Ich presste das Ohr gegen die Tür und horchte angestrengt. Keine Reaktion. Wütend begann ich mit den Fäusten gegen das Holz zu trommeln.
»Hiiiiilfe...., Hiiilfe.... Helfen Sie mir, ich bin eingesperrt. Ist da denn niemand? Hiiiilfe ...«
Ich lehnte die Stirn gegen die Tür und atmete tief durch. Langsam und kraftlos schlug ich mit der rechten Faust noch zweimal gegen das Holz. Verzweifelt musste ich die Sinnlosigkeit dieser Aktion einsehen und drehte mich resigniert um.
Gerade als ich zu meinem Bett zurückgehen wollte, vernahm ich von draußen ein Geräusch. Eine weiter entfernte Tür wurde zugeschlagen, dann hörte ich Schritte. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte, oder ob es einen Grund gab, beunruhigt zu sein. Der schmale Lichtkegel zu meinen Füßen wurde erneut von einem sich bewegenden Schatten verdrängt. Die Schritte wurden lauter und ich wich verängstigt zurück. Es gab in diesem Raum keinerlei Möglichkeit, sich zu verstecken und so lief ich mit schnellen Schritten zur gegenüberliegenden Wand und presste meinen Rücken gegen den Verputz. Der Schatten hatte sich vor der Tür wieder zu der Breite von zwei Füßen reduziert, als ich hörte, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde. Es gab ein klickendes Geräusch, dann wurde die Klinke heruntergedrückt.
Mir stockte der Atem, als die Tür sich öffnete und dem Licht Einlass gewährte. Im Türrahmen zeichnete sich derselbe Schatten ab, den ich bereits beim ersten Mal gesehen hatte. Sämtliche Hoffnungen auf Befreiung zersplitterten wie eine achtlos weggeschmissene Glaskugel auf einem Betonboden. Kein Held, der auf einem weißen Pferd in mein Verlies eindrang, um mich in sein Schloss zu bringen; kein junger Prinz, der im Kampf gegen das Böse zufällig des Weges kam, die Übeltäter vernichtete und mich auf Händen in die Freiheit trug. Das Zittern in meinem Körper wurde unerträglich.
Der fremde Mann machte einen Schritt in den Raum hinein und blieb stehen. Sein Blick fiel auf den zerbrochenen Teller und die am Boden liegenden Sandwiches. Dann sah er zu mir herüber. Obwohl ich sein Gesicht nicht erkennen konnte, spürte ich, wie seine Augen mich fixierten. Automatisch senkte ich den Blick zu Boden.
Der Mann machte einen Schritt zur Seite und ging in die Hocke. Er streckte die linke Hand aus und griff nach den Scherben des Tellers. Ohne auch nur einen Moment zu überlegen, stieß ich mich von der Wand ab und rannte auf die Tür zu. Ich war noch gut einen Meter vom rettenden Ausgang entfernt, als der Mann sich schwerfällig erhob und umdrehte. In dem Augenblick, in dem ich an ihm vorbeirannte, spürte ich, wie die Hand des Fremden sich brutal um mein Handgelenk legte. Er zog mich kurz zu sich, so dass ich mit dem vollen Schwung meines Laufes gegen den Türrahmen stieß und benommen in die Knie ging. Noch immer umklammerte er mein Handgelenk. Ich presste meine freie Hand gegen die Stirn, wo sich ein stechender Schmerz ausbreitete. Ruckartig riss der Mann mich hoch und stieß mich auf das Bett. Ich schrie vor Schmerz und Angst auf und begann leise zu wimmern.
»Bitte, tun Sie mir nichts ..., bitte nicht ...« Meine Stimme klang unwirklich und verzerrt.
Ich hatte das Gesicht in den Händen vergraben und schluchzte heftig. Das Zittern meines Körpers ließ das alte Bettgestell vibrieren. Panisch kniff ich die Augen fest zusammen; zu groß war die Angst, den fremden Mann direkt neben mir stehen zu sehen. Ich spürte die Hilflosigkeit in mir aufsteigen und hatte das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Ich erwartete erneut, jeden Moment seine Hand auf meinem Körper zu spüren. Als die Tür mit einem lauten Knall in ihr Schloss fiel, fuhr ich erschrocken zusammen.
Mit verheulten Augen blickte ich auf und durchsuchte den Raum mit hektischen Blicken. Ich war allein. Der Schlüssel drehte sich im Türschloss, dann entfernte sich der Schatten wieder.
