»Da spielt doch einer mit uns Katz und Maus«, ereiferte sich Hinnerk. »Sollen wir jetzt „Ene, mene, muh“ machen, um den eventuellen Fundort zu finden?«
»Wir könnten uns aufteilen«, sagte Kevin.
»Ich überlege gerade, wo ein Glassarg besser hinpassen würde«, meinte Valerie. »Ich denke, in das Schwimmbad.«
»Da müssten Sie in die Atzpodienstraße in Lichtenberg fahren. Die Hausnummer ist die 6«, sagte Kevin. »Das dürfte von hier aus etwa eine Viertelstunde sein. Nach Grünau sind es eher vierzig Minuten. Das Gebäudeensemble liegt an der Regattastraße im Bezirk Treptow-Köpenick.«
»Ach du lieber Himmel, da haben wir unlängst eine Art Sekte ausgehoben*«, rief Valerie aus.
»Komm, lass uns das machen«, sagte Tamara. »Wir kennen uns da besser aus. Lass die beiden nach Lichtenberg fahren.«
* siehe „Böse Mächte“ Band 9
»Danke. Geben Sie uns einen von Ihren Beamten mit?«, fragte Valerie.
»Ja, natürlich. Wendland, Sie folgen uns bitte mit dem Streifenwagen, und Sie, Richter, begleiten die Hauptkommissare.«
»Dann kümmern wir uns jetzt weiter um etwaige Spuren«, sagte Manfred Hoger. »Kein leichtes Unterfangen bei dem Dornengestrüpp. Aber ich habe schon einen Fußabdruck in lockerer Erde ausgemacht. Schuhgröße in etwa dreiundvierzig. Der Sohle nach ein Sportschuh oder Sneaker. Das passt also.«
»Hatte die junge Frau keine Papiere bei sich?«
»Nein. Die wird man ihr wohl abgenommen haben.«
»Gut, wir müssen dann los. Vielleicht können wir das zweite Opfer noch retten. Wir erwarten dann deinen Bericht.«
»Okay. Viel Glück.«
»Und wir bleiben telefonisch in Verbindung, Frau Liebscher, Herr Heller, Herr Wendland …«
»So machen wir’s. Mal sehen, wer zuerst etwas findet. Viel Hoffnung habe ich allerdings nicht.«
»Die Hoffnung stirbt zuletzt«, witzelte Valerie. »Macht’s gut, Kollegen!«
Bei der Apotzienstraße handelte es sich um eine ruhige Seitenstraße, zum Teil mit Parkbuchten. Keine schlechte Voraussetzung für einen Transport der besonderen Art. Nachts würde davon kaum jemand etwas mitbekommen. Das Gebäude des ehemaligen Schwimmbades war schmutzig grau und wies verbarrikadierte Fenster und zugemauerte Türen auf. Nur im mittleren Eingang gab es eine behelfsmäßige Eisentür – wohl für die Besichtigungen –, die jedoch fest verschlossen war.
»Das ist alles sicher«, sagte Polizeimeister Richter. »Soll ich noch ein weiteres Mal um das Gebäude herumgehen?«
»Ich denke, das können wir uns sparen. Ich habe nicht das kleinste Schlupfloch entdeckt«, sagte Hinnerk.
»Das war wohl nix«, meinte Valerie. »Das ist alles so hermetisch abgeriegelt …«
»Was hast du erwartet? Eine aufgebrochene Tür am Seiteneingang oder im Keller?«
»Ja, warum nicht? Irgendwie muss er doch hereingekommen sein.«
»Dann steht der Sarg vielleicht doch in dem Ballhaus, wenn überhaupt. Wer sagt uns eigentlich, dass die Ankündigung für heute Nacht gilt?«, meinte Hinnerk. »Es dürfte schwierig genug sein, sich innerhalb weniger Stunden zweier Opfer zu entledigen. Noch dazu mit einem so heiklen Objekt wie einem Glassarg. Ich denke, die Inszenierung erfolgt erst in den nächsten Tagen.«
»Kann sein. Und was machen wir jetzt? Das Gebäude rund um die Uhr bewachen lassen?«
»Das dürfte sich nur auf einen vagen Verdacht hin als äußerst schwierig gestalten. Alles, was wir vielleicht durchkriegen, ist, dass die Direktion 1 öfter in den Nächten einen Funkwagen vorbeischickt. Aber noch besteht ja die Möglichkeit, dass die Kollegen in Grünau etwas finden. Ich rufe gleich mal an.«
»Warte noch einen Moment. Die hatten einen viel längeren Weg. Vielleicht melden sie sich auch von sich aus.«
»Und was machen wir in der Zwischenzeit? Ein Nümmerchen im Auto?«
»Sag mal, dir geht’s wohl nicht gut? Die Zeiten dürften endgültig vorbei sein. Wir sind schließlich nicht mehr siebzehn und nicht allein. Soll der Kollege die Lampe halten?«
Hinnerk grinste schelmisch.
