Islandmagee ist eine elf Kilometer lange Halbinsel nördlich von Belfast. Ausländische Touristen verirren sich nur selten hierher, obwohl die Hafenstadt Larne gleich nebenan ist, wo die Fähren aus Schottland anlegen. Wenn man die Stromleitungen einmal außer Acht lässt, wirkt Islandmagee wie eine vergessene Insel, die sich vom Küstenstreifen, vor dem sie herausragt, durch viele Kleinigkeiten unterscheidet: Während in Whitehead, der letzten Ortschaft vor der Abzweigung auf die Halbinsel, mehrere Wellblechcontainer mit politischen Parolen bemalt sind, sucht man auf Islandmagee vergeblich nach Graffiti; Bed-and-Breakfast-Hinweisschilder sind seltener, die Straßen unebener, die Menschen gelassener. Islandmagee habe einen ganz eigenen Charakter, sagt Rosemary Evans vom nordirischen Fremdenverkehrsamt.
Die Spitzen der vielen Hügel auf Islandmagee sind schneebedeckt. Von Weitem sehen auch die zwölf grünen Lastzüge, die an der kleinen Straße zum Hafen von Ballybay geparkt sind, wie eingeschneite Hügel aus. Die Lastwagen gehören einer Spedition, die hier ihre Niederlassung hat. Ein paar Kilometer weiter führt die Straße steil zum Hafen hinunter. Das Gefälle betrage fünfundzwanzig Prozent, so warnt ein Schild. Am Ende der Straße liegt links ein großer Parkplatz, doch weit und breit ist kein Auto zu sehen. Die kleine blaue Holzhütte, wo im Sommer Erfrischungen verkauft werden, ist mit Brettern vernagelt. Der Wohnwagenplatz auf der anderen Seite der Straße ist geschlossen, die Palmen an der Einfahrt scheinen wie eine ferne Erinnerung an das vom Golfstrom geprägte, eigentlich milde irische Klima. Selbst der Bauernhof neben dem Caravan Park scheint verlassen.
Lediglich bei einem der vier zweistöckigen Reihenhäuser links am Hügel steigt Rauch aus dem Schornstein. Frau Dunwoody hat ein Torffeuer im Kamin angezündet. Sie hat Mitleid mit uns und lädt uns zu einer Tasse Tee ein. Ihre grauen Haare sind kurz geschnitten, sie trägt eine ausgebeulte Strickjacke aus grün gefärbter Schafwolle. Ob wir noch bei Trost seien, bei diesem Wetter im Hafen herumzulaufen, will sie wissen. Der Wind ist jetzt stärker geworden und peitscht die graue See über den Strand. Im Sommer sei es anders, sagt Frau Dunwoody. Da kämen an den Wochenenden die Leute aus Belfast und Larne und badeten in der Irischen See.
Sie wohnt seit neun Jahren in dem Sozialbau mit drei kleinen Zimmern, Küche und Bad. »Seit mein Mann gestorben ist«, sagt sie. Dann trägt sie den Tee auf einem silbernen Tablett auf, dazu gibt es Schokoladenkekse. Frau Dunwoody stammt aus Larne. Kinder hat sie nicht, aber einmal im Monat fährt sie nach Belfast und besucht ihre Schwester. Ob wir schon den Dolmen gesehen hätten, fragt sie. Das sei die berühmteste Sehenswürdigkeit auf Islandmagee.
Wir fahren zur Ballylumford Road Nummer 91. Links vom Haus führt ein Tor in den Hof. Auf den beiden Betonsockeln beiderseits des Tores stehen zwei furchterregende Steinfiguren, vermutlich Löwen, aber genau kann man es nicht erkennen. Ein Schild daneben weist auf den »Ballylumford Dolmen« hin: ein Grab mit nur einer Kammer, das zwischen 2000 und 1500 errichtet wurde. »Funde deuten auf die Bronzezeit hin«, steht auf dem Schild, »aber es gibt keine Beweise für eine Verbindung zu den Druiden.«
Der Dolmen steht direkt vor der roten Eingangstür des Hauses. Vier riesige Grundsteine, auf denen eine massive Steinplatte ruht, drumherum eine schwarze Kette. Wenn man ins Haus will, muss man sich an dem Ungetüm vorbeizwängen. Vermutlich benutzt die Familie den Hintereingang. Warum hat man das Haus ausgerechnet so gebaut, dass der Dolmen genau vor dem Eingang steht? Zwar ist das Haus fast ein Vierteljahrtausend alt, aber der Dolmen war schon vorher da. Es ist niemand zu Hause, den man fragen könnte. Im Fenster warnt ein rotes Schild: »Privat!« Für diejenigen, die sich davon nicht abschrecken lassen, gibt es eine zweite Warnung: »Vorsicht vor dem Hund!«
Ein schwarzer Hund aus Holz ist auch an das Gartentor in der Gobbins Road Nummer 181 genagelt. Er sieht aus, als ob er gerade im Begriff sei, einen Haufen zu machen. Merkwürdigerweise handelt es sich bei dem Haus um Mrs. P. Quinns »Inglenook Cattery«, ein Ferienheim für Katzen, deren Besitzer Urlaub ohne ihr Haustier machen wollen – »vom Ministerium zugelassen«, wie ein Schild versichert. Frau Quinn führt ein strenges Regime: »Der Katzenzwinger schließt um achtzehn Uhr«, steht neben der Klingel.
