Als führte Misstrauen gegen das System zu Ohnmacht. In Oslo und draußen auf Sandøya spreche ich mit anderen über die unbegreifliche Servilität der Politiker. Wo steckt Gro? Was will sie gegen die nukleare Aufrüstung und die Stationierung von Atomwaffen in Norwegen unternehmen? Wo bleibt die Linke? Traut sich denn niemand mehr, über die NATO zu reden? Was passiert mit allen Gegnern? Soll Ronald Reagan allein entscheiden, welche Waffen auf norwegischem Boden gelagert werden?
Eine von den jungen Zugezogenen auf Sandøya kommt an die Tür und will reden. Wissen wir nicht, was passiert? Haben wir nicht von Eva Nordland gehört? Oder von Rachel Pedersen und Wenche Søranger? Wir, die hier in die Schären gezogen sind, um unser eigenes Leben aufzubauen, wollen wir uns denn ganz und gar aus der Gesellschaft abmelden? Unsere Kartoffeln ausmachen und in den Kochtopf legen ohne einen einzigen Gedanken daran, was ansonsten in der Welt vor sich geht?
Es ist die Frau aus Pasvik, die nun an unserem Esstisch sitzt und agitiert. Ist es ihre Herkunft, so weit aus dem Nordosten, wie man in Norwegen überhaupt kommen kann, die sie so stark macht? Sie ist blond und schön, ist mit ihrer Familie hergekommen. Sie studiert Medizin, ich nehme sie im Auto oft mit nach Oslo. Einmal habe ich sie gefragt, wie sie nach Sandøya gefunden hat. »Ich habe etwas gelesen, was du in der Zeitung gesagt hattest«, antwortete sie. Das machte mir Angst. Dann war ich es, der einer Erwartung entsprechen musste. Was hatte ich gesagt? Etwas Unverbindliches darüber, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben, die eigenen Fische zu fangen, selber Kartoffeln zu setzen? Mir ging doch kaum je ein Kabeljau an den Haken. Das sagte ich zu ihr. Da lachte sie: »Die Verantwortung für mein Leben brauchst du nicht zu übernehmen.«
Nun waren ein paar Monate vergangen, es hatte einige Autofahrten gegeben, einige Begegnungen unterwegs. Die neu Zugezogenen sind so intensiv, ein bisschen jünger als wir, sie hören seltsame neue Künstler wie Prince auf den Festen, die wir arrangieren. Die Frau aus Pasvik sitzt an unserem Tisch, die Junisonne fällt durch das kleinsprossige Fenster und trifft auf ihre langen Haare. Mir kommt plötzlich ein trostloser Gedanke. Das wäre ja was, wenn ich mich verliebte! Ich sitze da und sehe ihre Hände an, wie diese die ganze Zeit versuchen, den Pony aus ihrer Stirn zu streichen, was Tante Svanhild gefallen würde. Nackte Stirnen. Die haben etwas so Schutzloses. Ihre Worte erinnern mich an unser Projekt hier draußen am Meer: nicht in festgelegten Mustern zu erstarren, nicht zu heiraten, sondern an die Freiheit zu glauben. Sie spricht über die Freiheit, sich für Frieden zu entscheiden, über das wichtige Treffen im November des vergangenen Jahres, als Pedersen und Søranger Kontakt zu Eva Nordland aufgenommen hatten, der bedeutenden Autorin, Pädagogin und Friedensaktivistin, die seit so vielen Jahren für den »kultivierten Menschen« kämpfte, den Menschen als Teil einer tieferen Gemeinschaft. Es sollte mit der Schulpolitik anfangen: »Der Mensch muss jetzt in eine Phase eintreten, in der größeres Gewicht auf seine sozialen und künstlerischen Aspekte und Möglichkeiten gelegt wird.« Als eine der Initiatorinnen der gemeinsamen neunjährigen Grundschule stand sie mitten in der gesellschaftlichen Diskussion.
