Ich heulte und jammerte, setzte meinen treuesten Dackelblick auf, diskutierte, zickte, flehte, bettelte. Ich wollte dahin – unbedingt. Nach schier endlosen Diskussionen hatten Mum und Dad schließlich nachgegeben und mir erlaubt, am Vorsprechen teilzunehmen. Denn in einer Sache waren sich beide wohl einig: Bei dieser Veranstaltung würden hunderte von hübschen Mädchen erscheinen und mindestens achtzig Prozent von denen würden sicherlich Erfahrungen als Schauspielerinnen oder Models vorweisen können. Sie wollten mir damals nicht meine Illusionen zerstören, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Studios sich ausgerechnet für ihre völlig unerfahrene Tochter entscheiden würden, sahen die beiden doch als verschwindend gering an. Umso überraschter waren sie auch, als ich knapp zwei Monate nach dem Casting eine weitere Einladung nach Hollywood erhielt. Ein aus zwei Produzenten und einem Regisseur bestehendes Team war sehr angetan von der – wie sie schrieben – ‘ natürlichen, unverbrauchten Art des Mädchens aus San Diego ’ und boten mir eine Rolle in der neu konzipierten Serie ‘Westside Blvd.’ an.
Nun war der Ärger in unserem Haus erst richtig losgegangen. Ich war fest entschlossen gewesen, die große Chance in der Traumfabrik wahrzunehmen und hatte daraufhin spontan die Schule abgebrochen. Eine Rolle in Hollywood …; welches Mädchen würde von so einer Chance nicht träumen? Dad hatte jedoch sein Einverständnis verweigert und so war es zu endlosen Streitigkeiten gekommen, bei denen keiner von uns bereit war, auch nur einen Schritt auf den anderen zuzugehen. Ich wollte mir diese einmalige Gelegenheit aber auf keinem Fall kaputt machen lassen. Dad hatte seine Bedenken erst dann widerwillig abgelegt, als die Hollywood Sunrise Studios ihm zusicherten, mir mittels Privatlehrer die Möglichkeit eines Schulabschlusses zu gewährleisten. Als damals sechzehnjähriges Mädchen erhielt ich einen Ein-Jahres-Vertrag und bezog zusammen mit zwei anderen Mädels, die ebenfalls von der großen Filmkarriere träumten, eine Wohnung in der Nähe des Studiogeländes. Einfach nur cool.
Die Figur der Dana Burton, die ich in der Serie spiele, war ursprünglich als eine auf ein Jahr begrenzte Nebenrolle angelegt, doch nach ein paar Monaten war die Resonanz der Zuschauer auf mich und meinen Filmvater Richard Kent dermaßen positiv, dass unsere Szenen kontinuierlich ausgebaut wurden. Der helle Wahnsinn.
Richard Kent ist ein sehr erfahrener Bühnen- und Filmschauspieler – wobei ich gestehen muss, dass ich ihn bis dato überhaupt nicht kannte. Ich hatte seinen Namen noch nie gehört. Na ja, ich gehörte damals wahrscheinlich aber auch nicht zu seiner Zielgruppe. Richard ist der Hammer. Er ist so wahnsinnig gut. Wobei er in unserer Serie auch eine total coole Rolle bekam: Er spielt den völlig rücksichtslosen und korrupten Rechtsanwalt Frank Burton – meinen Vater, ein Riesenarschloch. Wenn ich heute einen gewissen Status in unserem Studio besaß, dann hatte ich das zu einem ganz, ganz großen Teil Richard zu verdanken. Er hatte mich im letzten Jahr immer unterstützt und mir so viele tolle Tipps gegeben, ohne die ich total aufgeschmissen gewesen wäre. Er polarisierte wahnsinnig und zog die Aufmerksamkeit aller Menschen auf sich. Ich denke, in seinem Sog und seinem Schatten konnte ich mich für eine Sechzehnjährige recht gut freischwimmen.
Viele Leute haben mir schon erzählt, dass ich ein großes Naturtalent sei. Ich wusste allerdings meistens nicht, ob sie das ehrlich meinten, oder ob sie nur freundlich sein wollten. Was ich jedoch wusste, war, dass die Anzahl meiner Fans in den vergangenen Monaten ganz schön angestiegen war. Sie schrieben mir Briefe, schickten mir Fotos und erzählten mir, ich wäre ein großer Star. War ich das wirklich? Eigentlich hatte ich bisher doch noch nicht viel erreicht. Ein Star war in meinen Augen jemand, der über Jahre oder Jahrzehnte in der Öffentlichkeit überzeugt hatte. Ich hingegen war noch ganz am Anfang; aber träumen durfte man ja…
Mittlerweile war mein Vertrag vorzeitig um ein weiteres Jahr verlängert worden und auch mein Dad war nach seinen anfänglichen Bedenken mächtig stolz auf mich. Ich mochte die Serie; in der Rolle der ebenso verzogenen, wie zickigen Dana Burton konnte ich mich so richtig austoben. Ich tauchte in eine völlig andere Welt ein. Und das Coolste war, dass ich bereits ein paar Angebote für kleinere Fernsehprojekte bekommen hatte.
