Drehen wir den Spieß doch einfach mal um, wie es Friedrich Nitzsche in der Zeit nach Kant gemacht hat: Wäre Gott tot, wie er behauptete, gibt es letztlich keinen vernünftigen Grund, nicht hemmungslos seine Mitgeschöpfe zum Zwecke der eigenen Bereicherung auszuplündern und zu vernichten, wenn einem danach ist. Das „Recht des Stärkeren“, gegen das wir uns als menschliche Gemeinschaft tausende von Jahren lang zur Wehr gesetzt haben, wäre Moral genug.
Die Entwicklung der menschlichen Geschichte nach Kants Ableben überzeugt einen auch nicht gerade davon, dass er in seinen Überlegungen von dem Zusammenhang zwischen Moral und dem Gottesgedanken irrte: Stärke diktierte Moral … bzw. demonstrierte, dass Stärke gar keine Moral hatte.
Und seine politischen Prognosen (dargelegt in der kurzen Schrift „Zum ewigen Frieden“, in der er die wahrscheinliche Entwicklung der Staatenwelt prognostizierte, vorausgesetzt, wir sind wirklich vernünftige Wesen) traten bisher ein: Wir bewegen uns weg von nationalen Egoismen hin zu übernationalen Staatenbünden, die letztlich in einen Weltstaat münden werden. Einem Weltstaat, vor dem viele jetzt schon Angst haben, weil er nicht der Staat der moralischen Wesen sein wird, sondern der Staat der Superstarken, der Staat der Plutokratie, der Weltstaat der Superreichen, die sich selbst vergöttern.
Na ja – wie die Geschichte zeigt, ist das, was „vernünftig“ ist, nicht immer auch „gut“, weshalb wir vom „ewigen Frieden“ weit entfernt sind – im September 2014 sogar weiter weg als jemals zuvor seit 1945 (oder 1962, wo das erste Mal ein nuklearer Schlagabtausch drohte).
Es würde zu weit führen, den Zusammenhang von „Gott“ und „Moral“ hier gründlicher auszuführen ... geschweige denn, diskutieren zu wollen. Kant brauchte ein ganzes Werk dazu, einige hundert Seiten (empfohlene Lesegeschwindigkeit, gemessen am Komplexitätsgrad der Materie: eine Seite pro Tag! Sonst verliert man den Faden ... ähnlich wie bei mathematischen Gleichungen desselben Umfangs) wenn man sich so kurz wie möglich fassen will.
Leider.
Ganz kurz gesagt, braucht die Vernunft einen Gott, der Belohnungen für moralisches Verhalten im Jenseits verspricht – sonst funktioniert sie nicht im Sinne der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte.
Doch leider … ist auch das nicht die Lösung aller Probleme, denn allzu schnell setzen sich die Vermarkter Gottes (die Kirchen und ähnliche Gesellen) wieder auf den fahrenden Zug ... und es ist wieder Schluss mit der Moral. Wenn der Priester (oder sein Schwager, der Sektenführer) Macht wittert, wird er schnell und gnadenlos und greift ohne Rücksicht auf Verluste danach, dass hat man nur allzu oft erleben dürfen.
Leider. Und damit wird´s ein Teufelskreis.
Hoffentlich gibt´s doch einen echten, lebendigen Gott, möchte man meinen. Man wird jedenfalls einen brauchen, um das aufzulösen. Wir jedoch fragen nur nach ihm, wenn mal wieder was schiefgegangen ist.
„Im Schützengraben gibt es keine Atheisten“ - so lautet ein geflügeltes Wort. Vielleicht wäre es endlich mal gut, sich wieder darauf zu besinnen, warum wir dereinst einen Gott ersonnen haben (womit jetzt keine Aussage darüber getroffen werden soll, ob es ihn nun gibt oder nicht): damit wir überhaupt nicht mehr in Schützengräben landen.
Leider fällt er uns aktuell erst wieder ein, wenn die grauenvolle Wirklichkeit der Welt in unser Leben einbricht und uns unsere Kinder nimmt – auf die eine oder andere Weise. Dann soll er helfen, uns aus unserem eigenen, selbst geschaffenem Unheil ziehen, einem Unheil, dass in einer hochmoralischen Gesellschaft gar keinen Raum hätte, sich zu entfalten: Dort würde man Amokläufer und Kriegstreiber schon befrieden können, bevor sie aus Mangel an Liebe ihren Zorn, ihre Wut und ihre Enttäuschung in die Welt tragen.
