die Höhe und sagte »Allahu akbar«.
»Sie erinnern sich doch an Ludger?«, sagte ich munter. »Er kam gestern, während unserer Stunde.«
Hamids Gesicht zeigte keine Regung. »Nett, Sie kennenzulernen«, sagte er.
»Wollen wir nach hinten gehen?«, fragte ich.
»Ja. Bitte nach Ihnen, Ruth.«
Ich führte ihn ins Arbeitszimmer. Er war ganz anders als sonst. Er wirkte ernst, fast gequält in gewisser Weise. Ich stellte fest, dass er seinen Bart gestutzt hatte – das machte ihn jünger.
»So«, sagte ich, noch immer im Ton falscher Jovialität, und setzte mich an meinen Schreibtisch. »Wollen wir doch mal sehen, was die Ambersons heute treiben.«
Er ignorierte es. »Dieser Ludger«, sagte er, »ist er der Vater von Jochen?«
»Nein, guter Gott, nein! Wie kommen Sie darauf? Nein – er ist der Bruder von Jochens Vater, der jüngere Bruder von Karl-Heinz. Nein, nein, absolut nicht.« Ich lachte nervös und stellte fest, dass ich sechsmal verneint hatte. Stärker hätte man ein Nein nicht unterstreichen können.
Hamid versuchte vergeblich, seine Erleichterung zu verbergen. Sein Grinsen wirkte fast idiotisch.
»Oh. Schon gut. Nein, ich dachte …« Er hob die Hände. »Verzeihen Sie, ich sollte nicht solche Verschlüsse ziehen.«
»Rückschlüsse.«
»Rückschlüsse. Also: Er ist Jochens Onkel.«
Das stimmte, aber ich musste zugeben, dass ich Ludger Kleist noch nie so gesehen hatte (er war nicht im Geringsten onkelhaft – allein die Verbindung »Onkel« und »Ludger« löste bei mir Grusel aus), und tatsächlich hatte ich ihn auch Jochen als »Freund aus Deutschland« vorgestellt, und bisher hatten sie sich nicht näher kennenlernen können, weil Jochen zu einem Kindergeburtstag gegangen war. Ludger sagte, er wolle »ein Pub« besuchen, und als er am Abend zurückkam, war Jochen schon im Bett. Die Onkelbeziehung musste also warten.
Ludger schlief auf einer Luftmatratze in dem Zimmer, das wir als Esszimmer bezeichneten – zu Ehren der einzigen Dinnerparty, die ich seit meinem Einzug gegeben hatte. Es war, zumindest theoretisch, das Zimmer, in dem ich meine Dissertation schrieb. Auf dem ovalen Tisch stapelten sich Bücher, Notizen und die Entwürfe meiner verschiedenen Kapitel. Entgegen den staubigen Tatsachen hielt ich an dem Glauben fest, dass dies das Zimmer war, in dem ich an meiner Dissertation arbeitete – schon sein Vorhandensein, seine Bestimmung und seine Aufteilung schienen meinem Wunschdenken Realität zu verleihen, oder wenigstens ein bisschen: Dies war der Schauplatz meiner geruhsam-wissenschaftlichen Existenz – mein verworren-chaotisches Alltagsleben nahm die übrige Wohnung ein. Das Esszimmer war meine diskrete kleine Zelle des geistigen Beharrens. Doch mit wenigen Handgriffen zerstreute ich diese Illusion: Wir schoben den Tisch an die Wand; wir legten Ludgers Luftmatratze auf den Teppich, und aus dem Esszimmer war wieder ein Gästezimmer geworden – eins, in dem sich Ludger sehr wohlfühlte, wie er behauptete.
»Wenn du wüsstest, wo ich schon überall geschlafen habe«, sagte er und zog das rechte Augenlid nach unten. »Mein Gott, Ruth, für mich ist das hier das Ritz.« Und dann stieß er einen dieser schrillen Lacher aus, die ich besser kannte, als mir lieb war.
Wir, Hamid und ich, wandten uns den Ambersons zu. Die Familie will in die Ferien fahren, nach Dorset, doch Keith Amberson kann das Auto nicht starten. Jede Menge Verben im Conditional Perfect. Ich hörte Ludger durch die Wohnung laufen.
»Bleibt Ludger lange?«, fragte Hamid. Offenbar hatten wir beide nur Ludger im Sinn.
»Ich glaube nicht«, erwiderte ich, wobei mir einfiel, dass ich ihn noch gar nicht gefragt hatte.
»Sie sagten, Sie hätten ihn für tot gehalten. War es ein Unfall?«
Ich beschloss, ihm die Wahrheit zu sagen. »Man hatte mir gesagt, er sei von der westdeutschen Polizei erschossen worden. Aber das war offensichtlich nicht der Fall.«
»Von der Polizei erschossen? Ist er ein Verbrecher?«
»Sagen wir, ein Radikaler. Eine Art Anarchist.«
»Und warum ist er dann hier?«
»In ein paar Tagen wird er weg sein«, log ich.
»Ist es wegen Jochens Vater?«
»Sie haben aber viele Fragen, Hamid.«
»Entschuldigung.«
»Ja – ich glaube, ich lasse ihn für ein paar Tage bei mir wohnen, weil er der Bruder von Jochens Vater ist … Aber wollen wir nicht lieber weitermachen? Also: Will Keith get his car fixed? What should Keith have done?«
»Sind Sie immer noch in Jochens Vater verliebt?«
Ich starrte ihn verdattert an. Hamids braune Augen waren auf mich gerichtet, bohrend, intensiv.
»Nein«, sagte ich. »Natürlich nicht. Ich habe ihn vor fast zwei Jahren verlassen. Deshalb bin ich mit Jochen nach Oxford zurückgezogen.«
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