Veland zupfte verlegen an Darcars Hemd, starrte einen Augenblick auf seine Brust. Als er wieder die Augen hob, wirkte er sehr ernst. »Glaubst du…«, er schluckte, »glaubst du… er ist noch am Leben?«
Bilder der Hinrichtung drängten sich ihm auf, er schloss gequält die Augen, drängte sie mit aller Willenskraft zurück. Schließlich blickte er Veland wieder ins Gesicht und schüttelte den Kopf.
Mehr wollte und konnte er nicht erwidern.
Velands Augen wurden leer. »Glaube ich auch nicht«, hauchte er und presste die Lippen aufeinander.
Einen Moment lagen sie so da, Nase an Nase, Darcar streichelte Vs Wange, und V fummelte nachdenklich am ersten Knopf seines Hemdes herum. Darcar wartete auf mehr, auf eine Träne, ein Zittern. Doch Veland brauchte immer eine gewisse Zeit, um über Ereignisse zu weinen, als ob sein kindlicher Verstand schlicht versuchte, es zu verdrängen. Oder einfach länger benötigte, um sich der Konsequenzen bewusst zu werden. Als ihre Mutter gestorben war, hatte Veland die Nachricht ganz kühl mit einem Nicken hingenommen und dann erst einmal lange Zeit kein Wort mehr gesagt, als müsste er intensiv über diese Tatsache nachdenken. Erst nach der Beerdigung waren bei ihm alle Dämme gebrochen. Vielleicht, weil ihr Vater nicht gewollt hatte, dass Veland den Leichnam noch einmal sah. Und vielleicht war es nun ja ähnlich. Dass er, wenn er ihren Vater niemals tot sah – und auch nicht auf eine Beerdigung ging – er nicht um ihn weinen konnte, weil er es schlicht nicht begriff.
»Es tut mir leid«, raunte Darcar aufrichtig, müde von der Situation. »Aber wir haben immer noch uns, V. Immer noch uns.«
Veland sah ihm wieder in die Augen. »Nur, wenn du vorsichtiger bist!«
Darcar lächelte sacht über ihn. »Versprochen!«, wisperte er ihm zu.
Vorsichtig legte V seine zarten Fingerspitzen auf Darcars Lippen, betastete sie prüfend. »Du bist ganz warm. Ich habe solche Angst um dich, wenn du Fieber hast.«
»Ich werde gesund«, versicherte Darcar und küsste ihn brüderlich auf den Mund, »versprochen, V!«
Veland blinzelte, blickte ihn noch einen Augenblick lang forschend an, dann schien er zufrieden mit dem, was er in Darcars Gesicht las.
»Du darfst mich nicht allein lassen«, flüsterte er mehr befehlend als flehend, und kuschelte sich wieder gemütlich bei Darcar ein.
Darcar lächelte darüber, nahm ihn zurück in den Arm, um ihn in den Schlaf zu wiegen. »Das werde ich nicht tun. Niemals.«
Im Dunkeln leuchtete das Weiß eines Augenpaares regelrecht heraus. Darcar blickte direkt in Elmers Gesicht, der sie die ganze Zeit beobachtet hatte. Sein Blick war unergründlich, als er sich ohne ein Wort umdrehte und die Lider schloss.
Darcar runzelte die Stirn, zog V enger an sich und vergrub das Gesicht in seinem Haar.
*~*~*
Es war am Morgen, als Darcar davon wach wurde, dass es kalt im Gewölbe und auf dem Lager war. Stimmen drangen zu ihm durch, heiteres Lachen. Und für einen Moment glaubte er, wieder zu Hause zu sein und seine Brüder mit seinem Vater zu hören. Er erwartete bereits Magdas tadelnde Stimme, dass im Haus nicht gerauft werden dürfte, und Vaters ruhige Entgegnung, dass Jungs eben auch ein wenig wild sein dürften. Er hatte immer gerne mit ihnen gerauft, sie hatten ihm immer auf den Schoß und auf den Rücken springen dürfen. Und obwohl er so viel größer und stärker gewesen war, konnte Darcar sich nicht erinnern, jemals gegen ihn verloren zu haben. Ihr Vater hatte ihnen immer das Gefühl gegeben, die Größten zu sein.
Doch als er die Augen aufschlug, sah er nur Vorratskisten und eine dicke Spinne, die über seinem Gesicht in aller Ruhe ihr Netz spannte, das er am Abend zuvor zerstört hatte. Sie ließ sich einfach nicht vertreiben.
Seufzend rollte Darcar auf den Rücken, brauchte einen langen Moment, um wach zu werden und sich wie jeden Tag aufs Neue mit den derzeitigen Gegebenheiten abzufinden.