Das Treffen im November trug dazu bei, die neuen Organisationen Nein zu Atomwaffen und Frauen für Frieden zu festigen. Die Frau aus Pasvik zeichnet und erzählt. Sie kam aus einer kleinen Gemeinschaft und wollte in einer anderen kleinen Gemeinschaft leben. Wir sitzen da und hören zu, die Andere und ich. Ja, was denkt die Andere? Sie hört das hier ja nicht zum ersten Mal. Sie und Tores Freundin haben über diese Friedensdemos gesprochen. Gleich vor dem Johannistag werden sich 3000 Menschen, vor allem Frauen, in Kopenhagen versammeln, um den Friedensmarsch nach Paris anzutreten. Das Bild der Frau aus Pasvik vermischt sich mit den tatsächlichen Informationen. Ihr Wunsch, daran teilzunehmen, alle zum Teilnehmen zu bewegen. Die Sonne trifft auf ihre Haare. Die Hand, oben an der Stirn, schiebt die Haare zur Seite. Die blauen Augen, die in unsere Gesichter starren.
Mehrere Tausend wandern durch Kopenhagen und dann zur Fähre nach Puttgarden. Auch einige Männer. In Deutschland wird es schwieriger. Das Land hat Atomkraftwerke. Das Land unterstützt die NATO. Nie wieder Krieg, solange man Atomwaffen besitzt. Aber diese schlängelnde Bewegung ist eine Versammlung von Einzelmenschen, die dasselbe wollen. Draußen in den Kulissen sitzen die Reaktionäre, die das lächerlich machen wollen, die Menstruationswitze erzählen, Blondinenwitze. Ich begegne ihnen, auf der Insel und in Oslo. Wie Ole auf hundert Meter Entfernung eine Feministin erkennen kann, erkenne ich einen Anti-Feministen auf noch größere Entfernung. Eines Abends, nach einigen Stunden im Studio, sitze ich mit Mutter in der Küche, sehe, wie erregt sie ist.
»Ich wäre gern bei dem Friedensmarsch dabei, Ketil.«
Ich glaube ihr. Ich fragte nicht, warum sie nicht geht. Es ist ihre Entscheidung. Tante Svanhild geht es schlechter. Mutter will in der Nähe sein, damit sie weiß, dass sie helfen kann. Ich frage mich, warum ich nicht gehe.
Die Frauen gehen. Der Kampf gegen Atomwaffen. Allein schon die Stationierung und der Bau der Lagerstätten sind eine Bedrohung. Es ist ein Marsch für die Zukunft der Kinder. Der Enkelkinder. Der Kinder der Enkelkinder.
In der Bar des Ambassadør sitzt einer der fetten Radioflaneure des NRK bei einem Whisky und macht sich lustig über die Feministinnen der siebziger Jahre, er hatte doch gehofft, wir seien fertig mit denen.
»Kennst du den Witz über die Braut, die nackt aus der Wohnung kommt, um den Müll in den Schacht auf der anderen Seite des Ganges zu werfen?«
»Das reicht«, sage ich.
Aber etwas ist passiert. Ein sechs Wochen langer Marsch. 1100 Kilometer. In Paris gibt es 20 000 Teilnehmerinnen. Frauen aus aller Welt. Französische Zeitungen, die nur ausnahmsweise über Atomwaffen schreiben, ermöglichen Diskussionen. Olof Palme, der in Paris weilt, erinnert daran, dass die Supermächte mehr als 50 000 tödliche Waffen besitzen. Die sowjetische Botschaft in Paris lädt die Initiatorinnen des Marsches zu einem Empfang ein, und Breschnew schickt aus dem Kreml ein Telegramm: »Es ist möglich, mit dem Abbau von Atomwaffen in Ost und West zu beginnen, wenn auf beiden Seiten der Wille vorhanden ist.« Reagan schickt nichts, aber die US-Botschaft ist dennoch bereit, zwei Vertreterinnen zu treffen. Rachel Pedersen und Eva Nordland wird klargemacht, dass das Militär der USA mit all seinen Waffen zur Verteidigung gedacht ist und niemals zu etwas anderem eingesetzt werden wird.
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