Als alle ihre Bagage ergriffen und auf ein Gepäckwägelchen geladen hatten, gings schnell und anstandslos durch die Zollkontrolle – die Zöllner warteten wohl darauf, endlich nach Hause zu gehen, weshalb sie nur einen kurzen Blick auf die ihnen vorgewiesenen Papiere warfen – und zur kahlen und schlecht beleuchteten Ankunftshalle, wo zwei Quoni-Hostessen die müde aussehenden Gäste mit einem frühmorgendlichen Lächeln erwartete. Die eine war sicher eine Schweizerin, die andere wegen ihrer dunklen Hautfarbe eine Marokkanerin. Die wenigen Büros der Autovermieter, der Wechselstuben und der Reisebüros waren geschlossen. Es war inzwischen 4.30 Uhr geworden. Es erfolgte eine Teilnehmerkontrolle und die Verteilung der Kunden auf die zwei wartenden Busse, die sie in die gebuchten Hotels fuhren. Auf ‹sein› Ehepaar musste noch eine Weile gewartet werden, denn die Frau musste vorher unbedingt noch aufs Klo. Dann war er die beiden endlich los, sie stiegen in den Bus Nr. 1, er musste in die Nr. 2. Die Hostess seines Busses war die Schweizerin. Er gab sich ihr vorerst nicht zu erkennen, schliesslich war er irgendwie als Undercover unterwegs.
Jedem Gast überreichte die Hostess beim Einsteigen einen Umschlag mit verschiedenen Prospekten und Angeboten für Ausflüge, von Restaurants und Unterhaltungsmöglichkeiten sowie für die Miete von Autos. Kaum hatte er Platz genommen, entdeckte er auf den beiden gegenüber liegenden Sitzen zwei junge Damen, die eine fast noch ein Mädchen, wie er feststellen musste. Sind das die zwei, die er im Flugzeug so gerne anstelle des Ehepaars neben sich gewünscht hatte, fragte er sich? Er hörte ihren Gesprächen verstohlen zu und war erstaunt, dass sie sich untereinander mal auf Französisch, mal italienisch, mal in Englisch und dann wieder in Deutsch unterhielten. Dann drehte er sich zu ihnen um und sah sie genauer an. Sie kamen ihm wie hochnäsige Hühner vor, die mit ihren Sprachkenntnissen die Mitfahrenden imponieren wollten. Aber sie waren bildhübsch. Ihrem Aussehen nach musste es sich um Schwestern handeln. Beide hatten langes, goldenes Haar und gepuderte Stupsnasen und Wangen. Die eine schätzte er in seinem Alter, die andere zwei oder drei Jahre jünger.
Als der Bus losgefahren war und das Flughafengelände verlassen hatte, begann die Hostess mit der offiziellen Begrüssung der Gäste. Sie stellte sich als Bettina vor und erklärte den Ablauf des Transfers und wies auf die abgegebenen Unterlagen sowie auf die Termine für die offiziellen Informationsveranstaltungen in den einzelnen Hotels hin. Zum Schluss erteilte sie die ersten Tipps über Land und Leute. Kaum fertig, hielt der Bus beim ersten Hotel, wo zwei noble Paare und ein Ehepaar zusammen mit einer jungen Frau ausstiegen. Gherardo guckte durchs Fenster, beäugte neugierig die Ausgestiegenen, ihr umfangreiches Gepäck und dann das Hotel. So konnte er sich in etwa ausmalen, zu welcher Einkommensklasse die sieben Personen gehörten. Solche Dinge interessierten ihn. Gleich mehrere Boys in Uniform schleppten die Koffer ins Hotel. Die Hostess begleitete die Gäste an die Rezeption. Der Schriftzug Euromaroc mit fünf Sternen darüber prangte über dem prunkvollen Eingang. Bald ging die Fahrt weiter zum nächsten Hotel. Die beiden jungen Damen blieben sitzen. Schon keimte Hoffnung in ihm auf, sie mögen doch bitte wie er im Al Salam absteigen. Nach dem dritten Stopp war der Bus nur noch knapp zu einem Viertel gefüllt. Dann ertönte die Ansage «Nächster Halt Hotel Al Salam» durch den Lautsprecher. Mit Gherardo verliessen eine vierköpfige Familie den Bus und – was für ein Glück – die beiden jungen Damen. Er dachte überhaupt nicht mehr an hochnäsige Hühner, sondern nur noch an die Aussicht, sich mit ihnen anzufreunden. So sprach er sie denn auch auf dem Weg zur Rezeption an, doch sie kicherten nur und ignorierten ihn und redeten wieder auf Italienisch miteinander. Abgeblitzt, dachte er. Schade. Schicksal. Dumm gelaufen. Probieren wirs später nochmals. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er seinen speziell für diesen Trip gekauften Samsonite Koffer selber ins Hotel tragen musste, weil nur ein Boy zugegen war. Am Empfang ganz hinten in der hohen Hotelhalle mit auffallend vielen arabischen Ornamenten an den Wänden gab er seinen Pass ab, nahm seinen klobigen Zimmerschlüssel entgegen und begab sich auf sein ihm zugewiesenes Zimmer 214. Vor dem einzigen Fahrstuhl stauten sich wartende, schläfrige Gäste, also entschied er sich für die Treppe bis in den zweiten Stock. Der einzige anwesende Boy sorgte sich vor allem um die Frauen.
