A.E. Eiserlo - Fanrea

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Emma und Ben sind beste Freunde. Als Ben vom drohenden Verlust seines Augenlichtes erfährt, erhalten die beiden unerwartet Hilfe von der Elfe Amapola. Getrieben von der Hoffnung auf Heilung reisen sie mit ihr durch ein Weltentor nach Fanrea, um ihre Bestimmung in der uralten Prophezeiung als Krieger des Lichts zu erfüllen.
Sie tauchen ein in eine Welt voller Abenteuer, mystischer Gestalten und Magie, aber auch Gefahr und Tod. Die zwei schließen Freundschaft mit Elfen, Drachen und Minotauren, die ihr Leben für sie riskieren.
Auf ihrer Reise kämpfen Emma und Ben mutig für sich und andere, sie erleben Angst, Entbehrung und Schmerz. Fanrea öffnet den beiden Einblicke in die Tiefen ihrer Seelen und zwingt sie, sich ihren eigenen dunklen Seiten zu stellen.
Gelingt es ihnen, die Prophezeiung zu erfüllen und die Finsternis zu besiegen?
Ein Buch für junge Leser und junggebliebene Erwachsene!

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»Hörst du mir überhaupt zu?«, riss Emma ihn aus den Gedanken.

»Äh, ja! John Dee hat die Toten erweckt, sogar Säbelzahntiger.«

»Da hast du aber gerade noch mal die Kurve gekriegt.« Sie knuffte Ben erneut in die Seite.

Plötzlich rempelte jemand Emma von hinten an. »Geh aus dem Weg, du dumme Kuh!«

Es war Paul, ein unangenehmer Raufbold. Er war groß für sein Alter, der Körper jedoch untrainiert und schwammig. Die kleinen Augen im rundlichen, blassen Gesicht blickten ständig Streit suchend umher.

Ben murmelte leise: »Ein Choku-Zuki und er liegt am Boden! Soll ich?«

»Nein, lass es! Das ist genau das, was er will. Der sucht mal wieder Streit. Mir reichen die Wölfe von heute Nacht!«

Ben hörte auf Emma und zügelte sein Temperament. Das fiel ihm jedoch sehr schwer, denn wenn ihm etwas nicht passte oder ihn jemand ärgerte, neigte er zu cholerischen Wutanfällen. Vergeblich versuchte er, nicht so hitzköpfig zu reagieren. Doch im Bauch loderte dann ein wildes Feuer, das ihn zu verzehren drohte. In der letzten Zeit wurde diese Hitze immer stärker, und er fragte sich, wie diese Wut zu bändigen sei. Erleichtert stellte Ben fest, dass er heute einen entspannten Tag hatte und die Zorneswelle ausblieb.

Streitlustig stierte Paul die beiden an, doch als die gewünschte Reaktion nicht folgte, zog er enttäuscht ab, zischte aber noch gehässig: »Feigling!«

Vorsichtshalber hielt Emma ihren Freund am Arm fest. »Der blöde Rüpel ist es nicht wert, sich aufzuregen! Er meint, er ist etwas besseres, weil sein Vater mit der Schreinerei gut Geld verdient. Paul denkt, er kann sich alles erlauben!«

»Tja! So wie sein Vater die Arbeiter in der Schreinerei tyrannisiert, springt Paul mit uns um. Oder den Klassenkameraden! Deshalb hat er auch keine Freunde! Nicht einen einzigen!«

Emma zuckte mit den Schultern. »Eigentlich kann er einem leidtun.«

Schnell liefen Ben und Emma in die Klasse. Mit dem Läuten der Schulglocke nahmen sie ihre Plätze ein. Die Stunden plätscherten gemächlich dahin, bis endlich der erlösende Gong ertönte, der das Ende des Schultages verkündete.

Als Emma sich mit Ben für den Nachmittag verabreden wollte, lehnte dieser ab: »Ich hab dir doch erzählt, dass meine Augen schlecht geworden sind. Gleich fahre ich in die Klinik zur Kontrolle. Ich hoffe, dass ich nicht demnächst so ’ne dicke Brille tragen muss, mit der mich alle auslachen.«

Emma kicherte: »Wäre doch süß!«

»Na, prima!«

»Dann siehst du endlich mal etwas intelligenter aus!«

Gegenseitig neckend machten die Freunde sich gemeinsam auf den Heimweg.

*

Als Emma die Küche betrat, blubberte eine Gemüsesuppe auf dem Herd. Es duftete verlockend nach Kartoffeln, Möhren, Sellerie und Lauch. Erst jetzt bemerkte Emma, wie hungrig sie war. Gemüsesuppe! Eines ihrer Lieblingsgerichte!

Da vernahm Emma das gleichmäßige Brummen eines Motors und sah aus dem Fenster. Ihre Mutter Marlene mähte den Rasen, während die drei kleineren Geschwister halfen, indem sie Stöckchen und Spielzeug aus dem Weg räumten.

Emma seufzte, als sie sah, wie ihre Mutter sich abmühte. Schwer wog die Last der vergangenen Monate auf der Familie, und Emma fühlte sich elend und allein gelassen. Der Vater war einfach gegangen, ohne große Erklärungen. Sie wusste nicht viel über das Warum oder Wieso der Trennung ihrer Eltern. Die Mutter hatte nur erzählt, dass es eine neue Frau in seinem Leben gab und dass er, ohne lange zu zögern, mit ihr nach Südamerika ausgewandert war. Wo er lebte oder wer diese neue Frau an seiner Seite war, wollte Emma gar nicht wissen. Sie sah ihn nicht mehr und hatte nicht vor, noch einmal mit ihm zu reden. In ihren Augen war er ein Verräter, der nur noch Verachtung verdiente.