»Ich werde dir einen Namen geben müssen«, sagte er zu der Spinne, halb im Scherz, halb ernst. Er hatte ihr Netz so oft zerstört, und sie baute es immer wieder tapfer auf, dass sie sich ihr Recht, bleiben zu dürfen, eindeutig verdient hatte.
Darcar stand auf, langsam. Er fühlte sich steif vom vielen rumliegen, und obwohl ihm noch immer schwindelig im Kopf war und er erst einmal husten musste, wurden sein Leib und sein Verstand allmählich unruhig. Er wollte sich bewegen. Nachdem er sich gestreckt und erleichtert hatte, entdeckte er seinen Mantel, der an einem Haken neben der Tür hing. Er griff danach, zog ihn über und nahm den dampfenden Becher Kräutertee mit nach oben, den Elmer oder Veland ihm bereitgestellt hatte.
Der Kellerraum war kleiner als das Gewölbe darunter, dort lagerten nur ein paar Kisten, als ob Elmer damit versuchte, den Rattenkönig und andere Eindringlinge zu täuschen. Vermutlich war Elmer, dieser gerissene Fuchs, der reichste Mann im Rattenloch. Was ihn zum eigentlichen König machte.
Davon hatte er aber nichts hören wollen, als Darcar es ansprach, ein bescheidenes Abwinken war die einzige Erwiderung gewesen. Später sagte er nur noch: »Ich versuche nur, zu überleben.«
Eine knarrende Holztreppe führte aus dem Keller direkt in den Ladenraum der alten Mühle. Darcar trat hinter dem eingestaubten Tresen hervor, das Zimmer war Dunkel und bis auf ein paar leere Schnapsflaschen ausgeräumt. Eine alte Kasse war längst geplündert. Ein Türbogen führte in die Küche, sie besaß ein Fenster über dem qualmenden Ofen, ein Eintopf kochte über dem Feuer. Auf der anderen Seite führte eine Treppe hinauf, sie war mit Staub bedeckt und oben schien es stockfinster zu sein, da Elmer die Fenster abgehängt hatte.
Im Laden stand die Tür offen und gab den Blick auf die Straße frei. Es war wie immer ein verhangener Tag, gräulich, aber hell, es lag noch etwas Tau auf den Dächern, doch der milde Wind hatte den Frost auf den Pflastersteinen vertrieben.
Elmer saß draußen auf dem Stuhl vor der Tür, auf dem Darcar ihn zum ersten Mal vor einigen Nächten getroffen hatte, bevor er vor ihm geflüchtet war. Sein kehliges Lachen erschall in der Morgendämmerung und verursachte ein seltsames Nachbeben in Darcars Brust.
»Was ist so lustig?«, fragte er, als er hinaustrat und Elmers Blick folgte. Es ging ein heftiger Wind, den Darcar erst draußen wahrnahm, lautstark rauschte er durch die Ruinen, war mehr ein dunkles Dröhnen als ein Pfeifen, als ob ein Riese sich über das Elendsviertel gebeugt und hineingestöhnt hätte. Die Böen hatten die Schneewolken und die eiskalte Luft davongeblasen. Darcar wurde von einem Wind getroffen, der ihn deutlichspürbar zur Seite drückte.
Er brauchte nicht fragen, was Elmer so amüsierte, am Rande des Kanals entdeckte er Veland, der stolpernd eine Kordel festhielt. Er ließ einen grünen Drachen steigen und hatte sichtlich Freude dabei, obwohl der Wind und das schwebende Fluggerät ihn wie ein Blatt über die Straße wehten, immer hin und her. Sein haselnussbraunes Haar war verwüstet, er lachte aus purer Freude.
»Ich dachte, er könnte etwas Spaß vertragen«, erklärte Elmer. Und für das, was er für Veland getan hatte, respektierte Darcar ihn umso mehr.
Deutlich mehr, wobei er befürchtete, dass ihm das nicht guttat. Wie so oft seit einiger Zeit.
»Darc!«, rief Veland breit lachend, als er seinen Bruder am Haus bemerkte. »Schau mal, was Elmer für mich gebastelt hat! Schaust du? Siehst du es? Warte, ich halte ihn … oh… das ist… oh…«
Er wurde ein paar Schritte über die Straße gezerrt, als er versuchte, den Drachen unter Kontrolle zu bekommen.
Darcar machte einen erschrockenen Schritt auf ihn zu. »Pass auf, V! Das ist gefährlich! Komm lieber ins Haus-«
»Lass ihn doch«, fiel Elmer ihm ins Wort.
Mit einem giftigen Blick fuhr Darcar zu ihm herum. »Er könnte in den Kanal fallen!«
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