Bis zu dem Zeitpunkt, als Jesus am Kreuz starb, war er durch die ganze Bandbreite von Versuchungen gegangen, die menschenmöglich sind und hatte jede einzelne erfolgreich bestanden. Am Vorabend seiner Kreuzigung konnte er sagen: „Vater, ich habe das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, dass ich es tue“ (Johannes 17,4). Und mit der Vollendung seines Opfers am Kreuz wurde der Vorhang zerrissen. Der Weg in das Allerheiligste war endlich offen.
In 2. Korinther 4,10 heißt es, dass „wir allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe tragen, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde“. Was bedeutet das „Sterben Jesu“ hier? Wir können keinen Anteil an dem Tod haben, den Jesus am Kreuz von Golgatha starb, wo er für die Sünden der Welt starb. Dort starb er allein. Dort zerriss er den Vorhang und öffnete für uns einen neuen und lebendigen Weg. Wir müssen den Vorhang jetzt nicht ein zweites Mal zerreißen, denn er wurde bereits zerrissen. Der Weg in die Gegenwart Gottes ist dauerhaft geöffnet. Aber wir müssen den Weg des zerrissenen Vorhangs gehen – den Weg des Kreuzes. Wir sollen Anteil an seinem fortwährenden „Sterben“ haben – indem wir unserem Eigenwillen sterben.
Jesus ist unser Vorläufer, der uns auf diesem Weg der Selbstverleugnung voranging. Durch diesen neuen und lebendigen Weg, den er für uns aufgetan hat, können wir alle Tage unseres Lebens im Allerheiligsten wohnen. Das ist keine Erfahrung, die wir ein für alle Mal machen, wie das Eintreten durch eine Tür. Es ist ein Weg, auf dem wir Tag für Tag wandeln müssen – indem wir täglich unser Kreuz auf uns nehmen.
Du kannst einen Tag im Allerheiligsten leben und am nächsten Tag wieder ins Heilige oder in den Vorhof zurückgehen, wenn du nicht aufpasst. Du kannst dich sogar außerhalb von Gottes Stiftshütte wiederfinden, wenn du nach dem Fleisch lebst (Römer 8,13). Jemand braucht nur 24 Stunden, um rückfällig zu werden und sein Herz zu verhärten. Es braucht nur 24 Stunden, um gegen jemand bitter zu werden, dem wir einst vergeben hatten. Das ist der Grund, warum uns gesagt wird, dass wir einander TÄGLICH (innerhalb jeder 24-Stunden-Periode) ermahnen sollten, um zu vermeiden, dass wir rückfällig werden. Wenn wir keinen Bruder oder keine Schwester haben, um uns täglich zu ermahnen, müssen wir Gottes Wort und dem Heiligen Geist erlauben, uns TÄGLICH zu ermahnen (Hebräer 3,13).
Das volle Evangelium besteht also darin, dass „Gott das tut, was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war“ (Römer 8,3-4). Mit anderen Worten, was unter dem alten Bund nicht möglich war – nämlich den Sieg über die Sünde in unserem inneren Leben zu erlangen und an Gottes Natur teilzuhaben – ist jetzt möglich. Gott hat uns einen Weg aufgetan, um an seiner eigenen Natur der LIEBE teilhaftig zu werden.
Wenn jemand in das Allerheiligste eintritt, tritt er in die dritte Phase des christlichen Lebens ein – in die höchste Phase.
Im Allerheiligsten wohnt Gott allein. Jene, die dort wohnen, wohnen bei Gott und sind von Menschen befreit worden – befreit davon, die Ehre von Menschen oder sogar die Ehre von christlichen Leitern zu suchen. Sie wurden auch davon befreit, beleidigt zu sein, sich zu beklagen, zu murren, bitter und neidisch zu sein. Sie sind jetzt frei, andere zu lieben so wie Jesus sie liebt, ohne Rücksicht darauf, ob ihre Liebe erwidert wird oder nicht.
Sie trachten jetzt in allem, was sie tun, allein nach Gottes Ehre – indem sie sich stärker Gottes als der Menschen bewusst sind, wenn sie beispielsweise in den Versammlungen beten und sprechen. Sie fürchten Gott und daher ist ihr inneres (verborgenes) Leben so rein wie ihr äußeres Leben.
Menschen, die dort wohnen, haben gesehen, dass alles, was in den Augen der Menschen groß und hoch ist, in Gottes Augen ein Gräuel ist. Sie erachten nun alles als Müll gegenüber der Möglichkeit, der Natur Gottes in Christus teilhaftig zu werden.
