„Und wo ist das?“, fragte Philipp.
„Die Toskana, Bella Italia.“
Ein sehnsüchtiges Lächeln überzog das hübsche Gesicht.
Michael Heinze war auf dem Rückweg von einer Feier mit seinen Freunden in Frankfurt und fuhr in Richtung Mainkai, als er im Radio von dem Unfall hörte.
Ein Radfahrer war von einer Straßenbahn erwischt worden, weshalb die Polizei einen Teilabschnitt der Straße sperrte, und bat die Unfallstelle zu umfahren.
Das galt nicht für ihn. So schnell es der Verkehr zuließ, fuhr er zum Unfallort und schob sich durch die schaulustige Menschenmenge nach vorne. Der Schwerverletzte wurde gerade vom Rettungsdienst behandelt und Minuten später in den Krankenwagen geschoben. Michael Heinze hatte eine schöne Großaufnahme vom Opfer und etliche Aufnahmen vom Unfallort. Das Video würde ihm etliche Follower bringen und damit seine Finanzen aufstocken.
Nun saß er an seinem Computer und bearbeitete die Aufnahmen, als ein Schrei ihn aufhorchen ließ. Vielleicht hatte ein Pärchen wieder ein bisschen Spaß. Kam in der engen Gasse am „Roten Brunnen“ öfter vor.
Er schnappte sich seine Kamera und rannte durch die offene Terrassentür. Auch dieses Video wäre fürs Internet bestens geeignet. Es gab so viele Perverse, die sich solche Bilder gerne anschauten und auch noch dafür bezahlten.
Natürlich würde er die Gesichter derer, die sich in der nur von wenigen Häusern einzusehenden Gasse amüsierten, wie immer, verpixeln. Er wollte ja niemandem schaden oder gar denunzieren.
Er suchte sich sein Ziel. Es befanden sich tatsächlich Personen am „Roten Brunnen“. Aber irgendwie stimmte da etwas nicht. Er zoomte näher ran, filmte und stand wie gelähmt. Ein wegfahrender Wagen befreite ihn aus seiner Starre. Er spurtete an seinen Rechner.
Das Video hatte er schnell hochgeladen und sah sich das Ganze noch einmal an. Er vergrößerte die Aufnahmen, bis sie den gesamten Bildschirm einnahmen. Eine der zwei Personen, die in Minutenabständen um die blutende und scheinbar leblose Frau herumschlichen, erschien ihm bekannt.
Er holte das Letzte an Kontrast aus der Aufnahme heraus.
„Das kann doch nicht sein“, murmelte er dann vor sich hin. „Das ist doch der Typ aus der Nachbarschaft.“
Hatte er gerade einen Mord gefilmt … und den oder die Täter gleich mit dazu?
Dieses Video – in Teilabschnitten auf YouTube präsentiert – würde ihm mehrere Hundert, wenn nicht sogar Tausende Follower sichern. Die Geldquelle würde sprudeln. Aber erst, wenn er den Typ selbst zur Rede gestellt hatte.
Trotz der Gräueltat, die gerade quasi vor seiner Haustür passiert war, grinste er.
Montag – 14. Mai 2018 / 00:25 Uhr
Der Oberkörper der Frau lehnte gegen die Ummauerung des „Roten Brunnens“; genau in der Höhe, wo das Wasser zwischen den aus Sandstein modellierten Kinderfiguren herauslief. Ihre leeren Augen blickten ihn an. Sie hielt einen Rosenkranz in ihren, wie zum Gebet gefalteten Händen und aus ihrem Bauch pulsierte das Blut unaufhaltsam auf das Pflaster.
Philipps Herz pochte so laut, dass er meinte, es springe ihm gleich aus der Brust. Er riss sich vom Anblick der Toten los und lief den steilen, zwischen den eng stehenden Häusern verlaufenden Weg – von den Alteingesessenen „Gänseweg“ genannt – hinauf zur Kleinen Maingasse.
Danach verschwamm alles im Nebel.
Erst, als er seine Wohnung betrat, kam er wieder zu sich. Er schaute auf die Uhr. Null Uhr dreiundzwanzig. Wie konnte das sein?
Gegen halb elf hatte er mit Stella, die sich immer mal wieder zu ihm setzte, wenn es ihre Zeit erlaubte, ein letztes Glas Wein getrunken. Die Frau gefiel ihm, und sie hatten sich gut unterhalten. Danach machte er sich, zufrieden mit sich und der Welt, auf den Weg zu seiner Wohnung – keine zehn Minuten von dem italienischen Lokal entfernt.
Und doch habe ich fast zwei Stunden gebraucht? Nicht schon wieder , dachte er noch und schon eroberten weitere Bilder sein inneres Auge.
