»Es ist mehr als in Ordnung. Danke!« Ich schmiege mich an sie und wir schalten den Fernseher ein. Um diese Uhrzeit ist dies keine gute Option, aber es sorgt für Ablenkung.
»Abendbrot!«, die Stimme meiner Mutter erklingt in unmittelbarer Nähe. Ich öffne die Augen und sehe die Essensglocke direkt vor dem Gesicht hin und her baumeln. Ich liege auf dem Schoß meiner großen Schwester und unsere zerknautschten Gesichter gleichen einander wie ein Ei dem zweiten. Wir sind wohl eingeschlafen. Mama schaltet die Glotze ab und malt mit ihrem Zeigefinger eine imaginäre Uhr auf ihr Handgelenk. Sechs Uhr – Abendbrotzeit. Pünktlichkeit wird in unserer Familie großgeschrieben, vor allem, wenn es um die Mahlzeiten geht.
Beim Essen herrscht betretenes Schweigen. Mama stiert ununterbrochen auf ihren Teller, Papa hält sich die Tageszeitung vors Gesicht und Rhea gibt vor, aus dem Fenster zu schauen, während sie mich beobachtet. Egal, wie seltsam die Situation für einen Außenstehenden wirken mag, ich bin dankbar, die Geschehnisse des Tages nicht schon wieder aufwärmen zu müssen.
Nachdem der Tisch abgeräumt und die Spülmaschine bestückt ist, verabschiede ich mich. Noch bevor der gemütliche Teil des Abends beginnt, flüchte ich in mein Zimmer, um den anderen den mitleiderregenden Anblick zu ersparen. Keine zehn Minuten später liege ich mit verquollenen Augen im Bett und lösche das Licht. Meine Gedanken sind bei Tarik, seiner Familie und Fenja. Wenn ich ihnen allen diese Nacht nur ein wenig erträglicher machen könnte. Leider verfüge ich weder über eine Zeitmaschine, um den Unfall in der Vergangenheit zu verhindern, noch habe ich ein Allheilmittel gegen schwere Kopfverletzungen oder große Traurigkeit. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als in den Schlaf zu finden und all meine Daumen ganz fest zu drücken.
Das grelle Weiß der Neonlampen brennt in meinen Augen und ich brauche einen sehr langen Moment, um sie zu öffnen. Rumms – klar, ich weiß, wo ich mich befinde.
»Caris, ist alles okay bei dir?«, rufe ich in die andere Ecke des Raumes. Sie liegt, wieder einmal, vor ihrem Bett mit dem Gesicht auf dem Boden.
»Bestens, ich habe nur den Dreh noch nicht so ganz raus.« Von welchem › Dreh‹ sie da faselt, ist mir zwar schleierhaft, aber heute gibt es Wichtigeres zu erledigen: die Terminals. Es ist eine einzigartige Gelegenheit, die wir unter keinen Umständen aufschieben können. Den groben Plan für die Gestaltung der großen Halle habe ich bereits in meinem Kopf und hoffe nun, dass die Grenzen der Technik mir nicht im Wege stehen. Da fünfzehn verschiedene Versionen unseres Aufenthaltsraumes entstehen sollen, wird die Akademie über einen gigantischen virtuellen Speicher verfügen, den wir nun füttern werden.
Wir verlassen das Zimmer, schnappen uns die Rucksäcke und sind im Handumdrehen am Objekt der Begierde angelangt. Das Terminal sieht nicht sonderlich eindrucksvoll aus, doch aus Respekt vor den Möglichkeiten nähern wir uns langsam und bedächtig. Die zwei Meter hohe, weiße Säule ist mit einem überdimensionalen Touchscreen ausgestattet, welcher kontinuierlich die Farbe wechselt. Von Dunkellila bis Zitronengelb ist alles dabei und es fällt schwer, die Augen abzuwenden. Caris tritt einen Schritt näher und fügt sich perfekt in das bunte Farbenspiel ein.
»WILLKOMMEN. CARIS ENGEL.« Das Terminal spricht zu ihr. Wow, das kam unerwartet. Eine warme Männerstimme lullt uns geradezu ein. Meine Freundin schluckt die Nervosität hinunter und antwortet mit piepslicher Stimme:
»Ja?«
»LEGE DEN RECHTEN DAUMEN AUF, UM DEINE IDENTITÄT ZU BESTÄTIGEN.« Sie tut, wie ihr befohlen und sofort wandelt sich die Hintergrundfarbe in ein Limettengrün. »PERSONIFIZIERUNG ABGESCHLOSSEN. DU BIST NUN EINGELOGGT.«
Eine sehr überschaubare Maske öffnet sich und teilt den Bildschirm in mehrere Unterpunkte ein. ›Stundenplan, Dozentenverzeichnis, Lageplan, Entwurf große Halle, Hilfe und Kontakt.‹ Das System wählt eigenständig und öffnet das passende Programm. Eine dreidimensionale und um dreihundertsechzig Grad drehbare Ansicht des Raumes wird sichtbar. Am unteren Ausschnitt sind diverse Extras vorgefertigt, die per Touch in den kahlen Raum gezogen werden können. Stühle, Tische, Sofas, Pflanzen, Tapeten, und unendlich viele Möglichkeiten, eigene Skizzen oder Anregungen in leere Felder einzufügen. Eine nette Spielerei. Als Caris ihren Entwurf wenig später bestätigt, spuckt der Computer eine weiße Plastikkarte aus. »KARTE BEIM BETRETEN DES RAUMES DURCH DEN SCANNER ZIEHEN.« Verstanden.
