„Ich weiß, Ihr fürchtet, dieses Rolle sei für Euch unbezahlbar, und ich denke, Ihr habt recht. Dennoch werde ich sie Euch verkaufen für – nun, sagen wir: einen Schekel. Den werdet Ihr aufbringen können, nicht wahr? Ihr fragt nun sicherlich, warum ich das tue. Ich kann es Euch nicht erklären. Es ist einfach Intuition – das Gefühl, sie ist bei Euch in der richtigen Hand. Ich sage Euch: die Historiker werden diese Schrift solange prüfen und deuten, bis nichts mehr übrig ist von ihrem Zauber. Die Kirchenleute werden sich nur wieder streiten, welcher Ort hier in der Stadt nun dadurch geheiligt ist und welcher ihnen keinen Gewinn mehr einbringt. Und die Bibelwissenschaftler werden jeden Vers ihrer heiligen Schrift erneut auf die Goldwaage legen müssen und ihn doch nicht ändern können. Unser namenloser Verfasser braucht einen Leser, der ihm auf seinem Weg folgt, der ihm vertraut und seine Botschaft mit offenem Herzen aufnimmt. Und ich bin gewiß, Ihr seid ein solcher Mann. Laßt mich meine Ölbaumfiguren verkaufen und meine Heiligenbilder, das reicht für mein Auskommen, selbst in dieser abgelegenen Gasse. Ihr aber nehmt das Pergament; prüft nicht weiter seine Echtheit, denn Ihr werdet sowieso nicht herausbekommen, wer dieser Schreiber war und ob er alles so niedergeschrieben hat, wie es damals geschehen ist. Geht einfach mit ihm jenen Weg nach, den er einmal gegangen ist – und den ein anderer ihm vorausgegangen ist, mit einem Kreuzesbalken auf der Schulter und einem Dornenkranz im schweißnassen Haar.“
Damit nahm er die Rolle, die er wieder sorgfältig in die Lederhülle zurückgeschoben hatte, strich noch einmal fast liebevoll darüber und reichte sie mir dann, ohne meine Antwort abzuwarten. Und ich entnahm meiner Jackentasche einen Schekel, den ich dort stets zu stecken hatte, falls ein allzu aufdringlicher Bettler mich zu arg belästigte, legte sie in seine schmale, feinfingrige Hand; er dankte höflich und geleitete mich zur Tür, um mich mit guten Wünschen zu verabschieden. Ich ging. Als ich mich noch einmal umdrehte, war der Händler verschwunden, der Wellblechladen vor seinem Geschäft war heruntergezogen. Es schien, als hätte er nur auf mich gewartet, aber da mochte ich mich auch täuschen. Schließlich war es ein heißer Tag, und niemand war in dieser Gasse unterwegs. Ich habe sie übrigens auch nicht wiedergefunden, als ich Tage später noch einmal diesen Teil des Basars durchwanderte. Doch vielleicht war es auch besser so, blieb damit doch das Geheimnisvolle erhalten, das meinen neuen Besitz umgab. Umso mehr vertiefte ich mich in das, was jener unbekannte Augenzeuge einst niedergeschrieben hatte. Ja, ich folgte seinem Weg, und damit dem Weg dessen, der sein Kreuz hinauf nach Golgatha getragen hatte.
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