Er lächelte. »Ihre Überlegung, dass der Täter mehr als genug Zeit hatte, Mrs Harrington umzubringen, alle Spuren einschließlich seiner Dateien und des Überwachungsvideos zu beseitigen und über alle Berge zu sein, ehe Mister Eifersucht angerast kam, um seiner Frau die Hölle heißzumachen. Was bedeutet …« Er blickte Morven bedeutsam an.
»Dass die ganze Sache sehr sorgfältig geplant wurde.« Sie lehnte sich zurück. »Wir können wohl zweifelsfrei davon ausgehen, dass Mrs Harrington das Ziel war.« Sie blickte nachdenklich auf das Bild der handgeschmiedeten Efeublattkette. »Die Frage ist nur: warum? Ist es etwas Persönliches oder hat es mit dem Schmuckstück zu tun, das sie für ihren Mörder angefertigt hat?« Sie deutete auf das Bild des vierhundert Pfund teuren Armreifs. »Möglicherweise war das Ding sehr teuer, und der Kunde hatte das Geld nicht.«
»Und deshalb bringt er die Goldschmiedin gleich um?«
Morven nickte. »Wir wissen doch, dass Menschen andere schon für weniger Geld umgebracht haben. Vielleicht hätte er sich das nie leisten können und hat von Anfang an den Mord zusammen mit der Bestellung geplant.«
Aber das erschien ihr doch recht abwegig, denn normale Menschen besaßen in der Regel eine hohe Hemmschwelle, um jemanden kaltblütig zu töten. Im Affekt, in Notwehr – kein Thema. Aber so akribisch geplant? Dazu gehörte nicht nur eine Menge krimineller Energie, sondern auch eine gehörige Portion Abgebrühtheit.
Morven griff wieder zum Telefon und rief Fiona Gall an. »Ms Gall, gibt es eine Möglichkeit festzustellen, welches Material in den letzten vier Wochen verbraucht wurde? Also, Edelsteine, Edelmetalle und so weiter.«
»Aber ja. Auch das wird akribisch in der Buchhaltung aufgelistet. Und zusätzlich im Materialverzeichnis. Wir müssen doch wissen, wann wir etwas nachbestellen müssen.« Kurze Pause. »Wenn Sie mir Zugang zum Computer geben, kann ich das für Sie herausfinden.«
»Danke, das schaffen wir schon. Aber können Sie heute Nachmittag trotzdem zu uns aufs Revier kommen? 28 Meadow Place Road. Vielleicht können Sie uns anhand der Listen sagen, was für ein Schmuckstück Mrs Harrington für diesen Mr MacDonald angefertigt haben könnte. Das ist doch möglich?«
»Ja klar, denn solche Spezialaufträge kommen nicht so häufig vor. Und wir haben erst Anfang Januar fürs neue Jahr die große Inventur gemacht. Ich muss nur die Listen der damaligen Bestände mit den aktuellen vergleichen, dann kann ich Ihnen zumindest sagen, welches Material verbraucht wurde und daraus wahrscheinlich auch einen Schluss ziehen, um was für einen Schmuck es sich handelte.«
»Das wäre super. Passt Ihnen nachher um vier?« Samstag oder nicht, bei einem Mordfall gab es leider kein Wochenende.
»Ich werde da sein«, versprach Fiona Gall.
Morven beendete das Gespräch, rief nochmals Ally an und bat um die Zusammenstellung der Listen aus Gwyn Harringtons Computer. Anschließend betrachtete sie die für die fünf MacDonalds angefertigten Schmuckstücke, während Nathan Durie die Auftraggeber durchtelefonierte und unter dem Vorwand, »einen wichtigen Zeugen namens John MacDonald« zu suchen, deren Alibis überprüfte und auch fragte, ob sie Mitte Februar bei Harrington’s Fine Jewellery ein neues Schmuckstück bestellt hatten.
Die Antworten fielen vorhersehbar negativ aus. Selbst wenn einer von ihnen der geheimnisvolle Kunde und mutmaßliche Mörder wäre, würde er garantiert nicht zugeben, über den dokumentierten Auftrag hinaus bei Gwyn Harrington etwas bestellt zu haben. Außerdem: Falls wirklich einer dieser MacDonalds der Täter sein sollte, hätte er sich bestimmt nicht die Mühe gemacht, nur diesen einen Auftrag aus dem Computer zu löschen, sondern seine gesamte Akte, damit nach Möglichkeit keine einzige Spur zu ihm führte. Obwohl die angegebenen Alibis selbstverständlich noch überprüft wurden, war Morven sich sicher, dass keiner der fünf der Täter war.
Doch was hatte der Mörder für ein Motiv gehabt?