»Du bist dran, Roya.« Das muss mir niemand zweimal sagen, denn ich spüre schon eine Ewigkeit das Kribbeln in den Fingern.
»HALLO, ROYA ROTH.« Cool, der Typ hat einen größeren Wortschatz, als ich annahm. »SCANNE NUN DEINEN FINGERABDRUCK EIN.« Gesagt, getan. Bam! Der Hintergrund färbt sich Sonnenblumengelb und zeigt mir ebenfalls die Möglichkeiten des Hauptmenüs auf. Mit einem Wisch schicke ich mir selbst den Lageplan auf mein Tablet, stelle ernüchternd fest, dass der Stundenplan völlig leer ist und öffne das Designtool.
Ich könnte stundenlang Möbel rücken, die Wände übertünchen oder Pflanzen wachsen lassen, aber dazu fehlt mir im Augenblick die Zeit. Also gestalte ich alles im klassischen Schick mit sinnvoll eingeplanten Accessoires. Vor einer goldenen Wand entsteht eine Sofalandschaft in edler Lederoptik. Kleine Tische und Hocker laden zum Verweilen und Quatschen ein. Zwei Milchglasfronten trennen die Wohlfühlzone vom Rest der Halle und sorgen so für die nötige Ruhe. In Wellenform schlängelt sich ein Bartisch vom Ascenseur an der Wand entlang und bietet Platz zum Arbeiten. Schlichte weiße Hocker und die indirekte Beleuchtung der Tischplatte machen die Workingarea perfekt. Fehlen nur noch die Mandelbäume und…
»Alle Schüler finden sich bitte im Atelier ein. Dr. Gregorio freut sich auf die erste gemeinsame Politikstunde. Viel Spa-aß.« Ceyda ist der sympathischste Drillsergant, den man sich vorstellen kann und bringt mich dazu, mit einem Schmunzeln dem Terminator auf Wiedersehen zu sagen.
»ROYA, DU BIST NUN AUSGELOGGT, AUF WIEDERSEHEN.«
Der Gong ertönt und wir sind die Ersten auf dem Ascenseur. Ich habe gute Laune und bin gespannt, was die nächste Unterrichtseinheit bringen wird.
Der fahrbare Untersatz setzt sich in Bewegung und bringt uns ins Atelier – ein passender Name für das Klassenzimmer unter dem Glasdach. Oben angekommen, begrüßt uns ein Mann um die fünfzig mit einem markanten Gesicht, einer großen Nase und graumelierten Haaren. Er wirkt griesgrämig und kühl. Seine Art, diesen Raum mit einem Blick zu beherrschen, lässt mich erschauern. Niemand sagt etwas. Alle bleiben wie angewurzelt stehen. Keiner traut sich, seinen Platz anzusteuern. Ceydas Lektion steckt wohl noch in sämtlichen Knochen.
»Mein Name ist Dr. Gregorio und ich werde Sie in Politikwissenschaft unterrichten. Ich möchte, dass Sie morgens in Midden aufwachen und abends in Midden wieder einschlafen. Sie werden nichts anderes im Kopf haben außer unseren Ministerien, ihren Mitarbeitern, den Namen der letzten Oberhäupter, der Schuhgröße unserer Präsidentin oder den Namen der Befreier. Haben Sie das verstanden?« Ich hoffe nicht, dass er eine Antwort auf diese Frage erwartet; zudem würde ich es bevorzugen, im Schutze meiner sicheren Bank den Rest der Stunde zu erleben.
»Ihr Hauptaugenmerk liegt auf folgenden Fragen: Was läuft schief, was läuft richtig? Wer sind die Macher und an welchen Strängen muss gezogen werden, um ein Ziel X zu erreichen?« Dieser Typ ist wirklich angsteinflößend. Seine Stimme kriecht durch die Reihen, um uns alle zu infiltrieren und gehörig zu machen. Er hält die Hände gefaltet vor sein Gesicht und schließt kurz die Augen. Als er sie öffnet, atmet die Klasse synchron wieder ein.
Читать дальше