Der Auszug des Vaters veränderte das ganze Familienleben. Marlene hatte noch mehr Arbeit als vorher, denn sie musste ihren Mann ersetzen, doch das war schwer. In jedem Bereich! Immerhin überwies er regelmäßig etwas Geld, auch wenn es trotzdem vorne und hinten nicht reichte. Deshalb bügelte oder nähte Marlene nachts, wenn die Kinder schliefen, für die Leute aus dem Dorf. Wegen der vier Kinder war es ihr nicht mehr möglich, den Beruf als Fotografin auszuüben.

Einmal, als Emma nachts nicht schlafen konnte, hatte sie sich leise nach unten in die Küche geschlichen, um ein Glas Wasser zu trinken. Ihre Mutter saß am Küchentisch, den Kopf auf die Hände gestützt und vergoss lautlose Tränen. Dieses traurige Bild brannte sich in Emmas Kopf ein, vergiftete seither die Gedanken. Damals verdrückte sie sich, weil sie unsicher war, ob ihre Mutter so verzweifelt gesehen werden wollte.

Emma seufzte. Sie hatte Wut auf ihren Vater. Unbeschreibliche, grenzenlose Wut, die sich im Bauch wie ein Eisblock festsetzte und langsam darin ausbreitete. Manchmal meinte sie an ihrem Zorn zu ersticken. Dann half nur noch eines: Wasser!

Während Emma die Suppe umrührte, erinnerte sie sich: Die Dämmerung hatte den stillen See hinterm Haus in einen mystischen Ort verwandelt. Wie ein Spiegel lag die Wasseroberfläche vor ihr und lud ein, in eine andere Wirklichkeit zu tauchen. Mit einem kühnen Kopfsprung durchbrach sie diesen Spiegel. Kaum berührte das kühle Nass ihre Haut, verloren sich Hass sowie Trauer. Stattdessen durchfluteten Energiewellen den Körper, sodass die lästigen Gedanken davontrieben wie Seetang in einem Sturm. Emma durchpflügte das kalte Wasser, als wären Furien hinter ihr her, bis die Lungen zu zerspringen drohten. Danach ging es ihr besser, der Eisklumpen war geschmolzen. Mit dem Element Wasser fühlte sie sich eins. Am liebsten wäre Emma für immer in dem See geblieben.

Wenig später, nach dem Weggang des Vaters, starb der Großvater. Der Krebs hatte ihn langsam aufgefressen, am Ende seiner Lebensfreude und Würde beraubt. Dieser zweifache Verlust und der damit verbundene Schmerz bohrten tief in Emmas Seele. Immer. Jeden Tag. Tag und Nacht.

Aber nun befand Emma sich im Hier und Jetzt. Zuhause. Allein mit den trüben Gedanken, die genüsslich an ihren Eingeweiden fraßen.

Gerade als sie etwas Suppe auf den Teller schöpfte, kam die jüngere Schwester Lara in die Küche.

»Guck mal, was ich gefunden habe!«, rief Lara und zeigte ihr zwei riesige Nacktschnecken, die auf den Händen eine schleimige Spur zogen.

»Iiihhh!«, kreischte Emma. »Musst du immer diese ekeligen Viecher mit ins Haus bringen?«

»Stell dich doch nicht so an!« Lara verdrehte die Augen.

»Jeden Tag ärgerst du mich mit irgendwelchen fiesen Spinnen oder sonst einem Tier! Benimm dich doch mal wie eine Achtjährige!« Emma streckte ihrer Schwester die Zunge heraus.

Lara plärrte direkt: »Mama, Emma ist wieder gemein zu mir!«

»Dumme Petze!«, zischte Emma.

»Selber!«

»Du bist einfach eine blöde Kuh!«

Die Mutter erschien in der Küche und seufzte erschöpft: »Nicht schon wieder streiten, ihr zwei! Hallo, Emma. Bring die Schnecken raus, Lara! Du weißt doch, dass Emma sich davor ekelt.«

Der zehnjährige Max stürmte schreiend in die Küche: »Ich habe Hunger, Hunger, Hunger!« Dazu führte er einen wilden Indianertanz auf.

Stöhnend verdrehte Emma die Augen, sie fand Max zurzeit einfach nur laut und nervig. Sie zankten ständig miteinander.

Jakob, der Kleinste, kam ebenfalls in die Küche. Dort, wo er stand, bildete sich eine Pfütze aus Wasser, während jede Menge Sand von seiner Kleidung sowie den Händen herabrieselte.

»Jakob! Raus mit dir! Sofort draußen alles ausziehen!«, befahl die Mutter umgehend.

»Manno, ist doch nur Sand!«, maulte Jakob.

Emma schüttelte den Kopf über die Geschwister und wünschte sich zum hundertsten Mal, ein Einzelkind zu sein. Na ja, nicht ganz, Jakob würde sie vielleicht behalten!

Das gemeinsame Essen verlief chaotisch, weil Jakob seinen Orangensaft umwarf, zusätzlich mit Suppe kleckerte, während der Rest der Kinder herumzankte. Emma und Lara gerieten besonders heftig aneinander, sie stürzten sich in den üblichen Zickenkrieg. Schließlich floh Emma aus der Küche, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Nach einer Weile ging die Tür auf und Lara trat ein.

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