1 ...8 9 10 12 13 14 ...19 »Wir wissen es nicht, aber ich rede sehr viel mit ihm oder lese etwas vor. Vorlesen hat er immer so gemocht und vielleicht bringt ihn das schneller wieder zurück.« Sie sieht hoffnungsvoll auf das Bild an der Wand. Ein dunkelblauer Hintergrund, in dessen Mitte ein großer, runder, weiß-gelber Kreis zu sehen ist. Licht in der Dunkelheit, ein schöner Ausblick.
»Können wir irgendetwas für Tarik tun oder Ihnen etwas helfen?«, erkundigt sich Fenja. »Wir könnten Essen vorbei bringen oder die Blumen im Haus gießen.«
»Vielleicht zündet ihr zu Hause eine Kerze für ihn an und besucht uns hin und wieder. Es tut gut, seine Freunde zu sehen. Und sicher dauert es nicht mehr lange, bis wir euch zu ihm lassen können.« Sie steckt das Taschentuch weg und nimmt unsere Hände in die ihren. »Danke, Mädels. Ich geh jetzt wieder rein und grüße ihn von euch.« Frau Wöller steht auf und lächelt uns zum Abschied noch einmal zu. Dann öffnet sich die Stationstür und sie ist verschwunden. Wir sitzen eine Weile so da und betrachten das Gemälde an der Wand.
»Meinst du, man blickt dem Licht entgegen oder wird es von der Dunkelheit verschluckt?« Fenja sieht mich desinteressiert an.
»Dem Licht? Ich weiß nicht. Für mich sieht es aus wie eine abstrakte Darstellung unserer Flagge. Auch egal, komm jetzt!« Sie schiebt ihren Stuhl zurück, erhebt sich langsam und schlürft über den Boden in Richtung Fahrstuhl. Mit ihren Fingerspitzen fährt sie an der Wand entlang und verströmt eine so tiefe Traurigkeit, dass es mir fast das Herz bricht. Die beiden gehören zusammen wie Pech und Schwefel, wie Pfeffer und Salz, Feuer und Wasser – ich könnte es ewig weiterführen. Es hat eine Weile gedauert, bis sie sich ihre Liebe eingestanden haben, ehrlich gesagt eine Ewigkeit. Doch seit diesem Tag sind sie miteinander verschmolzen und unzertrennlich. Es ist schön, wahre Liebe Tag für Tag erleben zu dürfen. Umso schrecklicher, sie nun so leiden zu sehen.
Der Fahrstuhl öffnet sich und bringt uns heil in die Eingangshalle zurück. Mittlerweile hat es tatsächlich angefangen zu regnen. Wir halten uns die Rucksäcke über den Kopf, um halbwegs trocken den Bus zu erreichen und rennen los.
Fünf Minuten.
Vier Minuten.
Drei Minuten.
Ich weiß absolut nicht, was sich sagen soll. Meine Freundin starrt mit irren Augen in Richtung Krankenhaus und lässt mich außen vor.
»Fenja, ist alles klar?« Ohne ein Wort tritt sie vor das Wartehäuschen in den Regen. Ich geselle mich zu ihr und lasse meine Traurigkeit vorübergehend abwaschen.
Als der Bus vorfährt, sind wir bis auf die Unterwäsche nass. Meine Zähne klappern trotz der siebenundzwanzig Grad, doch der Regen hat uns die Herzen erleichtert und das ist alles, was zählt.
Vor der Schule steigen wir aus und rennen so schnell wir können nach Hause, um nicht entdeckt zu werden. Ich hoffe, meine Ma schreibt mir eine Entschuldigung, denn die Lust auf Schule ist uns nach diesem Ausflug gründlich vergangen.
Da Fenja die Einladung zu einem Aufwärmkakao bei mir dankend abgelehnt hat, trete ich allein den Heimweg an. Nass, traurig und völlig am Ende.
Im Haus angekommen, sehe ich Rheas Ökolatschen auf dem Abstreicher stehen und mich überkommt ein freudiges Gefühl. Vielleicht habe ich Glück und sie nimmt sich ein paar Minuten Zeit für mich.
»Rhea?«, rufe ich nach oben. Wenige Sekunden später öffnet sich im Obergeschoss eine Tür und Schritte im vertrauten Laufrhythmus kündigen ihre Ankunft an.
»Sag mal, hast du keinen Schirm? Zieh mal schnell dein Zeug aus. Mama wird wahnsinnig, wenn du die Bastmatte durchnässt.« Sie steht mit verschränkten Armen vor mir und weiß, dass sie recht hat. »Geht es dir gut, Süße? Irgendwie siehst du kränklich aus.« Vorsichtig befühlt sie meine Stirn, ohne sich nass zu machen.
