1 ...8 9 10 12 13 14 ...17 Sie suchte sich eine bemooste Mulde zwischen den Wurzeln eines Baumes, zog den Regenmantel über und kroch in ihr provisorisches Bett. Ein Sandwich aß sie, die anderen hob sie auf. Bis jetzt machte ihr dieses Abenteuer ziemlichen Spaß, sie freute sich beinahe auf ihre Nacht unter freiem Himmel. Das Rauschen des Flusses, der flink über die runden Kiesel und Steine strömte, war beruhigend; sie fühlte sich nicht ganz so allein. Und sie spürte auch nicht das Bedürfnis, mit der Kerze gegen die Dunkelheit anzugehen – eigentlich war sie recht froh, dass sie einmal von ihren Kollegen und Ausbildern in Lyne Manor wegkam.
Nach der Ankunft in Edinburgh war Staff Sergeant Law mit ihr südwärts gefahren und dann am Tweed entlang, durch mehrere kleine und in ihren Augen fast identische Fabrikstädte. Nach der Überquerung des Flusses stießen sie in eine einsamere Landschaft vor. Hier und da sah man flache, massive Farmhäuser mit ihren Stallungen und blökenden Schafherden. Die Hügel ringsum, von Schafen bevölkert, wurden höher, die Wälder dichter und urwüchsiger. Dann, zu ihrer Überraschung, fuhren sie durch das schmiedeeiserne Tor eines Landguts mit hübschen Portalhäuschen zu beiden Seiten und weiter auf einem gewundenen Fahrweg, der von alten Buchen flankiert war und zu zwei großen weißen Gutshäusern führte, die von gepflegtem Rasen umgeben und so ausgerichtet waren, dass sie eine westwärts gelegene Schlucht überblickten.
»Wo sind wir?«, fragte sie Law, stieg aus dem Auto und betrachtete die kahlen, runden Bergrücken zu beiden Seiten.
»Lyne Manor«, sagte er, ohne weitere Erklärungen abzugeben.
Die zwei Häuser waren, wie sie jetzt sah, Teile eines einzigen. Was wie ein zweites ausgesehen hatte, war tatsächlich der Seitenflügel, ebenfalls stuckverziert und weiß getüncht, aber offensichtlich jüngeren Datums als das ein Stockwerk höhere Haupthaus mit seinen dicken Festungsmauern und kleinen, unregelmäßigen Fenstern unter einem dunklen Schieferdach. Sie hörte das Rauschen eines Flusses und sah hinter Bäumen, die etwas weiter entfernt standen, die Lichter eines weiteren Gebäudes. Nicht ganz aus der Welt, dachte sie, aber fast.
Nun, da sie im Wurzelbett ihres Baumes lag, schläfrig vom beständig wechselnden Rauschen des Flusses, dachte sie an die zwei seltsamen Monate in Lyne Manor, an die Dinge, die sie dort gelernt hatte. Sie betrachtete das Ausbildungslager als eine Art exzentrische Internatsschule, und es war eine sonderbare Ausbildung, die sie dort erhielt: zuerst morsen, morsen ohne Ende, bis zur fortgeschrittensten Stufe, auch Stenografie und das Schießen mit diversen Handfeuerwaffen. Sie hatte Autofahren gelernt, sie konnte Karten lesen und den Kompass gebrauchen. Sie wusste, wie man Kaninchen und andere Nager fing, häutete und zubereitete, wie man Spuren verwischte und falsche Fährten legte. In weiteren Kursen hatte man ihr beigebracht, einfache Codes zu entwickeln und zu knacken. Sie hatte gelernt, wie man Dokumente fälschte, konnte Namen und Daten mit verschiedenen Spezialtinten und winzigen Schabwerkzeugen verändern und wusste, wie man mit einem zugeschnittenen Radiergummi amtliche Stempel nachmachte. Sie wurde mit der menschlichen Anatomie vertraut gemacht, lernte, wie der Körper funktionierte, worin sein Nahrungsbedarf und seine vielen Schwachstellen bestanden. In den ahnungslosen Fabrikstädtchen war sie zu belebter Stunde darauf trainiert worden, Verdächtige zu beschatten, allein, zu zweit oder zu mehreren. Sie wurde auch selbst verfolgt und allmählich vertraut gemacht mit den Anzeichen einer Beschattung sowie allen möglichen Methoden, ihr zu entgehen. Sie lernte, wie man unsichtbare Tinte herstellte und wie man sie sichtbar machte. All das war interessant, gelegentlich faszinierend, aber das »Scouting«, wie man diese Fähigkeiten in Lyne nannte, war nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen konnte: Sobald der Eindruck entstand, dass ihnen das Training gefiel oder gar Spaß machte, wurden Law und seine Ausbilderkollegen mürrisch und abweisend. Aber gewisse Besonderheiten ihrer Ausbildung gaben ihr Rätsel auf. Wenn die anderen, die mit ihr »studierten«, zum Flugplatz Turnhouse bei Edinburgh fuhren, um Fallschirmspringen zu lernen, durfte sie nicht mit.