»Da kannte ich dich ja noch gar nicht. Leider.«
»Da hast du nicht viel verpasst. Ich war hochanständig. Karen hat ein strenges Regiment geführt. Ich fing erst an aufzubegehren, als ich erfuhr, dass sie nicht meine leibliche Mutter ist.«
»Und Tyra? Die könnte als Schwedin in dem Alter schon ein flotter Feger gewesen sein. Immerhin ist sie mit dir schwanger geworden.«
»Zügle etwas deine Altherrenfantasien! Nur weil sie sich mit dem einen Touristen eingelassen hat, heißt das nicht, dass sie einen lockeren Lebenswandel geführt hat. Ihre Eltern dürften meine Adoptiveltern in Sachen strengem Erziehungsstil noch überboten haben. Sicher wird sie, als bildhübsches, junges Ding, reichlich Chancen gehabt haben. Aber ob sie die auch wahrgenommen hat?«
Valeries Ausflug in die Vergangenheit wurde durch das Summen ihres Handys unterbrochen.
»Voss, was gibt’s?«, meldete sie sich wie üblich.
»Liebscher. Wir sind’s, die Kollegen. Also, hier ist alles verriegelt und verrammelt. Das Lost-Place-Fotografieren muss wohl überhand genommen haben. Vielleicht aber auch der Wandalismus. Man kann das Gelände eh nur noch über ein gut verstecktes Schlupfloch betreten. Kaum anzunehmen, dass da jemand einen Glassarg durchgequetscht hat. Und aufgebrochene Türen oder Fenster gibt es auch nicht.«
»Wie bei uns«, sagte Valerie. »Er könnte den Sarg allerdings auch in Einzelteilen transportiert und erst vor Ort zusammengebaut haben. Mein Mann und ich sind aber der Meinung, dass die Ankündigung erst für später gilt. In einer einzigen Nacht wäre das wohl nicht zu bewältigen. Warum auch?«
»Ja, die Schlussfolgerung liegt nahe. Mein Kollege denkt das auch. Und nun? Wie wollen Sie weiter vorgehen?«
»Vielleicht könnten Sie erreichen, dass öfter mal ein Funkwagen in den nächsten Nächten Streife fährt? Zur Sicherheit am besten an beiden Orten.«
»Das müsste machbar sein. Wir werden auch die Kollegen von der Direktion 6, Abschnitt 66, informieren, damit die hier öfter mal nachsehen. Bleibt uns nur, Ihnen eine gute Nacht zu wünschen. Vielleicht hören wir mal von Ihnen.«
»Das ist gut möglich. Der weitere Verlauf der Ereignisse könnte ohnehin eine weitere Zusammenarbeit erfordern. Also, Grüße an Herrn Heller, und Ihnen beiden eine möglichst ruhige Nacht! Bevor wir den Heimweg antreten, liefern wir noch den Kollegen bei Ihnen ab. Bis dann!«
Der gemeinsame Sohn von Valerie und Hinnerk, Ben, lebte seit geraumer Zeit mit der Transsexuellen Lena zusammen. Lena war zwar als Junge geboren worden, hatte sich aber schon immer als Mädchen gefühlt. Nach mehreren geschlechtsangleichenden Operationen war sie kaum noch von einer biologischen Frau zu unterscheiden.
Ben hatte Lena im „Lebensstern“, der Bar über dem „Café Einstein“ in der Kurfürstenstraße kennengelernt, als mit Hinnerk dort eingekehrt war, weil dieser in mehreren Mordfällen im Transsexuellenmilieu ermittelte.* Nach einigen Anfangsschwierigkeiten hatten sich die beiden zusammengerauft und teilten nun sogar die
*siehe „Morphodit“, Band 10
Wohnung. Doch Bens Befürchtungen waren eingetreten. Nach wie vor gab es Animositäten bei Lena, besonders wenn es um andere Frauen ging.
»Wer ist das blonde Gift, mit dem du so vertraut umgehst?«, fragte Lena.
»Wen meinst du?«
»Stell dich bitte nicht dümmer als du bist. Ich wollte dich nämlich gestern von der Uni abholen. Und da kamt ihr beide Arm in Arm heraus.«
»Ach, du meinst Kathrin. Die studiert auch Film- und Theaterwissenschaften. Wir sind nur Kumpel, weil wir uns gut verstehen.«
»Das sah aber ganz anders aus.«
»Sag mal, spionierst du mir etwa nach?« Ben wurde langsam sauer. »Statt dich zu verstecken hättest du zu uns herüberkommen können. Dann hättest du bemerkt, dass da nichts ist mit Kathrin und mir. Du bist und bleibst meine Traumfrau.«
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