Sie würde wohl kaum wieder einschlafen, dazu war sie viel zu munter, aber während sie so dalag, wurde ihr bewusst, dass sie noch nie so allein gewesen war, und sie fragte sich, ob auch das Teil der Übung war – so völlig allein gelassen zu werden, nachts in einem fremden Wald an einem fremden Fluss, und zu sehen, wie sie damit zurechtkam –, denn das hatte ja nichts mit Pfadfinderei und Orientierungskunst zu tun, es war nur eine Methode, jemanden für ein paar Stunden ganz auf sich selbst zurückzuwerfen. Sie lag da, bildete sich ein, dass es schon heller wurde, dass die Morgendämmerung bevorstand, und ihr wurde bewusst, dass sie die ganze Nacht ohne Angst überstanden hatte. Vielleicht, dachte sie, ist das der eigentliche Ertrag dieses Spiels, das Sergeant Law mit mir veranstaltet.
Die Morgendämmerung kam überraschend schnell – Eva hatte keine Ahnung, wie spät es war; die Uhr hatte man ihr abgenommen, aber es kam ihr absurd vor, nicht auf den Beinen zu sein, während die Welt um sie erwachte, also ging sie zum Fluss, wo sie pinkelte, Gesicht und Hände wusch, Wasser trank, ihre Feldflasche füllte und das restliche Käsesandwich aß. Sie saß am Ufer, kauend, trinkend, und kam sich wie ein tierisches Wesen vor, ein menschliches Tier voller Instinkte und Reflexe, so wie sie es nie zuvor empfunden hatte. Es war lächerlich, wenn sie es bedachte: Sie hatte nur eine Nacht im Freien verbracht, eine balsamisch milde Nacht zudem, ausreichend gekleidet und mit Proviant versorgt, aber zum ersten Mal in den zwei Monaten ihres Aufenthalts in Lyne empfand sie so etwas wie Dankbarkeit für die seltsame Prozedur, der man sie aussetzte. Sie machte sich auf den Weg, flussabwärts, mit stetigem gemessenem Schritt und im Herzen ein Gefühl der Erhebung und Befreiung, das sie niemals für möglich gehalten hätte.
Nach einer Stunde etwa kam sie zu einem befestigten Weg, der sie aus dem Tal herausführte. Zehn Minuten später nahm sie ein Farmer in seiner Ponykutsche mit und brachte sie bis zur Straße nach Selkirk. Von dort waren es noch zwei Meilen bis zur Stadt, und wenn sie erst in Selkirk war, konnte sie herausfinden, wie weit sie von Lyne entfernt war.
Ein Touristenpaar aus Durham nahm sie bis nach Innerleithen mit, und dort nahm sie ein Taxi, um die letzten paar Meilen bis Lyne zurückzulegen. Sie ließ das Taxi eine halbe Meile vor der Einfahrt halten, bezahlte den Fahrer und umrundete den Berg, der dem Haus gegenüberlag, um sich von den Wiesen her zu nähern, als hätte sie nur einen kurzen Vormittagsbummel gemacht.
Beim Näherkommen sah sie Sergeant Law und den Laird auf dem Rasen vor dem Gutshaus stehen und nach ihr Ausschau halten. Sie öffnete die Pforte zur Brücke über den Fluss und schritt ihnen entgegen.
»Sie sind die Letzte, Miss Dalton«, sagte Law. »Trotzdem ein Lob. Sie waren am weitesten entfernt.«
»Allerdings hatten wir nicht gedacht, dass Sie um den Cammlesmuir herumgehen«, sagte der Laird augenzwinkernd. »Oder, Sergeant?«
»Wohl wahr, Sir. Miss Dalton ist immer für Überraschungen gut.«
Sie ging in die Kantine, wo man ihr eine kalte Mahlzeit aufgehoben hatte – Büchsenschinken und Kartoffelsalat. Aus einer Karaffe schenkte sie sich Wasser ein und stürzte es hinunter, dann noch ein Glas. Sie saß allein da und zwang sich, langsam zu essen und nicht zu schlingen, obwohl sie einen Bärenhunger hatte. Sie war hochzufrieden mit sich. Kolja hätte sich gefreut, dachte sie und lachte innerlich. Sie wusste nicht genau, warum, aber sie hatte das Gefühl, dass sie sich in einem kleinen, aber ganz entscheidenden Punkt geändert hatte.
