»Sie schreiben von der Schönheit mancher Sinnlosigkeit. Gibt es sie nur in der Kunst oder auch in der Philosophie?«
»Im Leben, würde ich sagen. Und damit auch in der Kunst, und auch in der Philosophie. In der Tragödie mag das Handeln eines Helden am entscheidenden Punkt sinnlos sein, weil er, was immer er tut, verlieren wird – seine Liebe, sein Leben, jeden Sinn. Was er jedoch tut, und wie er es macht, daran entscheidet sich, ob seiner letzten Tat eine Schönheit und Würde innewohnt oder nicht, ob er ungebrochen untergeht oder verzerrt im Wahn, ob er nur ein mitleiderregendes Bild abgibt oder ein Vorbild in der alles entscheidenden Stunde.«
Die Studierenden fragten nicht weiter. Ob er dabei an den Krieg gedacht hatte?
Wir bedankten uns herzlich bei dem Philosophen und seiner Frau, dass sie trotz Eis und Schnee gekommen waren. Einige räumten die Stühle weg, andere plauderten im Treppenhaus, während unten im Atelier der Betrieb weiter ging. Ich zeigte dem Philosophen das Formular für die Honorarabrechnung, doch er winkte nur ab. »Es war mir eine Ehre«, meinte er, sichtlich erfreut über den lebhaften Zuspruch, das Interesse an seinen Gedanken. Als wir vor die Tür kamen, hatten sich die Studierenden bereits zerstreut. Seine Frau entschuldigte sich, sie wollte kurz zur Toilette. Wir blieben allein in der Kälte stehen. »Wie in Berlin«, meinte er verschmitzt und drehte sich eine Zigarette. Fast einen Kopf kleiner stand er neben mir, die flache Schirmmütze auf, seine weißen Haare wellten sich im Nacken, an Schal und Jackenkragen. Er trug keinen Anzug, keinen langen Mantel, trat nicht auf wie ein konservativer Professor, er hätte so bei einer Demonstration gegen Kernkraft mitgehen können und ins Bild linken Engagements gepasst. Doch wie er die Zigarette rauchte und so neben mir stand, dachte er an Berlin, seine Kindheit vor dem Krieg, den Schnee dort, die Eiseskälte im Winter, wie sie hier in Belgien, nahe am Meer, am Atlantik, kaum einzog. Er rauchte sich in seine Kindheit zurück, rauchte in den Tag, diesen Augenblick, umwölkte den Schnee aus den Wolken, war ein glücklicher Mensch. So schien es. Vielleicht war ich nur froh, dass unser Gespräch gut verlaufen war, dass er sich als so umgänglich gezeigt hatte, die Gruppe endlich aufgeblüht war, nach den Wochen und Monaten unterm Dach. Befreit von alledem, bereichert, stand ich mit dem Autor unserer Lektüre nun im Innenhof der Akademie.
»Haben Sie lange in Berlin gelebt?«
»Nein, wir sind bald nach Leipzig, mein Vater bekam dort eine Stelle.«
»Und wo in Berlin sind Sie aufgewachsen?«
»Schöneberg.«
Seine Frau stellte sich wieder zu uns, sie hatte schon ein Taxi gerufen, gleich würde es am Haupteingang stehen. Wir verabschiedeten uns, er hakte sich bei ihr ein, und beide schlenderten gemächlich zur Straße.
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