Nachdem sie in ein Leben des Sieges über die Sünde eingetreten sind, werden sie durch die Kraft Gottes vor dem Straucheln bewahrt und werden in zunehmendem Maße der Herrlichkeit Gottes teilhaftig. Sie sind stets für alles dankbar und leben in allem, was sie tun, vor Gottes Angesicht.
Menschen, die im Allerheiligsten wohnen, empfangen durch Gottes Licht zunehmende Einsicht in das, was bloß seelisch (menschlich) und was wirklich geistlich (göttlich) ist.
Es gibt einen großen Unterschied dazwischen, Jesus nachzuahmen und an seiner Natur teilzuhaben. Wenn wir ihn nachahmen, ist das Leben ein ständiger Kampf. Aber wenn wir seiner Natur teilhaftig werden, kommen wir zur Ruhe.
Wir alle wissen, wie leicht es für die Kinder Adams ist, zu hassen, Lügen zu erzählen, nach Frauen zu gelüsten, die Ehre von Menschen zu suchen, Geld zu lieben, selbstsüchtig und stolz zu sein – weil das unsere Natur war. Wenn wir an der göttlichen Natur teilhaben, kann es für uns genauso leicht werden zu lieben, die Wahrheit zu sagen, geduldig, rein, großzügig, selbstlos und demütig zu sein und die Ehre Gottes zu suchen.
Es ist für eine Katze einfach, ihren Körper abzulecken und ihn allezeit sauber zu halten. Das ist für eine Katze keine Strapaze, weil das ihre Natur ist. Aber für ein Schwein würde das – das Nachahmen der Katze – eine ständige Strapaze sein. Das veranschaulicht den Unterschied zwischen der Teilhabe an einer Natur und dem Versuch, sie nachzuahmen.
Gott gibt uns sein eigenes Leben – „das Leben Jesu“ (2. Korinther 4,10). Daher können wir an Gottes Güte teilhaben, welche seine Herrlichkeit ist. Dann wird es für uns keine Strapaze sein, gegenüber denen, die zu uns böse sind, gut zu sein oder denen zu vergeben, die gegen uns sündigen. Wir können in diesem göttlichen Prozess bis zum Ende unseres Lebens fortfahren, genauso wie sich eine Katze bis zum Ende ihres Lebens durch Ablecken sauber hält.
Das Allerheiligste ist auch der Ort, wo Menschen miteinander zu einem funktionierenden Leib geformt werden (im Gegensatz zu einer bloßen Versammlung). Im Allerheiligsten gibt es keinen Individualismus. Keiner lebt für sich selbst. Jeder, der dort lebt, ist ein fortwährendes Opfer und daher ist Gott in der Lage, alle solchen Brüder und Schwestern an einem Ort zu einem funktionierenden Leib Christi mit geistlicher Autorität zu formen. Es sind die Menschen, die dort leben, von denen Jesus sprach, dass sie „eins werden“ und Autorität haben, um alles, was sie vom Vater erbitten, zu empfangen, und die die Macht Satans nach Belieben binden können (Matthäus 18,18-20).
In jeder Versammlung von Christen wohnt die überwältigende Mehrheit im Vorhof – sie haben auf ein Drittel des Evangeliums reagiert. Einige gehen weiter ins Heilige – sie wurden mit dem Heiligen Geist gesalbt. Diese beiden haben auf zwei Drittel des Evangeliums reagiert. Aber die geistliche Autorität und Wirksamkeit dieser Gemeinde (soweit es Gott betrifft) wird im Hinblick auf die Anzahl derer, die ins Allerheiligste eingetreten sind, gemessen (jene, die auf das volle Evangelium reagiert haben).
Satan fürchtet nur jene, die durch den Vorhang hindurch in das Allerheiligste gegangen sind. Das ist der Grund, warum er die Gläubigen für das volle Evangelium blind gemacht hat.
Nur wenn es in einer Gemeinde einen zentralen Kern von Menschen gibt, die fortwährend im Allerheiligsten leben, kann diese Gemeinde von den Mächten des geistlichen Todes rein gehalten und auf dem Weg des Lebens bewahrt werden.
Die Braut Christi wird mit ihrem Bräutigam ein Fleisch.
„ Und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies Geheimnis ist groß; ich deute es aber auf Christus und die Gemeinde“ (Epheser 5,31-32).
Gib dich also nicht mit weniger als Gottes Höchstem für dein Leben zufrieden. Tue jeder Sünde, die dir im Wege steht und auch all den Traditionen und Meinungen von Menschen Gewalt an, die dich daran hindern, dich nach dem Ort auszustrecken, den Jesus eingeführt und für dich aufgetan hat.
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