Unmöglich, diesen Nachmittag zu beschreiben: den schlammig sich hinwälzenden Lauf der Stunden, von denen jede Minute eine Ewigkeit schien, die trüben Blasen der Obszönitäten, die in den Hirnen aufquollen und träg zerplatzten, das pfeifende Schnarchen des Geists, der sauerschale Bierdunst, die Öde der Freiübungen, die wir von Zeit zu Zeit in Gruppen vollzogen und die doch nur den Brodem der Langeweile aufwirbeln machten. Die Zeit rann wie stockender Talg; ihr Geschmack lag uns fad im Rachen. Kein Feind; die Wache patrouillierte nebenan auf dem Korridor, wir hörten ihre Schritte klappern und stöhnten in die verdöste Zeit und hörten die Schritte auf dem Korridor klappern, da brauste plötzlich ein Ruf vom Dach herunter wie ein Donnerhall: Der Dachposten schrie es dem Melder zu und der Melder der Korridorwache, und wir hörten die Korridorwache »Alarm!« schreien und griffen zu unsern Waffen und stürzten in die Halle.
Der stämmige Mann stand in der Halle und schrie: »Alarm!«, und wir rannten durcheinander und stellten uns in Reih und Glied, und kaum waren wir aufgestellt, da war es auch schon geschehn: An den Türposten vorbei und mit den Reihen der Korridorwachen in die Halle hinein kam ein tschechischer Polizeileutnant geschritten, ein kleiner drahtiger Mann, dem zwei ältere Polizisten folgten, und wir preßten die Fäuste um die Waffen und bebten vor Kampfeseifer und der stämmige Mann trat vor und ging, die Eisenhantel in Händen wägend, dem tschechischen Leutnant entgegen und der tschechische Leutnant führte die Hand zum Käppi und sagte: »Scheen gut’n Abend winsch ich den Härschaften«, und der stämmige Mann hob die Eisenhantel vor die Brust.
Ich zitterte.
»Was belieben die Härschaften da zu machen?« fragte der Leutnant. »Wir turnen«, sagte der stämmige Mann heiser. Ich fühlte das Blut in den Schläfen pochen; jetzt mußte der Befehl zum Sprung auf den Feind kommen! »Turnen iss sich gesund«, sagte der Leutnant und hob die linke Hand und strich mit der Rechten den Ärmelaufschlag zurück; »iss sich sehr gesund«, wiederholte er und schob den Ärmelaufschlag zurück und dabei sagte er lächelnd ein drittes Mal, daß Turnen sehr gesund sei, und fügte, auf die Armbanduhr sehend, hinzu, daß er die Herrschaften nicht habe stören wollen und schon wieder gehn werde; er wolle nur, und er hielt dem stämmigen Mann die Uhr vor die Augen, darauf aufmerksam machen, daß es schon Viertel nach sieben sei und um acht, nicht wahr, sei doch Polizeistunde, da doch der Belagerungszustand verhängt worden sei, und manche der Herrschaften dürften, so sagte er, vielleicht einen längeren Heimweg haben und sollten sich dann nicht so hetzen, und er schob den Ärmelaufschlag über die Uhr zurück, führte die Hand ans Käppi und wandte, im Umwenden sagend: »Gute Unterhaltung winsch ich den Härschaften noch«, sich um und ging, gemütlich, zur Tür hinaus, und die beiden Polizisten folgten ihm gemächlichen Schritts. Wir starrten einander an: Was sich soeben ereignet hatte, konnte nicht wahr gewesen sein, das war doch eine Sinnestäuschung gewesen, ein Spuk, ein Phantom; wir starrten einander entgeistert und ratlos an, und dann starrten wir auf unsre Führer, und was dann weiter geschah, weiß ich nicht mehr genau, ich weiß nur, daß alles dann sehr schnell ging und daß der stämmige Mann etwas wie »Auftrag erfüllt« und »Unser Tag kommt noch« und »Anschlag abgewehrt« gesagt hatte, und dann weiß ich, daß ich die Keule wegwarf und schnell nach Hause lief, denn ich hatte einen weiten Heimweg.
Am nächsten Morgen hörten wir dann vom Deutschlandsender einen Bericht über die neue entsetzliche Bluttat des tschechisch-jüdisch-marxistischen Mordgesindels: Eine Horde vertierter Polizeisoldaten habe, so hörten wir, die Reichenberger Turnhalle gestürmt, sei dort über harmlose gymnastiktreibende Schulkinder hergefallen und habe, jedem Selbstbestimmungsrecht der Völker hohnsprechend, aufs unmenschlichste unter den Jugendlichen, die sich heldenhaft verteidigten, gewütet; es habe Tote und zahlreiche Verletzte gegeben, meldete der Sender, Blut sei in Bächen über den Boden der Turnhalle geströmt; die Verzweiflungsschreie der Kinder hätten zum Himmel gehallt und sich mit dem gellenden Johlen des roten Mobs und den klaren Kommandostimmen der heldenhaften Verteidiger gemischt, und es sei für eine Großmacht wie das Deutsche Reich nicht mehr länger zu ertragen, diese Greueltaten an seinen Brüdern und Schwestern jenseits der Grenzen ruhig mit anzusehen. Ich hörte diesen Bericht, der mit dem Abspielen des Egerländer Marsches endete, zusammen mit Karli in meiner Studentenbude bei Frau Waclawek in der Gablonzer Straße; wir hörten diesen Bericht und wußten, daß jedes Wort erlogen war, und hörten ihm dennoch leuchtenden Auges, und es kam uns überhaupt nicht in den Sinn, daß das alles einfach erlogen war. »Mensch, der versteht sich auf Propaganda, der kleine Goebbels«, sagte Karli, mein Stoßtruppführer, und boxte mich in die Rippen, »so eine Propaganda war ja noch nie da, das ist wirklich grandios!«, und Karli sagte, kein anderes Land als das Reich könne so eine grandiose Propaganda aufziehen, und ich nickte. Er hatte ja recht.
Wenige Tage später beschlossen in München die Regierungschefs Englands, Frankreichs, Italiens und Deutschlands die Zerstückelung der Tschechoslowakei.
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