»Warum nicht?«, fragte sie.
»Mr Romer sagt, das ist nicht nötig.«
Aber offenbar legte Mr Romer Wert auf andere Fähigkeiten. Zweimal in der Woche fuhr Eva allein mit dem Zug nach Edinburgh, wo sie bei einer schüchternen Frau in Barnton Sprechunterricht erhielt, bis langsam, aber sicher alle Spuren ihres russischen Akzents getilgt waren. Jetzt sprach sie wie die Schauspielerinnen in englischen Filmen, ein steifes, abgehacktes Englisch mit seltsamen Vokalen: Statt »man« sagte sie »men«, statt »hat« sagte sie »het«, ihre Konsonanten waren scharf und präzise, ihre R ein wenig rollend. Sie lernte sprechen wie eine junge Mittelstandsengländerin mit Privatschulbildung. Niemand fragte nach ihrem Französisch oder ihrem Russisch.
Dieselbe Spezialbehandlung wurde ihr zuteil, als die anderen zu einem dreitägigen Selbstverteidigungskurs nach Perth geschickt wurden. »Mr Romer sagt, das ist nicht nötig«, hieß es, als sie sich wunderte, weil sie keinen Marschbefehl erhielt. Dann kam ein seltsamer Mensch nach Lyne, der ihr Einzelunterricht erteilte. Er hieß Mr Dimarco, war ein kleiner, sehr gepflegter Herr mit scharf getrimmtem und pomadisiertem Schnurrbart, und er zeigte ihr seinen Vorrat an Gedächtnistricks – früher hatte er auf Jahrmärkten gearbeitet, wie er sagte. Eva lernte, Zahlen mit Farben zu verbinden, und bald zeigte sich, dass sie sich mühelos bis zu zwanzig Sequenzen fünfstelliger Zahlen merken konnte. Sie spielten komplizierte Varianten von Gedächtnisübungen mit über hundert Gegenständen, die auf einem langen Tisch versammelt waren – und nach zwei Tagen war sie zu ihrer eigenen Überraschung in der Lage, sich mehr als achtzig dieser Gegenstände zu merken. Man zeigte ihr einen Film und unterzog sie danach einer ausführlichen Befragung: Hatte der dritte Mann von links in der Kneipe einen Hut auf oder nicht? Wie lautete das Kennzeichen des Fluchtautos? Trug die Frau an der Hotelrezeption Ohrringe? Wie viele Stufen führten zur Haustür des Schurken? … Sie begriff, dass man ihr beibrachte, Augen und Verstand in völlig neuer Weise zu gebrauchen, sodass sie sich mit ihren Methoden des Beobachtens und Erinnerns gänzlich von der Masse der Menschen unterschied. Und anhand dieser neuen Fähigkeiten sollte sie die Welt mit einer Präzision und Systematik beobachten und analysieren, die nichts mehr mit gewöhnlicher Neugier zu tun hatten. Alles, aber auch wirklich alles sollte zum potenziellen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit werden. Niemand sonst bekam diese Ausbildung bei Mr Dimarco, nur Eva. Auch das sei eine von Mr Romers Spezialanforderungen, gab man ihr zu verstehen.
Als es schließlich dunkel war am Fluss, so dunkel, wie eine schottische Sommernacht nur sein konnte, knöpfte sie ihren Regenmantel zu und faltete das Umhängetuch zum Kissen. Das Licht des Halbmonds hatte die Farben des Tages in die Monochromie der Nacht überführt und verwandelte den Fluss mit den knorrigen Bäumen in eine Szenerie von geisterhafter Schönheit.
Nur zwei andere »Gäste« waren schon so lange in Lyne wie sie: ein junger, hagerer Pole, genannt Jerzy, und eine Frau Mitte vierzig, Mrs Diana Terme. Es gab nie mehr als acht oder zehn Gäste zur selben Zeit, auch das Personal wechselte regelmäßig. Sergeant Law schien zum festen Inventar zu gehören, aber selbst er wurde für zwei Wochen von einem wortkargen Waliser namens Evans abgelöst. Die Gäste bekamen täglich drei Mahlzeiten in der Kantine des Haupthauses, von der man einen weiten Blick über das Tal und den Fluss hatte, und bedient wurden sie von jungen Rekruten, die kaum ein Wort sagten. Untergebracht waren die Gäste im neueren Flügel; Frauen in der einen Etage, Männer in der anderen, jeder hatte sein eigenes Zimmer. Es gab sogar einen Clubraum mit Radio, Teebereiter, Zeitungen und ein paar Illustrierten – aber Eva hielt sich selten dort auf. Ihre Tage waren ausgefüllt: Das Kommen und Gehen und der niemals artikulierte, aber allen bekannte Grund ihres Hierseins sorgten dafür, dass gesellige Kontakte riskant erschienen und irgendwie nicht gediehen. Aber es gab noch andere Gründe, private Beziehungen zu vermeiden oder mit Vorsicht zu genießen.
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