Die Gestalt beugte sich nach vorn über das niedrige Geländer. Er wollte schreien – Halt, stehen bleiben – brachte aber keinen Ton über seine Lippen. Noch zwei, vielleicht drei Schritte. Kies knirschte unter seinen Schuhen. Je näher er herankam, umso weiter entfernte sich die Person. Gerade, als er zupacken wollte, verschwand sie. Nur Augenblicke später hörte er den Aufprall und … Schreie. Ihr verzerrter Widerhall drohte seinen Schädel zu sprengen.
Erneut schreckte Philipp auf – diesmal schweißgebadet. Gleichzeitig stellte er erleichtert fest, dass er sich in seinem Bett, in seinen eigenen vier Wänden befand. Dennoch dröhnten die Schreie konstant in seinem Kopf.
Trotz der Therapie würden sie ihn wohl bis zu seinem Lebensende verfolgen … das wusste er.
Durch die zugezogenen Vorhänge machte sich der Morgen bemerkbar, weshalb er den Weckalarm um 08:30 Uhr auf seinem Handy ausstellte. Er wollte nicht verschlafen. Nein … er wollte nicht noch einmal einschlafen !
Im Badezimmer fiel sein Blick auf seinen grauen Cashmere-Pullover, der mitsamt seiner Hose, auf der Waschmaschine lag. Er konnte sich nicht erinnern, die Kleidungsstücke dort hingelegt zu haben, und trug sie ins Schlafzimmer. Anschließend ging er zurück ins Bad, drehte die Dusche auf und stellte sich unter das lauwarme, noch fast kalte Wasser.
Vielleicht zu viel Wein gestern Abend?
In Zukunft, so schwor er sich, würde er vorsichtiger sein.
Auf dem Weg zurück zum Wohnraum fixierte er sekundenlang das Telefon, als erwartete er, dass es läuten würde, und wunderte sich, dass es still blieb.
Wie jeden Morgen riss er das Blatt auf dem Tageskalender ab. Er hatte lange nach einem solchen nostalgisch anmutenden Datumsanzeiger gesucht. Er brauchte ihn als Zeichen der Normalität. Jedes Blatt ein neuer Tag.
Er goss Wasser in die Espressomaschine und drückte den Startknopf. Das Geräusch des Mahlwerks brachte die Erinnerung an den Albtraum und den knirschenden Kies zurück. Es war so real. So, als wäre es erst gestern passiert.
Claudia! Er brauchte Gewissheit.
Philipp rief in der Agentur an. Die sofort anspringende Mailbox verriet ihm, dass sein Chef noch nicht am Arbeitsplatz war. Er hinterließ eine Nachricht, dass er später käme.
Pünktlich um neun Uhr wurde die Erste Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener von den Kriminalhauptkommissaren Harald Weinert, Lars Hansen und dem Neuen – Kriminaloberkommissar Dietmar Schönherr – in ihrem ehemaligen Büro erwartet.
Zwei Stunden zuvor hatte der Leiter der Polizeidienststelle in Seligenstadt – dem Ort, in dem sie seit mehr als einem Jahrzehnt wohnte – sie informiert, dass die Leiche einer jungen Frau aufgefunden worden war.
Der Fundort – am „Roten Brunnen“ – ließ sie dann doch erst einmal kurz zusammenzucken. Genau dort hatte sie noch gestern mit Andy, Helene und Herbert auf der Bank gesessen und, mit einem Eis in der Hand, den schönen, sonnigen Nachmittag genossen.
Sie setzte eine WhatsApp an ihr Team ab und fuhr anschließend zum Fundort. Der war von Josef Maier und seinen Kollegen großzügig abgesperrt worden. Die wenig später eingetroffenen Mitarbeiter der Spurensicherung hatten den Ort seitdem in Beschlag genommen.
Von Josef Maier erfuhr Nicole auch, dass ein Jogger, Carsten Reinhold, 36 Jahre alt, wohnhaft in der Aschaffenburger Straße, die Tote gefunden hatte und als Marina Leistner identifizierte. Er würde die Frau von früher kennen und wüsste auch, dass sie keine 20 Meter entfernt wohnte.
Daraufhin hätte Maier seine Kollegen in die umliegenden Häuser geschickt, um Zeugenaussagen aufzunehmen. Er selbst hätte den Ehemann des Opfers, Markus Leistner, aufgesucht. Viel wäre aber bei der Anwohnerbefragung nicht herausgekommen, was zum einem daran läge, dass die meisten der Leute jetzt bei der Arbeit waren und die Tat vermutlich um Mitternacht verübt worden war.
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