Letztlich ein alles andere als befriedigendes Resultat, weder für die Kriminalkommissarin, noch für die Angehörigen der Opfer. Alle hätten es lieber gesehen, wenn die Morde endgültig aufgeklärt worden wären und der Mörder lebenslänglich ins Gefängnis gekommen wäre.
Nicoles Hand tastete zur Seite … leer. Demnach standen die Chancen auf ein ausgiebiges Frühstück nicht schlecht. Das leise Klappern von Porzellan gab ihr recht.
Vielleicht ein schöner Spaziergang durch den Klostergarten und am Main entlang? Oder auch nur chillen …? Mal sehen, was sich so ergibt .
Mit diesen Gedanken öffnete sie die Schlafzimmertür und schon waberte der Duft von Kaffee und anderen Köstlichkeiten um ihre Nase.
„Guten Morgen, mein Schatz“, wurde sie von Andy begrüßt. „Gut geschlafen?“
„So gut wie schon lange nicht mehr“, erwiderte Nicole und legte ihre Arme von hinten um die Taille ihres Lebensgefährten.
Über seine Schulter auf die Pfanne blickend fragte sie: „Was zauberst du da? Das riecht köstlich.“
„Eier und Speck, Würstchen, gebratene Champignons, Tomaten. Ein fast perfektes Schottisches Frühstück. Aber, Black Pudding magst du ja nicht.“
„Nein, bloß nicht.“ Angewidert verzog Nicole das Gesicht. „Wer isst schon zum Frühstück gebratene Blutwurst? Welcher vernünftige Mensch isst überhaupt gebratene Blutwurst?“
„Wurstähnliche Gerichte aus Blut sind so alt wie die Menschheit. Erste schriftliche Zeugnisse eines ähnlichen Gerichts finden sich im Jahr 800 vor Christus in der Odyssee von Homer.
Gerade in der armen Bevölkerung hatte man sehr darauf geachtet, sämtliche Teile eines geschlachteten Tieres zu verwenden, auch das Blut. Ob Blutwurstprodukte allerdings von den Römern bei ihrer Eroberung Europas verbreitet wurden oder ob die Mauren es nach Frankreich brachten und von dort nach England oder einen ganz anderen Weg auf die britische Insel fanden, ist kaum noch endgültig zu klären. Fest steht … in England war Black Pudding regelmäßiges Frühstück des Königs Henry VIII, wenn er große Bankette am Hampton Court abhielt.“
Nicole zog die Stirn in Falten. „Du weißt aber schon, dass er zwei seiner sechs Ehepartnerinnen hinrichten ließ? Lag vielleicht am Black Pudding.“
„Ist ja schon gut.“ Andy hob abwehrend die Hände. „Bevor du mir den Kopf abschlägst … Kaffee ist fertig. Koffein bringt dich hoffentlich auf andere Gedanken.“
Nicole nippte kurz an dem schwarzen heißen Getränk und verschwand im Badezimmer.
Zehn Minuten später saßen die beiden gut gelaunt am Frühstückstisch, bei offener Terrassentür. Die Sonne wärmte mit bereits 20 Grad, wie das digitale Thermometer an der Außenwand anzeigte, und es sollte am Nachmittag noch wärmer werden.
„Wie wäre es mit einem Spaziergang? Ich dachte an Altstadt, Klostergarten und vielleicht ein Eis?“, versuchte Andy seine Partnerin zu locken.
„Zwei Dumme, ein Gedanke“, erwiderte Nicole lächelnd. „Hatte ich auch schon in Erwägung gezogen.“
„Nicht nur zwei Dumme“, widersprach Andy. „Helene rief an, ob wir nicht Lust auf einen Spaziergang hätten. Später würde Herbert gerne die Grillsaison eröffnen.“
„Hört sich gut an. Klar, machen wir. Wann?“
„Ich habe gesagt, das macht ihr Mädels unter euch aus.“
Nicole nahm sofort ihr iPhone zur Hand. Sie freute sich, mit ihrer mütterlichen Freundin und deren Lebensgefährten ein paar schöne Stunden verbringen zu können. Viel zu lange hatten sie sich schon nicht mehr gesehen.
Ein paar Sekunden später meldete sich Helene.
„13 Uhr 30 passt gut … Ja, auf jeden Fall, Steak ist prima … Ok, bis dann.“
„Welche Bedeutung haben die Kinderfiguren beidseits am Stein; dort, wo das Wasser herausfließt?“, fragte Andy.
Die vier saßen, mit je einem Eis in der Hand, auf der Bank gegenüber des „Roten Brünnchens“.