Ein kleiner Junge, er ist etwa acht, kommt aus dem Haus gelaufen. Wir fragen ihn, wo die Gobbins, die steilen Basaltklippen, seien. Er zeigt nach Osten. »Es ist gar nicht weit zu der Stelle, wo die Soldaten aus Carrickfergus die Einheimischen von den Gobbins ins Meer warfen«, erzählt er. In der Nacht des 23. Oktober 1641 griffen die einheimischen Iren in der ganzen Provinz Ulster die protestantischen Siedler an, die von der englischen Krone für treue Dienste mit Grundbesitz in Irland belohnt worden waren. Viele der Siedler flohen nach Carrickfergus, eine Garnisonsstadt zehn Kilometer südlich von Islandmagee. Dort stellte der schottische General Munro eine Armee von dreitausend Mann auf, schlug die Rebellion blutig nieder und rächte sich mit einem Massaker an den Bewohnern von Islandmagee.
Das habe er in der Schule gelernt, sagt John, so heißt der Junge. Sein Freund Phil, der ein gutes Stück älter ist, kennt eine andere Geschichte. Ganz in der Nähe habe Mary Dunbar gewohnt, die im Jahr 1711 berühmt wurde, weil sie acht Frauen an den Pranger gebracht hatte, sagt er. »Sie wohnte im Haus von Herrn Hattridge, und dort geschahen merkwürdige Dinge. Gegenstände bewegten sich plötzlich. Als Mary Dunbar dann auch noch schmerzhafte Anfälle bekam, waren die Nachbarn überzeugt, dass sie von Hexen gequält wurde.« Der Hexenglaube war damals weit verbreitet. Nach jedem Anfall beschrieb Mary Dunbar eine der Übeltäterinnen, die sie für ihr Leiden verantwortlich machte, und nannte sie beim Namen, obwohl sie die acht Frauen vorher angeblich nie gesehen hatte.
Die Church of Ireland verhörte die Frauen. Sie beherrschten zwar die einschlägigen Gebete und konnten Zeugen vorweisen, die sie beim Kirchgang gesehen hatten, aber dennoch verurteilte man sie zu zwölf Monaten Gefängnis. Außerdem mussten sie viermal an den Pranger. »Die Leute bewarfen sie mit Eiern und faulem Gemüse«, erzählt Phil. »Eine der Frauen verlor dabei ein Auge.« Es war der letzte Hexenprozess in Irland.
Weiter südlich führt eine schmale Brücke aus Stein über den Sund zurück auf die Küstenstraße. Hinter dem versteckt liegenden Bahnhof von Ballykelly gabelt sich die Straße. Rechts nach Larne sind es sieben Meilen, aber wir fahren links, sechs Meilen nach Carrickfergus.
Es ist die »britischste Stadt« Irlands – nicht nur wegen der Bordsteine, die im Blau-Weiß-Rot des Union Jack angestrichen sind. Die Burg, die auf einem Felsen am Meer steht und das Stadtbild prägt, war von entscheidender Bedeutung für die Sicherung der anglo-normannischen Herrschaft in Irland. Sie stammt aus dem Jahr 1180. Eine Zeitlang war Carrickfergus der einzige Ort im Norden der Insel, wo Englisch statt Gälisch gesprochen wurde. Bis weit ins 19. Jahrhundert war Carrickfergus die wichtigste Stadt im Nordosten, später übernahm Belfast diese Rolle.
Carrickfergus ist eine ordentliche Stadt, das merkt man gleich. Auf den Straßen liegt kein Abfall, an den Laternen hängen Schilder, die den öffentlichen Genuss von Alkohol untersagen. Links am Ufer liegt ein Industriepark, daneben das Andrew Jackson Centre. Die Eltern des späteren USPräsidenten waren 1765 aus Carrickfergus nach Amerika ausgewandert. Heute steht eine Nachbildung ihres Cottages auf dem Grundstück, doch im Winter ist es geschlossen – ebenso wie das benachbarte US Rangers Centre, wo das Erste Bataillon der Elitetruppe 1942 auf die Invasion der Normandie vorbereitet wurde.
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