Eine Lehrstelle fand der Jugendliche durch Vermittlung des Oberlehrer Böhm im Büro des Bergbaumuseums Freiberg. Rudolf nahm Abschied von Marienberg und seiner betagten Tante.
» Glig aaf!, liaber Jung, in Fribarg bist wiedr a Uhiesschr (Fremder). Loß dr annern fei lorxn, schee wars miet dr. Bist an gudds Berschl.«
»Dank di, Tante, war schee bei dr, hinnewider kimm i vor - bie, denn kehr mor mohl ei!« Den sächsischen Dialekt konnte er nicht verbergen, musste sich aber für die Zukunft mehr auf das Hochdeutsche konzentrieren.
Auf der Schiene fuhr er wieder ein Stück weiter in unbekanntes Land, und die schulische Bildung half ihm, weitere Herausforderung anzunehmen. Wenn auch die politischen Zeiten und das wirtschaftliche Leben immer unsicherer wurden, wollte der Jüngling sich auf die Forderungen des Daseins einstellen. Freiberg war ein neuer Schritt in den Alltag für R.H..
Im Haus der Witwe eines Freundes von Böhm erhielt er eine Unterkunft. Der Verstorbene, ebenfalls ein Lehrer, war wenige Tage vor Ende des Krieges in Frankreich gefallen. Rudolf Haub ist 1924 zu einem 18-jährigen, kernigen, blauäugigen blonden Jüngling herangewachsen. Ein Arier, wie er genau ins Weltbild der N.S.D.A.P. passt.
Durch die Ausbildung im Bergbaumuseum erwarb er sich Kenntnisse im kaufmännischen Bereich, und die wurden durch seine spätere Integration in die Nazipartei vervollständigt. Er war in der Lage, mehr als 1+1 zu addieren. Doch seinen geschichtlichen Interessen konnte er bei der Tätigkeit im Museum nicht weiter nachgehen. Hier war sein Aufgabengebiet mit der Darstellung der verschiedenen Erzfördergruben des Erzgebirges ausgefüllt.
Rudolf hat keine näheren Kontakte in die alte Heimat mehr. Die liegt zwar vor seiner Haustür, als jugendlichem Mittzwanziger interessierten ihn jedoch die politischen Verhältnisse der jungen Republik mehr als das dörfliche Leben in Rübenau.
Die NSDAP war in den Jahren vor 1933 eine ganz normale, dem deutschen Volkstum sich verpflichtende Partei. Das brachte ihr viele Anhänger, denn sie versprach und suggerierte dem Mann auf der Straße, ihn aus der wirtschaftlichen Misere herauszuführen, in die das Land hineingeraten war. Das war dringend erforderlich, weil das verarmte germanische Volk am Hungertuch nagte, doch die Methoden zur Wiederauferstehung sind keinesfalls demokratisch.
Zunächst wurde das radikale, die „arische Rasse“ hervorhebende Gedankengut der NSDAP deutlich unter Verschluss gehalten. Es war den nicht der Führungsriege zugehörigen Parteimitgliedern unbekannt, und dem kleinen Mann (und der Frau) schon gar nicht. Auch R.H. wird davon keine Kenntnis besessen haben.
Bereits als 20-Jähriger fühlte er sich zum Militär hingezogen, zunächst landete er aber nur in den Fängen der sozialistischen Arbeiterpartei. Er sah darin Möglichkeiten zum persönlichen Aufstieg, und daran wollte das neue Mitglied unbedingt teilhaben. Er trat in die S. A. ein und entwickelte sich in der Folge zu einem Janus, einem Mann mit zwei Gesichtern.
In kinderreichen Familien war es üblich, dass die Erstgeborenen zuerst das Haus zu verlassen haben. Es sei denn, es ist ein Sohn, der eine vorhandene Landwirtschaft oder einen Betrieb übernehmen soll. In der Hausgemeinschaft Haub ist Rudolf der Älteste, doch die Heimarbeit mit Textilien bot für ihn keine Zukunftsperspektive. Nachgeborene Kinder lösen sich vom Elternhaus, nachdem sie ihren kriegsverletzten Vater bis zu seinem Tode versorgt hatten. Drei weitere Geschwister waren frühzeitig verstorben. Es verblieben jetzt nur zwei herangewachsene Schwestern des R.H. im Haus der Kinderzeit.
Aber es ist eine Frage der Zeit, bis sie ebenfalls die Türen von außen schließen werden, es sei denn, sie fänden hier den Mann ihres Lebens. Schwierig genug wird es sein, weil es bessere Arbeitsmöglichkeiten nur in den größeren Städten Dresden, Chemnitz oder Leipzig gibt.
