Henk legte einen Arm um Esther und schüttelte den Kopf: »Ein verrückter Haufen!«
Jetzt versuchte Esther es: »Seit vielen Jahren kaufe ich umliegendes Bauernland auf, sobald es angeboten wird. Jetzt, wo ich wieder eine richtige Familie habe, möchte ich meine Idee endlich umsetzen: ökologisches Obst und Gemüse anzubauen. Henk liebt es genauso wie ich, in der Erde herumzuwühlen. Wenn Sam möchte, kann er mitmachen. Es ist ein langgehegter Traum, große Mengen ohne Pestizideinsatz anzupflanzen, um diese zu verkaufen. Aber ich glaube, damit komme ich nicht gegen Magors Super-Spionage-Centrum an, oder etwa doch?«
Samuel schüttelte den Kopf. »Ertappt, Esther! Wenn ich schon endlich auf der Erde bin, dann will ich etwas erfinden, statt Möhren zu züchten. Bei Magor ist es für mich das reinste Paradies. Ich finde deine Idee trotzdem klasse, sie passt zu dir und Henk!«
Genüsslich leckte Ben seine Finger ab. »Gratuliere! Ihr zwei ergänzt euch prima!«
Leni zog eine Schnute. »Ich finde es doof, wenn Sam geht.«
»Kannst mich besuchen kommen«, schlug der vor.
»Das ist nicht das gleiche. Außerdem geht das viel zu selten, ich muss zur Schule, und die macht mir überhaupt keinen Spaß.«
»Leni, fang nicht wieder damit an!«, rügte Esther.
Samuel fixierte das Mädchen. »Was magst du denn nicht an der Schule?«
»Alles!«
»Alles? Wow, das ist echt viel!«
Esther mischte sich ein: »Sie findet außer Emma und Ben niemanden nett, das ewige Rumsitzen blöd. Außerdem öden Lernstoff und Hausaufgaben sie an.«
»Bleiben noch die Pausen«, warf Samuel ein.
Ben ergriff das Wort: »Da fühlt sie sich auch unwohl, weil sie nie in der Schule war. Sie hat weder gelernt, mit anderen Kindern zu spielen, noch, neue Freundschaften zu schließen. Ich kann das verstehen. Wir kennen es nicht anders, aber für Leni ist alles neu und beängstigend.«
Leni nickte. »So viele Menschen sind da, aber ich kenne nur Emma und Ben. Die anderen will ich gar nicht kennenlernen, weil sie dauernd dumme Fragen stellen, auf die ich keine Antworten hab. Was kann ich schon von meinem Leben erzählen? Außerdem muss ich viel zu viel lernen. Manches davon interessiert mich einfach nicht.«
»Das geht vielen so, Leni, nicht nur dir«, grinste Ben. »Da musst du einfach durch!«
In diesem Moment kam Nala in die Küche. Ihr langes schwarzes Haar glänzte noch nass und die Haut roch nach Vanille. Das dunkelhäutige Mädchen strahlte in die Runde. »Guten Morgen zusammen!«
Fasziniert beobachtete Ben ihre geschmeidigen Bewegungen, stellte erneut fest, wie hübsch sie aussah. Er zwinkerte ihr zu. »Wie eine Göttin kommst du herein. Du warst wie eine Göttin für mich und manchmal sahst du mich an und ich dachte: Mann oh Mann *.«
Kopfschüttelnd betrachtete Nala den Freund. »Au weia, was habt ihr dem in den Kakao getan?«
Als sie sich am Herd zu schaffen machte, um Ingwertee in einen Becher zu gießen, stand der Drachenreiter auf und trat hinter sie. Er legte die Arme um ihre Hüften und schmiegte sein Gesicht in das feuchte Haar. Mit dunkler Stimme flüsterte er ihr ins Ohr: » Glückliche Liebe wirkt wie ein Schönheitsmittel *. Es scheint: Ich bin dein Schönheitselixier.«
Kichernd ergriff Nala seine Hände. »Du Angeber!« Mit einer schnellen Bewegung drehte sie sich um und küsste den verblüfften Drachenreiter auf den Mund.
»Du bist aber wild!«
»Wusstest du das noch nicht? Ja, ich bin wild!« Sie hob eine Hand und verdrehte sie leicht. Ein Fenster schlug auf, sodass kalte Luft hereinwehte.
Ben wurde von einer kleinen Windböe erfasst, die ihn nach hinten drückte. »He, was machst du? Ich setz dich gleich mit meiner Magie in Flammen!« Er hob beide Hände und rief winzige, züngelnde Flammen aus seinen Fingerspitzen, die hin und her tanzten. »Soll ich?«
»Nein, großer Magier, bitte nicht!«
»Ihr zwei da, nehmt mir nicht mein Haus auseinander!«, schimpfte Esther.
