Gleich am ersten Schultag saß ich drei Reihen hinter Kamal in meiner Sprachbox. Sein attraktives orientalisches Aussehen lenkte mich immer wieder von der Wiederholung französischer Alltagsredewendungen ab. Die Sprachsentenzen rasselten bewusst-unbewusst in mein Ohr – besonders dann, wenn Kamal sich mit einem fragenden Blick zu mir umschaute. Es brauchte keine Worte, um zu spüren, dass zwischen uns der Funke einer gegenseitigen Zuneigung entstanden war. Kamal, von großer schlanker Gestalt, mit schwarzen Locken, edlen Gesichtszügen und gutmütigem Blick, war aus Libyen zum Philosophiestudium nach Paris gekommen.
Bei wunderschönen Spaziergängen mit ihm entlang der herbstlichen Ufer des Doubs erholten wir uns von den Anstrengungen der Schule. Gemeinsam bestaunten wir die Fluss-, Menschen- und Häuserlandschaften. An den Abenden trafen wir uns öfter mit unserem japanischen Kursfreund Tunichi zu gemeinsamen Schulaufgaben im Priesterseminar. Auf Einladung von Elisabeth fuhren wir am letzten Septemberwochenende nach Taizé zu einer ökumenischen Kommunität. Elisabeth hatte ein Auto organisiert und fuhr mit einem polnischen Priester, Kamal und mir über Lyon zuerst nach Tournus, der Stadt mit der beschaulichen frühromanischen Kirche aus dem ersten Jahrtausend nach Christus. An diesem Ort nahe Taizé bezogen wir vier Pilger eine kleine Pension. In Taizé waren wir vom meditativen Gesang der christlichen Mönche berauscht. Die Mehrheit von ihnen war evangelischer Konfession, doch auch katholische und orthodoxe Mitbrüder gehörten zu ihrem Konvent. Vor der Abreise aus Taizé, diesem segensreichen Ort der Gnaden, hörten wir noch einmal während des Gottesdienstes den leisen, ständig sich wiederholenden, meditativen Gesang der Mönche »Lass alle eins sein, damit die Welt glaube«, in den wir summend einstimmten. Mit den zahlreichen Jugendlichen aus aller Welt, aus allen Religionen und Weltanschauungen konnten wir vier Pilger in Taizé, diesem Ort des Friedens, der Versöhnung und der Kraft, an unsere eigenen Energien und Ressourcen kommen.
Diese Kraft brauchten Kamal und ich besonders in den nächsten Wochen. Denn noch am Abend unserer Rückkehr bekam Kamal so starke Schmerzen in der Seite, dass wir sofort ins Krankenhaus gingen. Nach einer ersten Diagnose wollten die Ärzte Kamal gleich stationär aufnehmen, jedoch bekam er eine solche Angst vor der fremden, nach Äther riechenden Atmosphäre des alten Krankenhauses, dass er es fluchtartig verließ. Die Stationsschwester nahm mein Erschrecken und meine Ohnmacht über Kamals Verhalten sowie meine Tränen wahr und gab mir ein Päckchen schmerzlindernder Tabletten für ihn mit. Auf der Straße trafen wir uns wieder und gingen gemeinsam durch den Hintereingang in mein Zimmer des Priesterseminars. Schon seit einigen Tagen wohnte und schlief Kamal illegal bei mir im Priesterseminar, da ihm aus Geldmangel sein Zimmer gekündigt worden war. Ich bat den Direktor des Priesterseminars aufgrund seiner aktuellen Notlage, Kamal für einige Zeit eines der vielen leerstehenden Zimmer zur Verfügung zu stellen. Trotz all meiner Argumente, Kamals soziale Absicherung, Studienplatz, die Aufenthaltsgenehmigung und finanzielle Unterstützung meiner Familie aus Essen, lehnte der Leiter des Priesterseminars meine Bitte ab. Auch als ich letztlich den Direktor um der Barmherzigkeit Christi willen bat, eine Ausnahme zu machen, blieb der Priester hart. Ich ärgerte mich nachträglich, den Direktor gefragt zu haben, da wir ja schon einige Tage im Zimmer zusammengewohnt hatten. Euch schrieb ich damals, »dass es mir nicht schwerfällt, mit Kamal zusammen zu schlafen, da er einen guten Charakter hat und ich mir selbst die Erlaubnis gab, angesichts der ›christlichen Torheit der Liebe‹ laut Jesu ›Froher Botschaft‹ Gesetze zu umgehen.«
Dank der Härte des Seminardirektors kamen Kamal und ich uns noch näher, indem wir zusammen in einem schmalen, durchgelegenen Bett schliefen. Ich genoss natürlich seine körperliche Nähe, da wir nicht, wie Elisabeth vermutete, wie Bretter nebeneinander schliefen. Allein die zärtliche Berührung seiner Füße glich einer Liebkosung, die ich gerne entgegennahm. Mehr an körperlicher Nähe ließ ich nicht zu, da ich doch mit Eintritt in den Orden das Gelübde der Keuschheit versprochen hatte. Interessanterweise hatte ich seit dem Ordenseintritt keine sexuellen Fantasien mehr, wie sie noch zu Hause gang und gäbe waren. Statt die erotische genoss ich in dieser Zeit die caritative Liebe zu leben. Mama schrieb einmal in einem ihrer Briefe, dass das schlimmste für mich war, wenn man mir das Helfen verweigerte. Ja, so war es.