Doch vor ihrer Tat hören wir so etwas nicht gerne … so wenig, wie wir empfänglich sind für vernünftige moralische Gebote oder eine Vernunft, die auch das Soziale mit einschließt und nicht nur Werkzeug unserer hemmungslosen Egozentrik ist – einer Egozentrik, die keinen Platz für einen Gott neben sich findet.
Und keinen Platz für Moral.
27.2.2014, 13.49 Uhr. Merkel erklärt: Deutschland zieht für die Ukraine in den Krieg gegen Russland
Im Jahre 2014 – einhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges – steht die Welt wieder einmal am Abgrund. Im September dieses Jahres ist noch völlig unklar, wohin die Reise geht: Ganz überraschend ist der „Kalte Krieg“ wieder zurück und kann jederzeit in einen heißen Krieg umschlagen. Ein Fluch, der ab diesem Jahr für die nächsten Jahre und Jahrzehnte einen dunklen Schatten über die Entwicklung der Menschheit legen wird: Es ist nicht abzusehen, wie groß der Schaden ist, der jetzt schon angerichtet wurde.
Wer aufmerksam die Nachrichten studierte, konnte sogar den Moment mitbekommen, wo Angela Merkel die Deutschen in den Krieg mit einflocht: als treue Vasallen eines Regimes, dass durch einen Putsch an die Macht gekommen war.
Erinnern wir uns: am 27.2.2014 war die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gerade in London. Ob es ein Standardbesuch war, reine Routine oder volle Absicht – wer kann das schon sagen. Das interessiert ja auch nicht weiter, noch wundert es: Es müssen ja Gespräche geführt werden.
Immerhin passierte etwas in Europa: Eine kleine Gruppe schwer bewaffneter Männer – unterstützt von der Konrad-Adenauer-Stiftung, den USA und ukrainischen „Oligarchen” hatte das Parlament in Kiew gestürmt, um den herrschenden gewählten Präsidenten durch einen anderen gewählten Präsidenten zu ersetzen.
Hätten sie so den Präsidenten der USA beseitigt – oder die deutsche Bundeskanzlerin: man hätte sich entsetzt über den Zerfall der guten Sitten. So etwas machen Demokraten nicht – und Demokratien ebenfalls nicht. In Demokratien führt man Wahlen durch – und wenn einem das Ergebnis nicht passt, muss man eben ein paar Jahre warten.
Oder man lässt sich ganz undemokratisch von „guten Freunden” unterstützen, ruft 100.000 Leute zusammen und stürzt mal eben die Regierung. In Deutschland ginge das nicht – hier zahlt keiner für Umsturz. In der Ukraine dürfen 100.000 Leute die politischen Entscheidungen von 44 Millionen Menschen „korrigieren”, die Regierungspartei verbieten (die Kommunisten gleich mit – man will ja nach Europa und schon mal das Land säubern) und für eine solch´ tolle Stimmung sorgen, dass Juden schon aufgefordert werden, dass Land zu verlassen 40:
Aus Furcht, im derzeitigen politischen Chaos der Ukraine zum Opfer zu werden, hat der ukrainische Rabbiner Moshe Reuven Azman die Juden von Kiew dazu aufgerufen, die Stadt und sogar das Land zu verlassen. Das berichtete die Tageszeitung „Maariv“ am vergangenen Freitag.
Erinnert an früher … – als die Deutschen kamen.
Auch die auf der Krim lebenden Russen fühlten sich von den ukrainischen Nationalisten bedroht. Moskau schaut äußerst besorgt. Hinsichtlich seiner geostrategischen Lage würde Russland an den Rand der militärischen Hilflosigkeit gedrängt. Es dürfte angesichts dieser Tatsachen niemanden verwundern, dass man nicht nur mit Protestnoten reagiert.
So meldete der Spiegel am Mittwoch, den 26.2.2014 um 13.14 Uhr, dass Russland seine Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt hat 41:
Der Ukraine-Konflikt spitzt sich zu. Laut Nachrichtenagenturen hat Kreml-Chef Putin Truppen in Westrußland in Alarmbereitschaft versetzt, die Gefechtsfähigkeit soll getestet werden. Offenbar reagiert Moskau auf die anti-russische Stimmung im Nachbarland.
Nur eine Übung. Ein Test.
Die antirussische Stimmung führte später zu einem Massenmord an russischstämmigen Ukrainern in Odessa: Offenbar hatte der Rabbiner Moshe Reuyen Azman Recht gehabt mit seiner Angst vor Progromen und die „Mordsstimmung“ richtig eingeschätzt … – nur traf es keine Juden in Kiew.
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