Aber ich musste auch erfahren, dass der vermeintliche Traumjob seine Schattenseiten besaß. Eigentlich war ich immer ein totaler Familienmensch gewesen und schon nach recht kurzer Zeit hatte ich meine Eltern und meine Schwester Angela wahnsinnig vermisst. Abends hatte ich regelmäßig in meinem Bett gelegen und geheult. Ich wollte das Leben einer Erwachsenen führen und hatte schnell gemerkt, dass ich in vielerlei Hinsicht doch noch ein Mädchen war. Ein kleines Mädchen, dem seine Mummy fehlte; wie uncool…
Terry Gordon hatte natürlich auch schnell gemerkt, dass mit mir irgendwas nicht stimmte – war nicht so schwierig, da ich ständig meinen Text versaut hatte. Er hatte daraufhin mit den Studiobossen gesprochen und prompt war meinen Eltern eine Wohnung in Westwood – nicht weit entfernt vom Filmgelände – angeboten worden. Nach anfänglichem Zögern hatte sich Dad von der Central Bank, bei der er arbeitete, von Detroit nach Los Angeles versetzen lassen und war mit Mum, meiner Schwester Angie und all unseren Habseligkeiten in die Stadt der Engel gezogen. Als mein Vater mir die vom Familienrat einstimmig getroffene Entscheidung mitgeteilt hatte, wollte ich die ganze Welt umarmen. Ich war so unbeschreiblich glücklich, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte zu weinen.
Ich hatte damals allerdings trotzdem beschlossen, auch weiterhin in meiner mittlerweile lieb gewonnenen Wohngemeinschaft wohnen zu bleiben.
Irgendwie musste ich damals schließlich einen Weg finden, Schritt für Schritt selbstständiger zu werden. Aber nun hatte ich ja auch die Möglichkeit, meine Familie jederzeit zu besuchen; und davon machte ich in der Folgezeit reichlich Gebrauch.
Mittlerweile hatte ich meinen Privatlehrer gegen einen Schauspiellehrer eingetauscht und mich vollkommen auf eine Zukunft in Hollywood konzentriert. Da der straffe Drehplan die Möglichkeit des ganztägigen Besuchs einer Schauspielschule nicht zuließ, hatte ich seitdem viermal die Woche abends am Kurs eines ehemaligen Schauspielers teilgenommen.
Dad hat immer gesagt, ich wäre eine verdammte kleine Perfektionistin, die mit nichts zufrieden sei. Wahrscheinlich liegt er damit nicht ganz verkehrt. Im Nachhinein machte ich mir oft Vorwürfe, warum ich etwas nicht besser hingekriegt hatte; auch wenn alle anderen sagten, dass es absolut okay gewesen wäre. Abends ständig in einen Schauspielkurs zu rennen, war wahrscheinlich auch so eine Perfektionismus-Geschichte. Als wären die Drehtage nicht schon stressig genug gewesen. In den letzten Wochen hatte ich nachts, wenn ich völlig erschöpft in meinem Bett lag, unzählige Male das nachhaltige Verlangen gespürt, alles hinzuschmeißen. Doch ich hatte die Zähne immer wieder zusammengebissen und eisern durchgehalten.
An den Wochenenden erholte ich mich zusammen mit Peter – der ebenfalls an dem abendlichen Schauspielkurs teilnahm – von dem Stress der Dreharbeiten und versuchte neue Energie zu tanken. Der recht gut gefüllte Terminkalender einer ambitionierten Nachwuchsschauspielerin ließ zwar nicht wirklich viel Spielraum für eine Beziehung, aber da Peter aus derselben Branche kam, funktionierte es doch irgendwie.
Ich warf einen Blick auf die Uhr und streckte mich. Jeder einzelne Knochen in meinem Körper schien sich zu Wort zu melden, um sich über meine mangelnde Fürsorge zu beschweren. Ich war völlig fertig. Erschöpft ging ich die Straße entlang und freute mich bereits auf ein heißes Bad in meiner Wohnung. Wie in Trance trottete ich den alltäglichen Weg entlang, den meine Füße mir vorgaben. Ich war so sehr in meine Gedanken versunken, dass ich die schnell näherkommenden Schritte in meinem Rücken erst gar nicht wahrnahm. Meine Augen waren auf den Boden gerichtet und folgten meinem Schatten, der sich mit der Geschmeidigkeit einer senilen Greisin über den Asphalt quälte. Mit langsamen und kantigen Bewegungen kroch der dunkle Fleck über den Bürgersteig.
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