Im Kontext von Events beinhaltet das Storytelling eine kohärente Geschichtemit einem erkennbaren Anfang, einem Mittelteil und einem Ende. Die Geschichte transportiert Informationen über den zeitlichen und räumlichen Kontext, die handelnden Charaktere und den Konflikt, sie wirft unbeantwortete Fragen oder ungelöste Konflikte auf und bietet Lösungen an (Fischer/Storksdieck 2018). Die Geschichte wird als ein roter Fadenerzählt, der einem dramaturgischen Aufbau folgt, in dem Akteure – das können Menschen, Marken, aber auch Produkte sein – „zu Wort kommen und dem Rezipienten eine Identifikation erlauben“ (Heimes 2016, S. 853, zitiert in Fischer/Storksdieck 2018). Gundlach (2007, S. 87–89) unterscheidet im Kontext von Events vier Formen der Dramaturg ieDramaturgie: (1) die szenische Dramaturgie, die Szene für Szene unveränderlich und ohne Interaktionsmöglichkeiten abläuft, (2) die architektonische Dramaturgie, bei der Teilnehmer:innen sich durch einen dramaturgisch gestalteten Raum bewegen, (3) die interaktive Dramaturgie, bei der die Teilnehmer:innen durch Interaktion die Handlung und Szenen beeinflussen können, und (4) die strategische Dramaturgie, die die gesamte Zeitspanne einer Kommunikationskampagne betrachtet.
In der Event- und Tourismusbranche beginnt das Erlebnis, die Reise, bereits in der sogenannten Pre-Event- bzw. Pre-Reise-Phase, also der dem eigentlichen Event bzw. der Reise vorgelagerten Zeit. Die Teilnehmenden informieren sich, vernetzen sich, interagieren untereinander, aber auch mit den Veranstalter:innen und Akteur:innen. Im privaten Bereich werden Fahrgemeinschaften gebildet, Pläne geschmiedet, es wird eingekauft, gepackt, Vorfreude zelebriert. Die ‚Erzählung‘ beginnt. Das Event bzw. die Reise selbst werden live erlebt, aber auch in den sozialen Medien zur Story. Digitale Posts und Instagram-Storys, Tik-Tok-Videos, private oder professionelle Blogs, Postkarten, Online-Tagebücher und vor allem im B2B-Bereich auch Twitterbeiträge erzählen und kommentieren das Erlebte medial. In der Post-Event- bzw. -Reisephase wird das Erlebte in Erzählungen unter Freund:innen, in der Familie und unter Kolleg:innen manifest. Diese Erzählungen über Aktivitäten und Erlebtes über die Pre-, Live- und Post-Event-/Reisephase konstruieren eine Wahrnehmung der Identität einerseits, andererseits beziehen Aktivitäten und das Erlebte aber ihren Sinn aus der Story, im Kontext derer sie erlebt werden. Diesen Zusammenhang aus eigener Story, Selbstwahrnehmung der Identitätund Sinnbezugbestätigt Fernandez (2021) im Kontext seiner Analyse zum Einfluss von Covid-19-Maßnahmen auf die narrative Dimension des menschlichen Lebens. Der Biologe und Hirnforscher Werner Siefer (Siefer 2015, S. 159ff.) erklärt aus Perspektive der menschlichen Evolution, dass Erzählungen ein autobiografisches Gedächtnis formen und das „Ich entstehen [lassen]“ (ebd., S. 159). Er betont die Zukunftsgerichtetheit von verinnerlichten Geschichten und deren besondere Bedeutung bei der Entstehung eines Erfahrungsschatzes und bei der Lösung für Probleme, die zuvor bereits in ganz ähnlicher Weise aufgetreten sind (ebd., S. 160f.).
Co-Kreation und Dramaturgie
Die technologischen Möglichkeiten lösten einen Schub der globalen Vergemeinschaftungaus (Varga/Ehret 2016, S. 32). Dies führt u. a. dazu, dass sowohl in privaten als auch in beruflichen Lebensbereichen vernetzte Teams und Gemeinschaften kollaborieren und miteinander teilen, z. B. Wohnungen, Autos, Werkzeuge, Kleidung – und Geschichten (ebd.). Diese Wir-Kulturofferiert dem hochindividualisierten Ich neben dem ökonomischen und ökologischen Nutzen des Ressourcensparens und dem relationalen Nutzen des Vernetzens auch eine Art Struktur, einen Beziehungskontext und damit auch eine Sicherheit, vor deren Kulisse sich das Individuum frei entwickeln kann. Daraus entsteht auch eine ‚Schwarm-Kreativität‘, oder auch Co-Kreationund Interactive Storytelling, das Rezipient:innen erlaubt, mit den Medieninhalten zu interagieren und Inhalte selbst zu steuern (Fischer/Storksdieck 2018).