Bis zehn Uhr konnten sich die neuen Hotelgäste noch am Frühstücksbüffet bedienen. Gherardo sass eine geschlagene Stunde an einem wackeligen Tisch im riesigen, nüchternen Frühstücksraum und schlürfte bereits seinen vierten Tee, doch die beiden Hübschen erschienen nicht, wie er gehofft hatte. Dagegen veranstalteten die Kinder der angekommenen Familie mit ihrem Kindergeschrei und Herumgerenne ein regelrechtes Morgentheater, das ihm umso mehr auf die Nerven ging, weil die Eltern keinen Mucks machten, die Bengel zur Ruhe zu bringen.
Anschliessend legte er sich ins schmale, ziemlich weiche Bett und wollte sich erst einmal von der Reise ein wenig erholen. Nur kurz. Dem ältlichen Radiowecker konnte er keine Musik entlocken. Das Fenster liess er geöffnet. Ein warmes Lüftchen bewegte den dünnen Vorhang. Die Klimaanlage war nicht in Betrieb. Es wurden drei Stunden. Er erwachte, weil er schwitzte. Es war inzwischen Nachmittag und die Hitze schien unerträglich. Heute Morgen beim Aussteigen aus dem Flugzeug dachte er noch, wie ferienmässig das Klima sei. Jetzt aber am Tag wars richtig heiss. Nichtsdestotrotz begab er sich auf einen ersten Rundgang in die Stadt. Die Hotellobby mit den farbigen Kunstledersesseln um kleine, arabische Teetischen herum war menschenleer. Er bemerkte lediglich einen halbwegs schlafenden Angestellten am Empfang. Draussen irgendwo unterwegs in Richtung Strand entdeckte er weit vor sich zwei Blondschöpfe. Das müssten sie sein, glaubte er. Sofort beschleunigte er seine Schritte. Doch diese Anstrengung in der Bruthitze war für nichts. Er verlor sie aus den Augen.
Es verwunderte ihn nicht, dass nur wenige Menschen zu dieser heissen Tageszeit in den Strassen anzutreffen waren. Ein paar Schritte weiter besuchte er einen kleinen Souk und stellte sich in den Schatten eines Ladens, wo Hunderte von Schuhe augestellt waren. Genau so ein Geschäft hatte er gesucht. Nirgends war ein Preisschild zu sehen. Ihn interessierten vor allem die typisch marokkanischen Babouches, eine Art von Pantoffeln oder Slippers für den Alltag. Diese hatten ihm seine Kollegen vor Abreise als Mitbringsel empfohlen. Hier lagen sie haufenweise über- und nebeneinander. Ein verschlafener Verkäufer näherte sich ihm und erklärte ihm die Ware. Alles Handarbeit. Echtes Leder. Bon prix. Wie viel? Aha, oui, diese nehme ich zum halben Preis. Impossible, Monsieur. Die beiden verhandelten noch eine Weile und vereinbarten schliesslich den Verkaufspreis. Gherardo bezahlte und war einen Moment lang selig, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Der Verkäufer schüttelte ihm zum Abschied mit einem zufriedenen Gesicht beide Hände. Auf dem Rückweg entdeckte Gherardo einen weiteren Schuhladen. Aus purer Neugier hielt er an, um zu schauen, wie viel Babouches hier kosteten. Die Preise waren von Hand auf Kartonkärtchen angeschrieben. Oh Schreck, vorhin hatte man ihn übers Ohr gehauen. Ganz klar, denn hier kostete die in etwa gleiche Ware nur die Hälfte von dem, was er vorhin bezahlt hatte. Er rechnete frustriert nach: «Wenn ich die Babouches im ersten Laden mehr oder weniger zum halben Preis gekauft habe und diejenigen im zweiten Laden ohne Rabatt nur halb so viel kosten vom ausgehandelten Verkaufspreis im ersten Laden, dann ist das ein Viertel, den man durch geschicktes Handeln nochmals verringern könnte. Vielleicht würde ich dann nur einen Fünftel oder Sechstel vom ausgeschriebenen Preis im ersten Laden bezahlen. Stimmt das? Ach, egal. Umgerechnet bezahlte ich eh nur rund sechs Franken.»
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