Von einem Wimpernschlag zum nächsten befinde ich mich in einem anderen Wesen. Ich sehe durch Augen, die mir fremd sind. Instinktiv weiß ich, dass mein Großvater mich in seinen Verstand gepflanzt hat. Nun kann er Wissen und Emotionen mit mir teilen. Noch bevor die Bilder auf mich einstürzen, ahne ich, dass der Große Zaubermeister seine Vision mit mir teilen will. Schon die ersten Gefühle machen mir klar, dass ich keine Wahl habe. Ich werde tun müssen, was man von mir erwartet.
Eine Armee von Schiffen spuckt Soldaten auf die Strände unseres Kontinents. Ihre Anzahl geht über den menschlichen Verstand hinaus. Sie überziehen das Land wie ein Schwarm hungriger Heuschrecken. Es dauert nicht lange, bis sie auch an den Grenzen unserer Heimat stehen.
Ihre Vorhut hat die Völker dieses Kontinents bereits vernichtend geschlagen. Unsere Feinde sind sogar bis nach Maëlle vorgedrungen. Wer sich nicht vor ihnen verstecken konnte, wurde getötet. Unser Fürst zieht mit dem Rest seiner Männer gegen die neue Flut an Gegnern in den Krieg. Körperlich bin ich nicht anwesend, obwohl mein Geist sich zwischen ihnen befindet. Ich kann keine Gesichter erkennen. Eine Schar an Gestalten kommt an mir vorbei, ihre Züge seltsam formlos. Dennoch verraten mir die Auren der einzelnen Personen, einige Bekannte vor mir zu haben. Ihre Körper sind nicht zu identifizieren, trotzdem weiß ich, wer an mir vorbeizieht. Darum also hat mein Großvater davon gesprochen, mich in seiner Vision gesehen zu haben, obwohl er keine Gesichter vor sich gehabt hat.
Eine erste Welle der Soldaten der Dunkelheit kann unser Fürst zurückdrängen. Dann erwartet uns eine weitere Flut unserer Feinde. Sie sind in der Übermacht und drohen, uns zu überschwemmen. Ein Mann stellt sich ihnen entgegen. Seine Aura erinnert mich an … an mich selbst. Was – gelinde gesagt – verwirrend ist.
Im Körper eines anderen zu stecken und mich selbst zu beobachten, wie ich aus einer Abteilung von Soldaten vortrete, meine Hand in die Luft recke und irgendetwas schreie, bevor ich auf unsere Gegner zulaufe, fühlt sich seltsam an. Ich kann das Bild nicht mit meinem heutigen Ich in Zusammenhang bringen. Sollte ich tatsächlich irgendwann so mutig, so energisch sein, dass mir eine Armee von Soldaten folgt? Was wird passieren, wenn wir auf die Reihen unserer Feinde treffen?
Die Vision zeigt es mir nicht direkt. Stattdessen verändert sich das Bild. Eine Wolke hat sich direkt über unser Land geschoben. Sie hat alles verdunkelt, bis die Sonne keinen Weg mehr hindurchfindet. Kein Lichtstrahl berührt mehr den Boden.
Überall entdecke ich Lager unserer Feinde, die sich auf unserem Kontinent ausgebreitet haben. Nur wenige Mitglieder unseres Volkes haben die große Schlacht überlebt. In den Dörfern leben größtenteils noch Alte und Kinder. Alle kampffähigen Männer, die eine Waffe halten konnten, sind in die Schlacht gezogen und mussten ihr Leben lassen. Die Frauen haben versucht, sich unseren Gegnern entgegenzustellen, konnten die feindliche Übernahme unseres Landes jedoch nicht verhindern. Die Eingebung meines Großvaters verrät mir die Details. Die schreckliche Realität durchdringt meinen ganzen Körper. Wir haben versagt.
Eine dunkle Wolke nähert sich vom Meer aus dem Kontinent. Magieblitze steigen vom Wasser in die Luft, erhellen die schwarze Masse, während sie Energie an das Ungetüm übertragen. In der nebeligen Hülle wächst mit jeder Stunde eine Macht, deren bösartige Gedanken die Welt vergiften wollen. Monster werden darin geboren. Fauliger Regen sammelt sich im Inneren. Blitze wirbeln darin. Die Luft lädt sich mit schwarzer Energie auf, während die Wolke an Größe gewinnt und sich immer näher schiebt.
Ein kalter Wind überzieht das Land mit seinem eisigen Hauch. Überall gefriert der Boden. Pflanzen sterben ab, werden zu Gerüsten aus Eis, die der Sturm in Tausende Splitter zerbersten lässt. Je näher diese Naturgewalt unserem Zuhause kommt, umso mehr nimmt sie an Kälte ab. Doch bis dahin ist bereits so viel zerstört, dass niemals wieder jemand in dieser Gegend siedeln kann. Die Kälte sickert in den Boden, lässt ihn für Generationen unfruchtbar werden.
