Die Schattenseiten von Carrickfergus sind dagegen gut versteckt. Auf der rechten Seite hoch über der Stadt liegt die Glenfield-Siedlung. Bei schönem Wetter soll man Schottland von hier aus sehen können. Doch wer in Glenfield wohnt, ist nicht wegen der Aussicht hier, sondern weil er keine andere Wahl hat. Fünfzehn Prozent der zweihundertdreißig Häuser stehen leer, sie sind mit Wellblech und Brettern verbarrikadiert, damit sie nicht von Jugendlichen zerstört werden. Keiner will die Häuser haben, obwohl mehr als hundert Menschen auf der Warteliste des Wohnungsamts stehen. »Selbst die Obdachlosen wollen nicht einziehen«, sagt eine Anwohnerin. »Hier regiert die UVF.«
Der gesamte Küstenstreifen von Larne bis nach Belfast ist zu fünfundneunzig Prozent protestantisch, Carrickfergus ist die traditionelle Hochburg der Ulster Volunteer Force (UVF), jener bewaffneten Organisation, die sich Loyalität zur britischen Krone auf ihre Fahnen geheftet hat. In der Glenfield-Siedlung kontrollieren die Mitglieder den Drogenhandel, so heißt es. »Wer ihnen ins Gehege kommt, macht mit ihren Eisenstangen und Baseballschlägern Bekanntschaft«, erzählt die Anwohnerin.
Neben dem kleinen Einkaufsladen am Rand der Siedlung steht ein elektrischer Generator. Um den hässlichen Kasten zu verschönern, hat der zuständige Stadtrat Billy Hamilton vom politischen Flügel der UVF einen Künstler beauftragt, der unter Mithilfe der Kinder eine Landschaft malte. »Am nächsten Tag waren Gemälde und Generator abgebrannt«, sagt Hamilton. »Die Jungs mochten es nicht – wegen der orangefarbenen Sonne, der weißen Wolken und der grünen Wiese.« Orange – Weiß – Grün: Das sind die Farben der irischen Trikolore. Stattdessen prangt auf dem neuen Generator King Billy, wie Wilhelm III. von seinen Anhängern fast zärtlich genannt wird.
Und Anhänger hat er in Carrickfergus viele. Die Stelle an der Pier, wo er am 14. Juni 1690 landete, bevor er einen Monat später seinen katholischen Widersacher und Schwiegervater Jakob II. in der Schlacht am Boyne besiegte und die protestantische Thronfolge sicherte, ist durch eine Plakette markiert. Es dauerte zweihundertsiebzig Jahre bis zum nächsten Besuch einer königlichen Hoheit: Queen Elizabeth kam 1960 mit ihrer Jacht »Britannia« nach Carrickfergus. Darauf wird auch bei der historischen Gondelfahrt, der jüngsten Attraktion von Carrickfergus, stolz verwiesen.
Hinter dem Rathaus, dem früheren Gerichtsgebäude, wo die Hexenprozesse stattfanden, liegt die Antrim Street. Wo damals das Gefängnis war, kann man sich heute in rot-blau angestrichenen Gondeln, die an einer Schiene hängen, in fünfzehn Minuten durch achthundert Jahre Geschichte schaukeln lassen. Während man zunächst über den mit einer Glaskuppel überdachten Innenhof schwebt, dröhnen aus den in die Gondel eingebauten Lautsprechern Informationen: Es geht zuerst um Auswanderung, um die Jacksons und um Fischfang. Unter der Glaskuppel schlängeln sich silbrige Fische, die durch einen Elektromotor bewegt werden. Dann biegt die Gondel in das Innere des alten Gefängnisses ein.
Es ist stockfinster. Plötzlich tauchen die Hexen von Islandmagee auf und quälen die arme Mary Dunbar. Eine schwarze Katze mit funkelnden Augen schreit, und hinter der nächsten Biegung hängen zwei heruntergekommene Gestalten am Galgen. Es sei wie in einer Zeitmaschine, ruft es aus dem Lautsprecher. In Wirklichkeit ist es wie eine Geisterbahn mit Schlachtenlärm und Schießpulvergeruch. Am Ausgang steht eine wächserne Nachbildung von Deafy McKie, dem tauben Glöckner aus dem 19. Jahrhundert. Eine furchterregende Gestalt: zottelige weiße Haare, ein wilder Bart und ein brauner, zerschlissener Mantel. In der Hand hält er eine schwere Messingglocke. Ein Witzbold hat ihm den Klöppel gestohlen, und so schwingt Deafy seine Glocke, ohne zu merken, dass sie keinen Ton von sich gibt.
Vor dem Tor des Gefängnisses fand 1844 die letzte öffentliche Hinrichtung statt. Der Soldat Cordorey hatte seinen vorgesetzten Sergeanten im Streit um eine Frau erschossen. Weil er erst neunzehn Jahre alt war, empörte man sich über die Hinrichtung, und fortan wurden die Leute hinter verschlossenen Türen ins Jenseits befördert.
Oder sie kamen ins Burgverlies, das bis weit ins 19. Jahrhundert als Staatsgefängnis diente. Heute ist es so etwas wie ein mittelalterliches Disneyland mit nachgebildeten Rittern zu Pferde, Bogenschützen, Burgfräulein – und Gefangenen, deren jämmerliches Wimmern vom Band tönt. Eine Touristin aus Boston, die am vergitterten Fenster ein Streichholz angezündet hat, schreit plötzlich auf: Aus dem dunklen Verlies reckt sich ihr eine Plastikhand entgegen. »Sieht verdammt echt aus«, meint sie erleichtert.
Im Inneren der Burg gibt es eine Glasplatte im Fußboden. Wenn man sich daraufstellt, sieht man in ein großes Loch, das bis tief in den Felsen reicht. Es ist der Brunnen, den Fergus gesucht hat. Jener Fergus, König von Schottland, kam im sechsten Jahrhundert nach Irland, um den legendären Brunnen zu finden, dessen Wasser ihn von der Lepra heilen sollte. Doch sein Schiff zerschellte an dem Felsen, auf dem jetzt die Burg steht. Carrickfergus: der Felsen des Fergus.
Ganz oben unter dem Dach ist ein Spielzimmer für Kinder eingerichtet: überdimensionale Schachfiguren, mittelalterliche Würfelspiele sowie Umhänge, Pluderhosen und Narrenkappen zum Verkleiden. Für einen Moment kommt die Sonne durch, und aus dem Fenster hoch über dem Felsen kann man über das glitzernde Meer bis zum Kraftwerk auf Islandmagee blicken.
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