Samuel verdrehte die Augen. Er fing Lenis unglücklichen Blick auf, die noch über die Schule nachdachte. Ihr war nicht nach Lachen zumute. Tröstend legte er den Arm um sie. »Guck doch nicht so traurig, was ist los mit dir? Es gibt immer für alles eine Lösung!«
»Für mein Problem nicht«, murrte Leni. »Ich muss nun mal zur Schule gehen!«
»Dann nehme ich dich mit nach Frankreich«, schlug Samuel vor.
»Ganz bestimmt nicht!« Esther schnaubte entrüstet. »Ich habe nicht all die Jahre ohne Leni gelebt, um sie zu finden und gleich wieder zu verlieren.«
»Siehst du, es gibt keine Lösung!« Lenis Augen füllten sich mit Tränen, sie sprang auf und lief aus der Küche.
Betroffen schauten Henk und Esther einander an.
»Ich gehe zu ihr«, seufzte Esther.
Sam schüttelte den Kopf. »Nein, ich mach das! Ich glaube, du kannst ihr jetzt nicht helfen. Sie macht dich für ihren Kummer verantwortlich, weil du sie zur Schule schickst. Leni braucht jetzt einen Freund.« Er folgte Leni, aber die Tür von ihrem Zimmer war abgeschlossen. Also klopfte er. »Komm, lass mich rein!«
Mit verweinten Augen öffnete Leni und warf sich in Sams Arme. »Ich bin so anders als alle anderen! Kann ich nicht doch mit dir kommen?«
Einfühlsam trocknete Samuel die Tränen mit einem Taschentuch. »Du hast gehört, was Esther dazu sagt.«
Erneute Tränen flossen. »Mein Leben ist verpfuscht! Alles ist sinnlos, am besten wäre ich damals mit meinem Vater gestorben!«
»Leni! Sag so was nicht. Ich war tot und bin dankbar, dass ich wieder lebe! Auch wenn …« Samuel verstummte.
»Was? Was meinst du?«
»Auch für mich ist es schwierig. Erinnerst du dich, wie wir uns in Frankreich im Spiegel angestarrt haben? Manchmal mache ich das noch. Aber mehr als mein Aussehen beschäftigt mich, wie ich bin.«
»Warum? Wie bist du denn?«
»Ich finde Essen lecker, das ich früher nicht mochte. Ich bin vernarrt in Honig und bewege mich anders. Oder da sind Gedanken in meinem Kopf, die nicht zu mir gehören.«
»Hast du das schon mal jemandem erzählt?«
»Nein!« Traurig schlug Samuel die Augen nieder. »Ich trau mich nicht.«
Jetzt war es Leni, die tröstete. Liebevoll streichelte sie Sams Wange. »Du armer Kerl. Was sind das denn für Gedanken?«
»Plötzlich blitzen Bilder durch meinen Kopf, die ich nicht kenne: Drachen, eine Höhle, ein schwarzhaariger Mann mit Ohrringen, Kämpfe. Mein Kampfstil verändert sich. Nicht schlechter, aber eben anders. Wenn ich darauf achte, ist er wie immer, wenn ich nicht darüber nachdenke, bewege ich das Schwert eher wie Ben.«
»Wie Ben?« Mit großen Augen starrte Leni ihn an. »Na klar, er und Richard waren Brüder. Meinst du also er ist noch in dir?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe gegoogelt und über Transplantationen einiges gelesen. Es gab da zum Beispiel einen Mann, der nie Alkohol trank. Nach einer Herztransplantation mochte er Bier. Eine Frau liebte Hardrock und nach einer Lebertransplantation hörte sie auf einmal klassische Musik. Vielleicht erinnern sich nur meine Zellen, aber ich bin trotzdem ich.«
»Das ist mir auch bekannt. Hab ich irgendwo gelesen, äh, wo eigentlich? Scheint wieder Magor-Wissen zu sein. Jedenfalls ist es mir egal, wer du bist. Ich hab dich lieb, ob du nun Samuel oder Richard bist!« Trotzig schob Leni die Unterlippe vor, ihr eigener Kummer trat in den Hintergrund. »Willst du nicht doch mit jemanden darüber reden? Magor kann dir bestimmt helfen. Oder John?«
»Vielleicht rede ich mit John, wenn er endlich zurückkommt.« Samuel stand auf, trat zum Spiegel, der an der Wand hing, und starrte sich zum wiederholten Male an. Wer war er? Wer sah ihm im Spiegel entgegen?
Mit einem Lächeln auf den Lippen stellte sich Leni neben ihn und deutete auf sein Spiegelbild. »Denk positiv! Hätte noch schlimmer kommen können. Du hast wenigstens ein hübsches Gesicht und einen muskulösen Körper. Stell dir mal vor, du würdest in den Spiegel schauen und dich nicht mögen!«
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