Zielgerichtet lenkte Ben seine Schritte in den Wald, behielt das schnelle Tempo weiter bei. Erst bei der alten Eiche, dem Tor von Zeit und Raum, hielt er an. Tief atmete er ein und aus, während kleine Schweißtropfen sich auf Stirn sowie Oberlippe bildeten, die er gedankenverloren wegwischte. Dann sah er sich vorsichtig um, lauschte intensiv in jede Richtung. Niemand schien in der Nähe zu sein. Somit kniete der Drachenreiter nieder, griff in die Tasche des Sweatshirts und zog einen inzwischen etwas zerknitterten Briefumschlag heraus. Leise murmelte Ben ein paar Worte.
Die Eiche verdrehte sich knirschend, sodass die Rinde eine kleine Spalte freigab.
In diesen Schlitz steckte er den Brief, flüsterte dabei ein weiteres Mal. In Gedanken ging der Junge mit der Nachricht auf Wanderschaft in die andere Welt, die er so liebte. Vor allem an seinen Drachen dachte er mit großer Wehmut.
Knarzend drehte der Baum den Stamm in die Ausgangsposition zurück, sodass das Loch sich verschloss. Weg war der Brief!
» Trara, die Post ist da! *«, schmunzelte Ben und stand auf. Von Zeit zu Zeit hatte er in den letzten Wochen seinen Freunden in Fanrea Briefe geschrieben, die entweder von der Teichmeise Kiki oder Teck in Empfang genommen und verteilt wurden. Die zwei übernahmen den Postdienst. Manchmal erhielt der Krieger des Lichts auch einen Brief zurück, meistens von Glenn geschrieben, doch heute leider nicht.
Der Schnee knirschte, als der Junge sich umdrehte. Er klopfte Eiskristalle von den Knien und trabte leichtfüßig davon in Richtung Tante Esther. An ihrem Haus angekommen, benutzte er den Türklopfer in Form eines Drachenkopfes. Fips’ aufgeregtes Kläffen drang durch die winterliche Stille, kurz darauf öffnete Esther die Tür. Der Mischlingsrüde sprang an Ben hoch, freute sich, ihn zu sehen.
»Eh Alter, wo kommst du denn her?« Jidell, die Ratte, schoss um die Ecke und hechtete auf den Arm.
»Du bist ein Verrückter! Du musst mich mit Respekt behandeln, ich bin ein Krieger des Lichts!«
»Yolo, Krieger! Ein Pubertier bist du! Alles klar?«
»Sag mal, woher habt ihr eigentlich eure Ausdrücke?«
Quidell fiel von der Eingangslampe auf die Schulter des Neuankömmlings. »Wir sind Rumtreiber! Wir lieben Hinterhöfe, Kneipen, Muckibuden, aber vor allem Schulhöfe. Du glaubst nicht, was die Kids sich alles für Sprüche um die Ohren hauen! Außerdem finden wir dort in den Mülleimern was Leckeres zu essen.«
Jidell krabbelte an den blonden strubbeligen Haaren hoch. »Genau. Die Kids werfen oft ihre Schulbrote weg, weil die Mütter sie mit gesunden Sachen belegen, und wir fressen einfach alles. Sogar die mit Salat!«
Tante Esther schüttelte den Kopf. »Als würdet ihr bei mir verhungern! Ihr müsst doch keinen Müll essen!« Sie nahm den Drachenreiter in die Arme, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. »Schön, dich zu sehen, mein Junge! Hier sind alle schon wach und sitzen in der Küche. Trink einen Kakao oder Tee mit uns!«
»Gibt’s auch was zu essen? Ich habe riesigen Hunger vom Joggen.«
»Das hast du immer! Bist du jemals mit knurrendem Magen von hier nach Hause gegangen?«
Ben grinste. »Nee, noch nie!« Er folgte ihr in die Küche und freute sich, seine Freunde dort zu sehen: Henk, Leni, Samuel.
In gemütlicher Runde saßen die drei am Küchentisch, aßen selbstgebackenen Apfelkuchen zum Frühstück und tranken dazu dampfenden Kakao mit dick Schlagsahne obendrauf. Esther brach gern Regeln, sie pfiff darauf, was andere Leute zum Frühstück aßen.
Für einen kurzen Moment schmerzte der Anblick Sams. Die Erinnerung an den Kampf bei Angar und der damit verbundene Verlust des Bruders tat Ben noch manchmal weh. Doch einige Dinge ließen sich nicht ändern, die mussten hingenommen werden. Sein Blick suchte Nala. »Wo ist meine Prinzessin?«
Samuel zeigte nach oben. »Deine Herzensdame duscht.«
Die beiden Fanreaner Sam und Nala wohnten erst seit ein paar Tagen bei Esther, die Sehnsucht hatte sie zu ihren Freunden getrieben. Da Magor gerade im Alleingang unterwegs war, konnte er sie für eine Woche entbehren.