Ich saß aufrecht in meinem Bett und wischte mir die Tränen ab. Alle meine Gliedmaßen bebten noch immer vor Angst und ließen sich in diesem Moment auch nicht davon überzeugen, dass die Gefahr vorerst gebannt war. Zum zweiten Mal war der fremde Mann mittlerweile bei mir in meinem dunklen Verlies aufgetaucht. Er hatte mir wieder nichts angetan, aber bedeutete dies wirklich, dass ich in keiner akuten Gefahr war? Oder war es einfach nur eine Frage der Zeit, bis meine letzte Stunde gekommen war? Er hatte wieder nicht mit mir gesprochen. Was zur Hölle wollte er überhaupt von mir?
Ich spürte, wie mein Kreislauf zusammenzubrechen drohte und legte mich hin. Nein, um Hilfe zu rufen, war wahrscheinlich keine erfolgversprechende Strategie, um aus diesem Gefängnis zu entkommen. Nur ganz allmählich schien mein Blutdruck wieder in normale Bereiche abzusinken und das Zittern ließ nach.
Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, aber dennoch war ich mir völlig sicher, dass viele Stunden vergangen sein mussten, seitdem der Mann zum zweiten Mal bei mir gewesen war. Es fiel mir wahnsinnig schwer, auch nur vereinzelte, klare Gedanken zu fassen. Meine Gehirnzellen schienen viel zu verwirrt zu sein, um ihrer Arbeit nachzugehen. Völlig orientierungslos liefen die kleinen grauen Zellen gegen die Wände des Stammhirns und prallten hilflos zurück. Ein unkoordinierter Haufen von winzigen Rädchen, die es nicht schafften, das große Rad des rationellen Bewusstseins in Bewegung zu versetzen. Ich starrte hilflos die Decke an. Es lag zur Zeit nicht in meiner Macht, mich aus dieser Situation zu befreien. Weder konnte ich aus eigener Kraft von hier entkommen, noch konnte ich scheinbar Hilfe herbeirufen. Den nächsten Schritt musste unweigerlich der unheimliche Mann machen.
Ich spürte, wie mein Magen rumorte und setzte mich aufrecht hin. Freitagmittag hatte ich in der Kantine der Studios zum letzten Mal etwas gegessen und ich wusste beim besten Willen nicht, wie lange dies mittlerweile her war. Den Geräuschen, die mein Magen von sich gab, nach zu urteilen schienen seitdem schon einige Tage vergangen zu sein; auch wenn ich mir das nicht wirklich vorstellen konnte.
Mein Blick fiel auf die am Boden liegenden Sandwiches. Nach meinem schmerzhaft misslungenen Fluchtversuch hatte der Mann seine Aufräumaktion wohl für beendet erklärt. Ich stand auf und ging um das Bett herum. Langsam bückte ich mich und hob ein Käsesandwich auf. Ich setzte mich auf das Bett, strich mit den Fingern der linken Hand über das Brot, um eventuell anhaftenden Dreck abzuwischen, und biss leicht zögerlich hinein. Angewidert verzog ich den Mund, als meine Geschmacksnerven auf die trocken schmeckende Nahrung stießen. Doch das Hungergefühl war in diesem Moment viel stärker als die Abneigung aufgrund des unappetitlichen Anblicks. Ich hatte den letzten Bissen bereits in den Mund gesteckt, als mir mein Magen mit einem erbärmlich klingenden Knurren klar machte, dass mein Hunger noch längst nicht gestillt war.
Mit einer wenig eleganten Bewegung rutschte ich zur Fußseite des Bettes und streckte die Hand aus, um ein weiteres Sandwich vom Boden aufzuheben. Ich hatte die Brotscheibe mit den Fingern fast erreicht, als ich die fette Ratte sah, die gierig am Käse herumknabberte. Erschrocken zog ich die Hand zurück und schrie hysterisch auf. Die Ratte – nicht minder erschrocken – rannte wie von der Tarantel gestochen in die hintere Ecke des Raumes und verschwand in einem Loch direkt neben der alten Kommode. Ich hatte die Arme vor der Brust gekreuzt und starrte zu dem Loch in der Wand hinüber. Ohne zu überlegen sprang ich auf und rannte zu der Kommode hinüber. Mit einem kurzen Stoß beförderte ich das hässliche Möbelstück auf die Seite und schob es gegen das Loch, so dass die Oberseite der Kommode den Ausgang versperrte.
Dann rannte ich mit schnellen Schritten zum Bett zurück und setzte mich wieder. Meine Augen lagen noch immer auf der Stelle, an der die Ratte verschwunden war. Erneut schlang ich die Arme um meine zitternden, angezogenen Beine und legte das Kinn auf die Knie. Das Hungergefühl war verschwunden.
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