Für Kamal, der seit drei Monaten Schmerzen im Unterleib hatte, fand ich für seine Krankheit weitere Lösungswege. Da die Tabletten seine Schmerzen nur zeitweise linderten, holte ich den Medizinstudenten Antoine hinzu, der als genehmigter libanesischer Bewohner des Priesterseminars um unsere illegale Übernachtung wusste. Er vermittelte auf Arabisch Kamal schließlich die Notwendigkeit einer stationären Behandlung. Gleichzeitig sorgte Elisabeth, die im Hospital arbeitete, für einen kostenlosen Krankenhausaufenthalt. Allein auf mein Versprechen hin, Kamal täglich im Krankenhaus zu besuchen, ließ er sich aufnehmen und am inzwischen entzündeten Blinddarm operieren. Glücklich nahm ich die Erlaubnis von Bruder Dominique auf, bei Kamal in Besançon auf der Station zu bleiben, entgegen der Vereinbarung, vierzehntägig das Wochenende im Kloster St. Rémy zu verbringen. Zuspruch, feuchte Umschläge und die Bitte um schmerzlindernde Tabletten ließen mich stundenlang an Kamals Krankenbett bleiben. Auf die Idee, ein Placebo-Präparat von dem behandelnden Arzt zu erbitten, wie Du, Papa, es mir als fünfzehnjährigem Patienten damals täglich im St. Josef-Krankenhaus wohltuend hast zukommen lassen, was aus heutiger Sicht Kamals Schmerzen nochmals erheblich erleichtert hätte, bin ich leider nicht gekommen. Letztlich stärkte gutes Essen aus Deinen und Mamas Paketen seine Heilung. Mama schenkte Kamal eines ihrer Emaille-Medaillons. Eure finanzielle Unterstützung hinsichtlich der wirtschaftlichen Notlage Kamals und vor allem Eure herzliche Einladung an ihn, nach Essen zu kommen, förderten darüber hinaus erheblich den Gesundungsprozess, sodass er nach acht Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Mit Tunichi stand Kamal am 14. November 1970 bei meiner endgültigen Abreise von Besançon ins Postulat nach St. Rémy frühmorgens am Bahnsteig. Die herzliche Umarmung und Küsse zeigten uns beiden noch einmal die entstandene innige, unzertrennliche Freundschaft.
Im letzten Waggon des Zuges auf Besançon und seine Umgebung zurückblickend, half mir in meiner Trauer ein wenig die Zeile »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben« aus dem Gedicht »Stufen« von Hermann Hesse, das Marlene mir in ihrem letzten Brief nach Besançon beigelegt hatte. Angesichts des traurigen Abschieds von Kamal, den Freund*innen und zehn Wochen Besançon schrieb Christiane mir: »Wisse, dass wir im Zug bei Dir sitzen!«
Zwar äußerlich Mitte November 1970 im Postulat von St. Rémy angekommen, blieb ich innerlich noch ganz mit meiner zweiten Heimat Besançon verbunden. Allein das heiligmäßige Vorbild von Bruder Dominique ließ mich nicht an meiner Liebe zu Jesus in Gebet, Meditation, Anbetung und geistlicher Betrachtung zweifeln. Dominique bestärkte meinen Entschluss, hier am Ort die Nachfolge Jesu zu leben. Ich hatte Angst davor, die tägliche stille Anbetung von anderthalb Stunden wegen Kreislaufversagens nicht durchhalten zu können. Erstaunlicherweise verspürte ich in dieser Zeit in der Kapelle eine spirituelle Kraft: einerseits für den harten Alltag des Postulates, und andererseits fühlte ich mich mit allen mir anvertrauten Menschen, insbesondere den am Rande der Gesellschaft stehenden Armen, Verlassenen, Kranken, Arbeitern, Ungläubigen und Hoffnungslosen, verbunden.
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