Princes Street, Edinburgh, ein normaler Wochentag Anfang Juli, der kalte böige Wind trieb regenschwere Wolkenberge vor sich her. Die Edinburgher, Feriengäste, Einkaufende gingen an diesem Morgen ihren Geschäften nach, bevölkerten die Gehsteige und stauten sich an Kreuzungen und Haltestellen. Eva Delektorskaja kam vom St. Andrews Square herunter und bog rechts in die Princes Street ein. Sie lief schnell, zielstrebig, ohne sich umzusehen, aber sie war erfüllt von der Gewissheit, dass mindestens sechs Leute sie beschatteten: zwei vor ihr, die ihr entgegenkamen, und vier hinter ihr, vielleicht auch ein siebenter, ein Irrläufer, der Instruktionen von den anderen empfing, nur um sie zu verwirren.
Sie blieb vor gewissen Schaufenstern stehen und prüfte im Spiegelbild, ob sie jemanden wiedererkannte, ob Leute ihr Gesicht verdeckten, mit dem Hut, einer Zeitung oder einem Reiseführer – aber sie sah nichts Auffälliges. Und wieder die Richtung wechseln: Sie lief über die breite Straße zum Waverley Garden hinüber, huschte zwischen einer Straßenbahn und einem Bierwagen hindurch, rannte zwischen zwei Autos zum Sir-Walter-Scott-Denkmal, hinter dem sie auf dem Absatz kehrtmachte, um dann mit beschleunigtem Schritt in Richtung Carlton Hill zu laufen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, schlüpfte sie ins North British Hotel, und das so flink, dass der Portier keine Zeit hatte, den Hut zu lüften. An der Rezeption verlangte sie ein Zimmer und wurde in den vierten Stock gebracht. Ohne Zögern fragte sie nach den Preisen und nach dem Weg zur Toilette. Draußen, so viel wusste sie, herrschte momentane Verblüffung, aber zumindest einer hatte sicher gesehen, wie sie im Hotel verschwand. Man würde sich absprechen, und binnen fünf Minuten wäre jeder Ausgang bewacht. »Gehen Sie hinaus, wie Sie hineingekommen sind«, sagte Law immer, »das ist der Ausgang, der am wenigsten bewacht wird.« Ein guter Rat – nur dass ihn alle ihre Verfolger ebenfalls kannten.
Wieder in der Lobby, nahm sie ein rotes Kopftuch aus der Tasche und band es um. Sie zog den Mantel aus und hängte ihn über den Arm. Als sich eine Reisegruppe, die den draußen wartenden Omnibus besteigen wollte, an der Drehtür staute, mischte sie sich unter die Leute und fragte einen Mann mit viel Emphase nach dem Weg zur Royal Mile, um dann hinter dem Bus erneut über die Princes Street zu laufen. Langsam schlenderte sie westwärts und blieb immer wieder vor Schaufenstern stehen, um sie als Spiegel zu benutzen. Da war ein Mann mit grüner Jacke – hatte sie den nicht schon auf der anderen Straßenseite gesehen? Er hielt Abstand zu ihr und drehte ihr ab und zu den Rücken zu, um zur Burg hinaufzusehen.
Sie rannte ins Jenners, hinauf in die dritte Etage, durch den Herrenausstatter in Richtung Damenhüte. Die grüne Jacke hatte es bestimmt gesehen und den anderen mitgeteilt, dass sie im Kaufhaus war. Sie betrat die Damentoilette und lief an den Abteilen vorbei bis zum hinteren Ende. Dort befand sich ein Personaleingang, der ihrer Erfahrung nach nie verschlossen war. Sie drehte den Knauf, die Tür gab nach, und sie schlüpfte hindurch.
»Verzeihung, Miss, hier ist kein Durchgang.« Zwei Verkäuferinnen saßen auf einer Bank und rauchten.
»Ich suche Jenny, Jenny Kinloch. Ich bin ihre Schwester. Es hat einen schrecklichen Unfall gegeben.«
»Hier gibt es keine Jenny Kinloch, Miss.«
»Aber man hat mir gesagt, ich soll in die Personalabteilung gehen.«
Also wurde sie durch Korridore und über Hintertreppen, die nach Linoleum und Bohnerwachs rochen, zur Personalabteilung geführt. Auch dort kannte man keine Jenny Kinloch. Eva sagte, sie müsse telefonieren, vielleicht habe sie irgendetwas falsch verstanden, vielleicht sei es nicht das Jenners, sondern ein anderes Kaufhaus, das Binns. Ungeduldig zeigte man ihr eine Telefonkabine. Sie ging hinein, nahm das Kopftuch ab, löste ihr langes Haar, wendete den Mantel von innen nach außen und verließ das Kaufhaus durch den Personaleingang in der Rose Street. Sie wusste, jetzt hatte sie alle Verfolger abgeschüttelt. Das hatte sie immer geschafft, aber diesmal waren sechs Mann auf sie angesetzt gewesen …
»Eva!« Hinter ihr kam jemand gerannt.
Sie drehte sich um: Es war Romer, ein wenig außer Atem, sein drahtiges Haar zerzaust. Er bremste ab, fuhr sich übers Haar.
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