Leni fiel dem Neuankömmling um den Hals, Samuel knuffte ihn in die Seite und Henk stand gut gelaunt auf, um einen Kakao zu besorgen. Naserümpfend schaute Ben in die beiden Töpfe, die auf dem Ofen standen, und schnupperte. »Was ist denn das schon wieder für eine Matsche?«
Esther hob den Finger: »Matsche? Ich leg dich übers Knie! Das eine ist Ingwer * mit Zitronensaft und Wasser, ein wunderbares Wintergetränk. Ingwer hilft bei allen Symptomen einer Erkältung, stärkt zudem die Abwehrkräfte. Das andere ist Hirsebrei, sehr gesund, enthält viele Mineralstoffe, ebenso Spurenelemente. Die sind gut für Haare, Haut und Fingernägel …«
»Bitte, Mama, hör auf! Du verdirbst Ben noch ganz den Appetit!«
Ben grinste: »Genau, Leni hat recht! Ich trink lieber den Kakao von Henk und esse einen Kuchen mit fett Sahne.«
Die Rattenbrüder stürmten prügelnd in die Küche. Jidell grölte: »Wir wollen auch Kuchen mit Sahne!«
»Eh Alter, denk dran: Der Fresssack ist da! Jetzt müssen wir uns beeilen, sonst lässt der uns nix mehr übrig!«
Die Ratten sprangen auf Lenis Schoß, kräuselten dort abwartend die Nasen. Der Ofen verbreitete gemütliche Wärme. Seit Henk bei Esther wohnte, war es sogar möglich, einen Platz auf der Bank zu finden, ohne erst Bücher oder Kräuter beiseite räumen zu müssen.
Ben setzte sich mit seinem Kakao zwischen Leni und Sam, um sein Stück Kuchen dort zu essen.
Die beiden Nager stürzten gierig zu ihren Portionen und schmatzten vor Glück. Zwischendurch rülpste Jidell ebenso laut wie zufrieden.
Versonnen nuschelte Quidell: »Lecker!« Dann patschte er mit einer Pfote in den großen Sahnetopf, dass es spritzte, und schleckte anschließend die Pfote ab.
»Quidell, benimm dich!«, schimpfte Esther. Mit einem Tuch wischte sie Sahnekleckse vom Tisch.
Kauend fragte Ben: »Was steht an? Gibt’s was Neues?«
Den Ratten einen strengen Blick zuwerfend, nickte Esther. »Ich hab Post aus Frankreich bekommen – von Agatha. Sie erzählt vom Erntedankfest, die Weinernte ist super gelaufen. Sidney weilte auch dort. Er hat Magor ein riesiges, selbst gemaltes Bild geschenkt. Es gab die üblichen Diskussionen über den besten Wein, aber es war eine Mordsgaudi. Alle, die im Dorf oder auf dem Schloss wohnen, saßen zusammen am langen Tisch. Das Essen gestaltete sich natürlich wieder üppig und Magor strahlte vor blendender Laune«, berichtete Esther.
»Da wäre ich gern dabei gewesen, schmeckte bestimmt lecker«, murmelte Ben, während er ein zweites Stück Kuchen auf seinen Teller lud.
Gelangweilt schubsten sich die verfressenen Nager, lauerten auf mehr Kuchen. Leni gab ihnen einen leichten Klaps auf den Po. »Es reicht, mehr gibt es nicht! Oder wollt ihr fette, unbewegliche Monster werden?«
»Egal, Baby! Bei der Vollverpflegung hier müssen wir nicht mehr auf die Jagd. Wir dürfen träge sein«, stellte Quidell fest. Er warf Esther einen kecken Blick zu, bevor er mit Jidell von der Bank sprang. Sie kugelten pöbelnd übereinander.
Unbeirrt fuhr Esther fort: »Sids Bild muss wunderschön sein. Es stellt eine Tänzerin dar, die er in der Ballettschule kennengelernt hat. Kira ist ihr Name.«
»Hab ich irgendwas verpasst?«, fragte Ben. »Deinem Tonfall entnehme ich, dass mehr hinter dem Namen steckt.«
Esther schmunzelte: »Agatha glaubt, dass Sid rettungslos in Kira verliebt ist.«
»Sie denn auch in ihn?«
»Das wissen wir nicht so genau. Er selbst wohl auch nicht.«
»Wir müssen euch noch eine Neuigkeit mitteilen«, verkündete Henk.
»Esther ist schwanger!«, prustete Ben los.
Samuel lachte mit und feixte: »Nein, Henk ist schwanger!«
»Ihr seid albern«, rügte Esther schmunzelnd.
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