„Des hat mit den Seligenstädter Babys zu tun“, antwortete Herbert verschmitzt. „Wenn die Frau, die ein Kind habe will, des Wasser aus dem Brunne trinkt und danach Würfelzucker auf die Fensterbank legt, bringt der Storch bald ein Baby.“
„So einfach ist das?“ Nicole lachte.
Ein etwa fünfjähriges Mädchen blieb vor dem Brunnen stehen und beugte sich zu den Sandsteingebilden. Dann drehte sie sich um, blickte Herbert direkt ins Gesicht und schüttelte dabei ihre langen blonden Haare.
„Du bist schon so alt und weißt nicht, dass die Babys aus Mamis Bauch kommen?“
„Bist du dir da ganz sicher?“, fragte Herbert todernst. „Also, bei uns in Seligenstadt müssen die Mamis aus dem Brunnen trinke. Des ist nämlich ein ganz besonderes Wasser. Hat dem Kurfürst Schweikert auch schon geholfe. Der hat vor ganz langer Zeit gelebt.“
„Wollte der auch ein Baby?“, fragte das Mädchen; jetzt doch etwas verunsichert.
„Nee. Der hat nur Angst gehabt, dass ihn die Pest erwischt.“
„Melina!“ Eine unübersehbar schwangere Frau eilte heran. „Entschuldigen Sie bitte“, wandte sie sich an Herbert. „Meine Tochter ist immer so neugierig.“
Der winkte ab. „Is schon gut.“
„Was ist die Pest“, wollte Melina wissen und blieb, wie angewurzelt vor Herbert stehen.
„Des war eine ganz schlimme Krankheit. Die gibt’s aber heut net mehr.“
Das Mädchen schaute argwöhnisch zu ihrer Mutter, dann wieder zu Herbert. „Meine Mama hat ganz bestimmt nicht aus dem Brunnen getrunken; wir sind nicht von hier. Aber, meinst du, ich könnte trotzdem meinen Bruder, der noch da drin ist“, sie deutete auf den Bauch ihrer Mutter, „hier abgeben? Vielleicht möchte eine andere Mama den haben.“
„Melina!“, rief die Mutter erschrocken.
Herbert lächelte, schüttelte aber gleichzeitig energisch den Kopf. „Nein, des geht auf gar keinen Fall. Ihr kommt ja net von hier.“
„Mist“, hörten Herbert und die anderen noch, während die Mutter alle Mühe hatte, ihre Tochter hinter sich herzuziehen.
„Die Kleine hast du jetzt aber ganz schön an der Nase herumgeführt“, sagte Helene und schmunzelte.
„Net ganz. Des mit dem Kurfürsten stimmt …ist schriftlich hinterlegt“, entgegnete Herbert.
Der Anruf kam nicht direkt überraschend. Trotzdem hatte Dr. Jochen Rössner gehofft, wenigstens am Sonntag mal Ruhe zu haben. Er seufzte.
Seit Michael Lambrecht zurück in der „Geschlossenen“ war, stand er permanent unter speziellen starken Arzneimitteln; dennoch kam er nur stundenweise zur Ruhe.
Nun hatte er einen der Pfleger angegriffen und dessen herbeigeeilten Kollegen hatten ihre Mühe, den 35 Jahre alten, fast 1 Meter 90 großen und kräftigen Mann zu bändigen.
Auch wenn Dr. Rössner es weitgehend vermeiden wollte, in diesem Fall würde er wohl nicht umhinkönnen, den Patienten in einem Kriseninterventionsraum – volkstümlich Gummizelle genannt – zu verwahren.
Bevor er wegfuhr, schaute er noch kurz ins Schlafzimmer, wo Claudia, seine Frau, mit starken Kopfschmerzen im Bett lag. Leise schloss er die Tür hinter sich.
Wenig später kam Dr. Rössner in der Klinik an und guckte in besagten Kriseninterventionsraum. In einer Ecke der Weichzelle kauerte Michael Lambrecht und starrte mit leeren Augen vor sich hin.
„Wir mussten ihm die doppelte Dosis verabreichen“, informierte Peter Foster, ein langjähriger Mitarbeiter der Einrichtung. „Ich verstehe das nicht. Er war doch früher, bevor er von hier abgängig wurde, nicht so. Jetzt brabbelt er ständig so Zeugs wie … nicht meine Schuld und böse Menschen vor sich hin. Wissen Sie, was er damit meinen könnte? Seine Opfer vielleicht?“
Dr. Rössner schüttelte den Kopf. „Ich kann es mir auch nicht erklären. Auch nicht, weshalb die Medikamente nicht anschlagen. Wir machen nochmals einen TDM.“
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