So kann in medialen Räumen jede:r Einzelne die Rollen von Produzent:in und Rezipient:in gleichzeitig einnehmen. Geschichten werden gemeinsam erzählt, Events in co-kreativen Ansätzen gemeinsam gestaltet. Diese Entwicklung zur Co-Kreation äußert sich beispielsweise in gemeinsamen Fan-Erzählungen (Fan-Fiction) als Gegenentwurf zu den historischen Vorbildern der großen Erzähler und der ‚Auserwählten‘, deren Erzählungen ganze Dörfer und Gemeinschaften folg(t)en (Varga/Ehret 2016, S. 34).
In der Konzeption und Umsetzung von Events findet das Bedürfnis nach Übersicht, Orientierung und Struktur seinen Ausdruck in der Eventdramaturgie. Die Gäste und Teilnehmenden haben das Bedürfnis nach einer erlebbaren und erlebten Geschichte, das Event selbst wird im Idealfall daher selbst eine Geschichte.
In der äußeren Dramaturgie eines Events wird der Ablauf und Spannungsbogen des Events festgelegt, um dann in der inneren Dramaturgie mittels Botschafter:innen, Held:innen und Akteur:innen erzählt zu werden (Schäfer-Mehdi 2012, S. 122–125). Dabei unterschieden wird die offene von der geschlossenen Dramaturgie. Die offene Dramaturgie, auch Nummerndramaturgie genannt, findet bei Events Ausdruck in einer linearen Ablaufplanung von der Begrüßung bis zur Abmoderation, Verabschiedung und anschließender Party, während sich die geschlossene Dramaturgie in einer Aktstruktur erzählt. Meist wird eine Drei-Akt-Strukt ur3-Akt-Struktur gewählt (Grytzmann 2018; Schäfer-Mehdi 2012), die in einem oder mehreren Handlungssträngen erlebbar in Szene gesetzt wird (Schäfer-Mehdi 2012) und in der Literatur dem Storytelling zugerechnet wird (Drengner 2015). In der inneren Dramaturgie und Bauform werden die handelnden Figuren festgelegt (z. B. Mitarbeiter:innen, Kund:innen, Teilnehmer:innen, Vorstandsvorsitzende) und deren Motive und Entwicklung in einer Handlung erzählt.
Den Kern der Erzählung geben ‚die eine Botschaft‘ und das ‚eine Bild‘, die vermittelt werden sollen (Gundlach 2007; Doppler 2016), sowie das Motiv, warum sie erzählt werden (Thinius/Untiedt 2017). So hat z. B. die führende Automobilmesse IAA, die in Frankfurt zuletzt im Jahr 2019 stattfand, die Botschaft „Driving tomorrow“ kommuniziert. Nachdem die IAA im Jahr 2020, bedingt durch die Coronapandemie, abgesagt werden musste, vollzogen die Macher der internationalen Leitmesse der Automobilindustrie im Coronajahr 2021, nach über 120 Jahren IAA, einen konsequenten Wandel der bis 2019 in Frankfurt beheimateten Messe zu einer international führenden Mobilitätsplattform und zum nachhaltigen Stadtprojekt am Standort München. Kommuniziert wird die ‚neue‘ IAA mit der Kernbotschaft IAA Mobility 2021 (Verband der Automobilindustrie o. J.). Die Botschaft der IAA sind zukunftsfähige Mobilitätskonzepte, nicht mehr Automobile. Das Bild einer möglichen Mobilität der Zukunft zieht sich als roter Faden durch die Veranstaltung selbst und konsequenterweise durch die ganze Stadt. München selbst wird zum Veranstaltungsort, rund um die IAA wird ein erlebbares Narrativ für die Marke IAA Mobility, für Anbieter von Mobilitätskonzepten, für die Stadt München und das Thema Mobilität entwickelt.
Die Story dient als roter Faden, bietet Orientierung im Eventgeschehen und bereitet die Marketingbotschaften der einzelnen Stakeholder:innen als Inhalt auf. Im Kontext des Events wird dieser Inhalt in eine Erzählstruktur, die Dramaturgie, gebracht und mittels einzelner Akteur:innen und Darsteller:innen, Bühnenbilder und sonstiger Installationen und Erlebnisfelder erzählt (Storytelling). Aus diesem Zusammenspiel ergibt sich der Erlebnisrahmen des Events (Drengner 2020, S. 155).
Читать дальше