»Ich glaube«, sagte Durie in ihre Gedanken hinein, »dass das Schmuckstück der Knackpunkt sein könnte.« Er blickte Morven bedeutsam an, hob die Hand und zählte an den Fingern auf. »Erstens: Edelsteine allein, selbst wenn sie bereits fertig geschliffen sind, sind nicht so viel wert wie ein daraus angefertigtes Schmuckstück. Zweitens: Die Dinger zu stehlen wäre recht aufwendig, weil Edelsteine immer sehr gut gesichert sind. Eine Person allein kann das kaum bewerkstelligen, weil der Transport schwer bewacht wird. Selbst Einzelkuriere liefern meines Wissens nicht ohne Bodyguards aus. Drittens: Gerade Diamanten sind, sofern sie aus seriösen Quellen stammen, nummeriert und entsprechend registriert. Wenn sie gestohlen werden, kann man sie trotzdem ganz leicht identifizieren, was ihren Verkauf weniger lukrativ macht, weil die Käufer sozusagen eine Gefahrenzulage vom Kaufpreis abziehen.«
Morven nickte. »Worauf wollen Sie hinaus?«
»Nehmen wir viertens an, dass Mrs Harrington wie immer akribisch den Materialverbrauch, dessen Kosten und die Registriernummern der verwendeten Edelsteine dokumentiert hat.« Er deutete auf die Ausdrucke der MacDonald-Aufträge. »Und nehmen wir ferner an, der Mörder hat sie erst umgebracht, nachdem sie ihm eine Rechnung übergeben hat.« Er blickte Morven bedeutsam an. »Wenn er sie getötet hat, bevor er sie beglichen hat – wovon wir wohl getrost ausgehen können –, dann hat er dadurch den Nachweis, dass er der rechtmäßige Eigentümer des Schmuckstücks ist. Mit anderen Worten: Er kann es jederzeit ganz legal verkaufen. Nachdem er seine Spuren in Mrs Harringtons System getilgt hat, kann man ihn nicht mit dem Mord in Verbindung bringen. Er hat praktisch ein gestohlenes Schmuckstück, von dem niemand weiß oder nachweisen kann, dass er es gestohlen hat, und kann es für Tausende von Pfund verkaufen.«
Morven überdachte das. »Der Knackpunkt ist aber seine falsche Identität. Die hypothetische Rechnung lautet auf John MacDonald. Wenn das nicht sein richtiger Name sein sollte …«
»Aber was, wenn es sein richtiger Name ist? Wie die Hexe – ich meine Ms Brady schon gesagt hat: MacDonald ist der größte Clan des Landes und John wahrlich kein seltener Vorname. Es dürfte alles in allem landesweit mindestens hundert John MacDonalds geben. Wenn er klug ist, wohnt er nicht mal in Edinburgh, sondern ist für den Coup extra angereist.« Durie nickte. »Und schon haben wir ein Szenario, das einen perfekten Sinn ergibt.« Er zuckte mit den Schultern. »Möglicherweise gehört er zu einer Bande, die das gewerbsmäßig macht oder er brauchte einfach nur viel Geld.« Er seufzte. »Und Sie wissen ja: Ohne einen konkreten Anfangsverdacht haben wir keine Handhabe, eine Wohnung auf die Vermutung hin zu durchsuchen, dass bei einem der zig John MacDonalds eine Rechnung nebst Schmuckstück von Harrington’s Fine Jewellery zu finden sein könnte.«
Morven nickte. »Und wenn er klug ist, bewahrt er beides sowieso nicht zu Hause auf.« Sie schüttelte den Kopf. »Falls Ms Gall tatsächlich herausfinden kann, welches Material verbraucht wurde, kann sie vielleicht auch Rückschlüsse daraus ziehen, um was für ein Schmuckstück es sich handelt. Dann wissen wir wenigstens, wonach wir bei potenziellen Verdächtigen Ausschau halten müssen.«
Durie schnitt eine Grimasse. »Wenn wir denn überhaupt erst mal einen vernünftigen Verdächtigen hätten«, brachte er das Hauptproblem auf den Punkt. »Nachdem Mister Eifersucht leider nicht der Täter ist, fehlen uns bislang alle Anhaltspunkte, wo wir suchen müssen.«
Da hatte er Recht. Morven hoffte, dass die gegenwärtig laufende Haus-zu-Haus-Befragung in der Nachbarschaft der Harringtons und des Geschäfts eine neue Spur lieferte. Wenn nicht …
***
Morven las sich die Liste, die Fiona Gall zusammengestellt hatte, zum dritten Mal durch und fühlte sich enttäuscht. »Und Sie sind sich wirklich sicher, dass das alles ist?«, vergewisserte sie sich zum wiederholten Mal.
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