Der Zechenbetrieb im Rübenauer Ortsteil Einsiedel war schon lange zum Erliegen gekommen. Bruno Grynszpan als ehemaliger Steiger hatte jedoch gute Verbindungen zu einem Hammerwerkbetrieb, wo Gerätschaften für den Ackerbau, Nägel und Schellen sowie sogar Schrotgewehre für die Jägerschaft gefertigt werden. Es ist ein zwar lang ansässiger Betrieb, aber doch ein in die Jahre gekommener. Die Maschinen waren nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik. Im Krieg wurde hier auch Gewehrmunition hergestellt.
Anton als ältester Sohn soll nach seiner Schulzeit in Rübenau jetzt in das Erwerbsleben eintreten. Der Vater half ihm, eine Lehrstelle in diesem Hammerwerk zu bekommen. Anton wäre ja gerne ebenfalls Bergmann geworden, doch die Tradition des Hauers in Rübenau ist mit Schließung der Silberzeche ausgestorben. Es blieb ihm in dem abgelegenen Bergdorf nur der Beruf eines Schmiedes.
Er ahnt, dass er ein schweres Berufsleben vor sich haben wird. Aber besser Feinschmied als gar keinen Broterwerb, denn zum Holzschnitzer hatte er kein Talent. Als 14-Jähriger beginnt Anton 1920 die Lehre als Nagel- und Waffenschmied. Auch auf ihn traf zu, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind.
Schabernack ist im Handwerk weit bekannt. Gleich am ersten Arbeitstag trug man dem neuen Lehrjungen auf, sich einen Hammer mit Gummistiel zu besorgen, mit dem man um die Ecke schlagen könne. Und für seinen Lehrmeister habe er Bier in Holzflaschen zu organisieren, weil das äußerst potenzfördernd sein soll. Doch was wusste ein so heranwachsender Bursche zu der Zeit denn, worum es sich bei Potenz handelt. Hat das etwa irgendetwas mit Wachstum zu tun? Weil Anton beide Sachen aber nicht auftreiben konnte, verurteilte man ihn zu einem Ulk. Er wurde barfuß in einem Wasserbottich stehend an einen Pfahl gefesselt. Es ist alter Aberglaube unter Schmieden, dass, wer nach dieser Tortur nicht erkrankt, als Lehrling für den Beruf des Waffenschmiedes ausgezeichnet geeignet sei. So denkt und handelt man seit uralten Zeiten.
Der neue Stift ist, zwar grün hinter den Ohren, doch beileibe nicht töricht, sondern aufmerksam und gewitzt, was er stets auch als Schmuggler bewiesen hatte. Sogar am ' Schandpfahl ' nutzte er die Situation für sich aus und analysierte das Verhalten seiner zukünftigen Kollegen.
Es gab Schadenfreudige, die sich an ihre eigene Lehrzeit erinnerten. Sie hantierten mit glühenden Nagelrohlingen vor Antons Gesicht, um ihm Angst zu machen. Doch auch Mitfühlende waren in der Firma, die ihm während der zweistündigen Zeit am Pranger mit Aufmunterungen, Erfrischungen und Wassergüssen Erleichterung verschafften. Er musste, von Kopf bis Fuß durchnässt, wie ein glühendes Stück Eisen gehärtet, die Zeit der Demütigung überstehen.
»’So wird man hart wie Kruppstahl’ und ’Lehrjahre sind keine Herrenjahre’, das wirst du so oder so noch merken,« rief man ihm zu. Nach mehr als zwei Stunden befreite man Anton dann endlich. Jetzt hatte er seine Feuertaufe hinter sich und wurde in die Betriebsgemeinschaft aufgenommen, wenn er denn nicht erkrankt. Auf diese Art und Weise hat man angehende Lehrlinge auch in anderen Berufen auf die Schippe genommen. Natürlich ist er zunächst der ' Stift' , unterster in der Betriebshierarchie, und hat zu tun und lassen, was die Kollegen von ihm fordern. Aber – es stählte ihn, erzeugte Kraft und Mut für die folgenden Jahre.
So war es damals – als Lehrbub – Azubi nannte man die Lehrlinge erst sehr viel später, in den 80ern nach dem Zweiten Weltkrieg, der sich fern am Horizont bereits abzuzeichnen begann. Noch sonnte sich die Wirtschaft in einem Zwischenhoch.
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