»Ich bin gesund und ja, den Schirm hab ich vergessen. Ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Tarik hatte einen schweren Autounfall und liegt auf der ITS im Koma.« Die Worte schießen wie auf Kommando aus meinem Mund, als hätte ich sie schon tausend Mal wiederholt.
Rhea kommt einen Schritt näher und legt die Arme um mich. So bleibe ich zwar nass, aber es tut gut, gehalten zu werden.
»Sie ließen uns nicht zu ihm, es ist echt unfair.« Sie zieht mich fester an sich heran und drückt ihre Wange an meine triefenden Haare. Nun sind wir beide pitschnass und Mamas Bastmatte muss dafür büßen.
»Komm, ich mach Kakao und dann erzählst du mir alles. Willst du Vanilleeis rein?« Oh ja, das ist ein sehr gutes Trostpflaster. Ich nicke ihr zu und flitze in mein Zimmer, um mir trockene Sachen anzuziehen.
Rhea hat eine Duftkerze angezündet, sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa und popelt Dreck aus ihren Fingernägeln. Das Gewitter hat den Himmel verdunkelt und so ist es im Wohnzimmer richtig gemütlich. Mir ist eher nach Tee zu Mute und ich würde mich liebend gern in eine Decke kuscheln, aber das Thermometer zeigt schwülwarme dreiundzwanzig Grad, was wiederum für die Eisschokolade spricht.
»Auf Anfang, erzähl!« Rhea schnappt sich ihr Glas und rutscht ganz nach vorn an die Sofakante, um mich schnell trösten zu können. Ich berichte ihr vom Park, von dem Auto und Tariks Hacky Sack, dass er nun im Koma liegt, weil er eine Gehirnschwellung hat und dass wir im Moment nur abwarten können.
Meine Schwester senkt den Kopf und überlegt. Es vergehen einige Schweigeminuten, bevor ich sie anspreche.
»Rhea«, ich versuche, nicht all zu verzweifelt zu klingen, »könntest du dich im Krankenhaus ein wenig umhören und mir dann in der Dummievariante erklären, was es mit dieser Gehirnschwellung auf sich hat? Wenn ich es verstehe, kann ich seiner Familie am besten helfen. Irgendwas muss es für mich zu tun geben. Ich werde auf keinen Fall hier herumgammeln, in Selbstmitleid ertrinken und warten, bis Fenja völlig den Verstand verliert.« Meine Augen werden feucht und es kann nicht mehr lange dauern, bis – scheiße, es ist einfach zu scheußlich. Dann heule ich eben. Ganz egal, ich werde heulen, bis ich keine Tränen mehr habe. Warum Tarik? Meine Wangen sind heiß, doch daran sind nicht die Tränen schuld. Wut steigt in mir auf und bringt mich im wahrsten Sinne des Wortes zum Kochen. Ich muss diesen Autofahrer aufspüren und zur Rede stellen. Wie kann man nur so fahrlässig sein und einen Jungen über den Haufen fahren, der sein ganzes Leben noch vor sich hat. Ich hoffe, die Gewissensbisse bringen ihn um den Schlaf. Nein, in Wahrheit wünsche ich ihm schreckliche Krankheiten und – doch ich komme gar nicht mehr zum Nachdenken. Rhea stellt ihr Glas auf den Couchtisch und geht vor mir auf die Knie.
»So, jetzt beruhige dich erst einmal, Süße.« Sie tätschelt mein Knie und nimmt mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. »Niemand kann dir die Frage nach dem Warum beantworten, am wenigstens ich. Hier sind höhere Mächte am Werk.« Ich sehe in ihre grünen Augen und lasse mich überzeugen. »Tarik wird nicht gesund, in dem du Vergeltungsschläge planst.« Manchmal ist Rhea wirklich gruselig oder sie kennt mich einfach zu gut. »Es ist unklar, ob Komapatienten ihre Umgebung wahrnehmen können, aber das Gegenteil hat auch noch kein Wissenschaftler bewiesen. Also halte seine Hand, spiel ihm gute Musik vor oder sei in Gedanken bei ihm. Egal, es spielt keine Rolle. Sei eine Freundin. Für alles andere hat er Ärzte und die Familie. Vertrau mir einfach, sie tun ihr Bestes. Jeden verdammten Tag.« Mit gequältem Blick schiebt sie sich zurück aufs Sofa. »Aua, die Knie sind eingerostet.« Ich muss schmunzeln. Meine Schwester schafft es, auch in ausweglosen Situationen die Laune zu heben. »Ich kümmere mich, versprochen. Morgen weiß ich mehr und ich werde auch Entin mit ins Boot holen, wenn das für dich in Ordnung ist.« Ohne darüber nachzudenken, willige ich ein.
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