Nach dem Wind schickt die Wolke, die immer noch über dem Meer schwebt, die Ausgeburten der Hölle aus. Krähen, größer als Häuser, fliegen über das Land und suchen sich ihre Opfer aus den verängstigten Menschen, die nicht schnell genug fliehen können. Sie tragen ihre Beute zurück in die Wolke, ohne dass sie jemals wieder zurückkehren. Unheimliche Kreaturen suchen unseren Kontinenten heim. Sie jagen in der Nacht, fallen über Unschuldige her, verspeisen sie im Schutz der Dunkelheit und verstecken sich bei Tag in den Schatten der Berge.
Durch die Vorboten des dunklen Angreifers verbreiten sich Schrecken und Angst. Keiner der wenigen Menschen, die den Krieg überlebt haben, fühlt sich vor der Gefahr sicher. Das Leben in unserer Welt ist zu einem Albtraum geworden. Die Magie des Feindes zerstört alles, was wir lieben.
Ob es einen Weg gibt, diese schreckliche Zukunft zu verhindern? Existiert ein Ausweg, um unser Land und seine Menschen zu retten? Kann ich etwas tun, damit unsere Feinde keinen Erfolg haben? Werde tatsächlich ich den Unterschied machen, oder sitzt mein Großvater einem Irrtum auf?
Ich werde es herausfinden. Daran gibt es für mich keinen Zweifel mehr. Das hier ist mein Schicksal. Ich werde auf dem Schlachtfeld stehen. Davor kann ich nicht davonlaufen. Denn wenn ich mich dem Albtraum nicht stelle, kann ich nicht verhindern, dass unsere Feinde über uns herfallen. Das würde ich mir niemals verzeihen.
Zwei Jahre später
»Halte den Zauberstab fester«, befiehlt mein Großvater. »Sobald dir ein Hauch von Gegenwind entgegenbläst, wirst du ihn verlieren.«
»Ich brauche ihn doch gar nicht mehr. Diese Zauber kann ich auch ohne Hilfsmittel anwenden.«
»Kommt nicht infrage.« Oremazz schüttelt den Kopf. »Die Sprüche, die ich dir beigebracht habe, kannst du vielleicht in diesen Räumen ohne Probleme umsetzen. Dich erwartet allerdings eine Aufgabe, die weit über diese Fingerübungen hinausgeht. Du wirst als mein Stellvertreter diese Reise antreten. Durch deine Hände wird meine Magie fließen. Wie willst du die Kräfte, die in dir toben werden, unter Kontrolle halten, wenn du dich ausschließlich auf deine unausgereiften Fähigkeiten verlässt?«
Eine Haarsträhne verdeckt mir die Sicht. Mit einer ungeduldigen Bewegung streiche ich sie hinter mein Ohr. Langsam nicke ich. Der Große Zaubermeister lässt keine Gelegenheit aus, um mich auf meine Unzulänglichkeiten hinzuweisen. Immer noch scheine ich nicht gut genug, um seine Ansprüche erfüllen zu können. Seit zwei Jahren üben wir jeden einzelnen Tag die gleichen einfachen Zauber und Sprüche. Im Gegensatz zu den anderen Zauberlehrlingen erhalte ich zusätzlich Einzelunterricht bei meinem Großvater. Letzte Nacht hat er mich in den frühen Morgenstunden geweckt, um mich auf den Prüfstand zu stellen.
»Die Übungen in der Lehrstunde mit den anderen Schülern sind gut verlaufen«, erinnere ich meinen Großvater. »Im Vergleich zu den anderen Lehrlingen habe ich mich nicht schlecht angestellt.«
»Das ist nicht genug. Verstehst du denn nicht, dass deine Aufgabe größer und komplizierter ist als ihre? Nur zwischen uns besteht die Verbindung des Blutes, durch die ich wirken kann. Dadurch hast du Fähigkeiten, die andere vielleicht niemals erreichen können. Doch das ist bei Weitem nicht genug, um es mit den Feinden aufzunehmen, die auf uns warten. Du weißt, dass die Zeit nicht auf unserer Seite ist.«
»Motivation ist eindeutig kein Grundpfeiler deines Unterrichts«, murmle ich.
Oremazz runzelt die Stirn und steht plötzlich direkt vor mir. »Wie bitte?«
Ich senke den Blick und schüttle den Kopf. Meine Worte will ich lieber nicht wiederholen.
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