Um 18 Uhr kehrte er inzwischen abgeregt zurück ins Hotel, denn er wollte unbedingt beim Informationstreffen mit der Hostess dabei sein. Schliesslich musste er sich ein Bild von der Qualität der Dienstleistung des Quoni-Personals machen. Die jungen Frauen vermisste er. Es wurde ein süsser, künstlich schmeckender, gelber Fruchtsaft serviert. Die Hostess stellte sich nochmals als Bettina vor und erledigte anschliessend ihre Aufgabe tadellos. Es war nicht das erste Mal, dass er an einem Gästemeeting teilnahm, weshalb er das, was und wie es diese Bettina machte, recht gut beurteilen konnte. Was sie nämlich mit ihrer melodischen Stimme sagte, war kurz gehalten, überzeugend und klar verständlich auch für die durchschnittlichste Sorte von Tourist.
Nach dem enttäuschenden Nachtessen im Hotel, das er einsam und leicht gelangweilt an einem Zweiertisch zu sich nahm, trank er zum Ausklang des ersten Tages in Marokko noch ein grosses Bier an der Bar beim Hotelpool. Ganz solo. Hatte nicht das Ehepaar neben ihm im Flugzeug gemeint, alleine zu reisen, sei langweilig?
Zurück in seinem Zimmer zuckte er sein Notizbuch und machte erste Einträge zu seinen Ermittlungen: Hotel Al Salam. Trotz Hitze Klimaanlage abgestellt. Kaffee am Morgen fad, Tee wie überall auf der Welt, Brot à la française knusprig, sogar Rührei vorhanden, allgemein Frühstück akzeptabel. Auswahl beim Nachtessen begrenzt. Wer Poulet und Lamm nicht mag, hat Pech gehabt. Gemüse verkocht und geschmacklos. Grosse Portionen. Einheimischer Wein der Region Meknes günstig und süffig. Bedienung zuvorkommend, aber langsam. Quoni-Informationstafel im Hotel und Gästemappe vorhanden. Zimmer klein, aber sauber. Radioweckerfunktion noch überprüfen. Flughafenprozedere ohne Komplikation, aber alle Schalter und Läden geschlossen. Leider keine Möglichkeit, Dirham zu kaufen. Transfer problemlos. Hostess Bettina kompetent.
Endlich fand er ein paar Minuten Zeit, im Merian Reiseführer zu lesen. Ausser den wenig lohnenswerten Relikten der Kasbah, die 1557-1574 auf dem 236 Meter hohen Hügel bei Agadir erbaut worden war, gab es scheinbar nichts Historisches zu besichtigen. Ein Ausflug auf die Kasbah lohne sich weniger wegen der Ruinen als wegen des prachtvollen Ausblicks auf die Stadt, den zehn Kilometer langen, breiten Strand und den Hafen. Agadir sei die beliebteste Badedestination Marokkos, sei modern und gleichzeitig eine wichtige Industriestadt. Auch ohne prägnante Sehenswürdigkeiten müsse ein Aufenthalt in Agadir nicht zu reinen Strandferien werden. Wegen der idealen Lage und den ausgezeichneten Versorgungsmöglichkeiten eigne sich die Stadt nebst Badeferien hervorragend als Ausgangspunkt für Besichtigungstouren in den Hohen Atlas, dessen Ausläufer, nach Marrakesch oder Essaouira und in den Antiatlas im Süden. Nachdem sich im Jahr 1505 bereits die Portugiesen, dann die Dänen und später am Anfang des 20. Jahrhunderts die Deutschen hier niedergelassen hatten, erfolgte darauf der Einmarsch der Franzosen. Marokko wurde zu einem französischen Protektorat. Durch das Erdbeben von 1960 wurde die Stadt fast vollkommen zerstört und 15 000 Bewohner getötet. 1962 erfolgte der Wiederaufbau mit nur ein- bis zweistöckigen, modernen Betonhäusern, die im arabisch-berberischen Marokko ziemlich fremdartig wirkten. Aus diesem Grund verfüge die Stadt auch nicht über eine Medina, eine historisch gewachsene Altstadt, wie beispielsweise Marrakesch und Fès. Nirgends sei heute der Kontrast zwischen Tradition, Religion und modernem Leben grösser als in Agadir. Was man sich hier als Tourist erlauben dürfe, sei in keiner anderen marokkanischen Stadt möglich. Böse Zungen behaupteten, Agadir sei der am wenigsten marokkanische Ort des ganzen Landes. Wegen des kalten Kanarenstroms herrsche ein ausgeglichenes Klima. Von wegen, dachte Gherardo, heiss ist es, auch jetzt noch in der Nacht.
Weiter kam er beim Lesen nicht, denn seine Augen konnte er vor Müdigkeit kaum mehr offen halten. Dann schlief er ein, ohne sich ausgezogen zu haben und das Notizbuch und der Reiseführer blieben aufgeschlagen auf seinem Bauch liegen.
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