Es gab noch mehr … Ich war kein Naturtyp, nichts mit Wandern oder so. Aber manchmal fuhr ich raus aus dem Stadtmief, hinauf in die Hügel. Wald, freier Himmel – seit ein paar Jahren wusste ich das wirklich zu schätzen. Dann gab es noch zwei oder drei andere Dinge, die mich hielten, an die ich aber nie richtig dachte. Weil ich nicht genau wusste, was ich davon halten sollte.
Ich blickte auf die LCD-Uhr, die ich mir vor ein paar Tagen gekauft hatte. Stoßfestes Plastik, vielleicht ein wenig zu jugendlich. Viertel vor drei, ich musste mich auf den Weg machen. Mein alter Ford stand hinter der Kirche. Metallicbraun, mit Schiebedach und zerbeulter Beifahrertür. Man kannte die Karre überall in der Stadt, so dreckig war sie. Ich wusch sie nur zweimal im Jahr. Dafür konnte ich mühelos erkennen, wenn sich jemand daran zu schaffen gemacht hatte. Ein bisschen Vorsicht konnte nicht schaden. Das Lokalradio plärrte Veranstaltungstipps heraus. Kino, Kirchenchor, Seniorenausflug. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Der Dialekt der Moderatorin tropfte aus den Lautsprechern. Ich war mit ihr zur Grundschule gegangen. Wenn es eins gab, dass ich wirklich nicht verinnerlicht hatte, dann war es der verdammte Dialekt. Ich verstand ihn zwar, sprach ihn aber nie. Vielleicht, um mir hier ein bisschen Andersartigkeit zu bewahren.
Ich verließ den alten Stadtkern und fuhr durch Habefeld, einem eingemeindeten Vorort, so idyllisch und verschlafen wie ein Hinterwäldlernest. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Zeit seit der Wende an manchen Flecken hier eingefroren war. Dahinter, an die Ausläufer der bewaldeten Hügel geschmiegt, erstreckten sich die Villen. Alte, teure Häuser, in denen die Reichen und Wichtigen von Prezella wohnten, solange ich denken konnte. Die 48 war ein wuchtiges Herrenhaus mit elfenbeinfarbener Fassade, hohem Gitterzaun und einem überdachten Pool, der vor etlichen Jahren an das alte Gebäude angebaut worden war. Die Prezellaer hatten sich monatelang darüber aufgeregt.
Ein cremeweißes Mercedes-Cabrio stand in der Einfahrt. Ich fuhr daran vorbei und parkte um eine Straßenecke, blieb ein paar Minuten im Wagen, trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Endlich stieg ich aus, kontrollierte den Sitz meines Hemdes, das ich mir eben im Kaufhaus HOJ gekauft hatte. Weiß, mit dünnen, lila Streifen. Dazu Jeans und Turnschuhe. Eine Rasur hätte mir gut getan, andererseits passten die Stoppeln für den Moment.
Ich konnte mich nicht erinnern, jemals die 48 betreten zu haben, selbst damals nicht, als wir die Gegend unsicher gemacht hatten. Ein paar Jahre nach der Wende war es ein Sport, die ehemaligen Bonzenvillen mit Graffiti zu verschandeln. Eine späte Form von Protest, die Politgrößen waren da schon lange aus diesem Teil der Stadt verschwunden und hatten den Neureichen Platz gemacht. Die Josigers, die hier wohnten, gehörten nicht dazu. Bodo war ein Selfmademan, hier geboren und nach dem Mauerfall mit seiner Spedition und ein paar fragwürdigen Spekulationen zu viel Geld gekommen. Seine erste Frau zählte zum alten Stadtadel, ehe sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Unter Alkoholeinfluss war sie in einen neu gebauten Brückenpfeiler gerast, unten am Fluss. Das musste jetzt zehn Jahre her sein. Bodo war nicht lange allein geblieben. Cornelia zog bei ihm ein und brachte Großstadtflair mit. Nach sechs Monaten heirateten sie, gaben eine verschwenderische Party und ließen den Pool bauen. Ich hatte während meines Studiums ein paar Mal für Josigers Firma gearbeitet, kannte die beiden aber nur flüchtig. So flüchtig man jemanden eben kennen konnte, dessen Leben Stadtgespräch war. Aber ich war mir sicher, dass Cornelia Klasse hatte. Kein verwöhntes Landmädchen, sondern ein Großstadtkätzchen mit Klauen. Als sie mich heute Morgen angerufen hatte, war das durchaus eine Überraschung. Sie hatte einen Job, den ich für sie erledigen konnte. Diskret, gegen Bezahlung. Mehr sagte sie nicht. Dann hatte sie mich für den Nachmittag zu sich eingeladen.
Ich betätigte den Klingelknopf auf dem verschnörkelten Namensschild und starrte in den Himmel hinauf. Weit im Osten hatten sich die Wolken dunkel verfärbt. Vermutlich würde es heute noch regnen. Die Gegensprechanlage knisterte und eine weibliche Stimme fragte: „Ja?“
„Gideon“, erwiderte ich. Irgendwo hing bestimmt eine Kamera, aber ich konnte sie beim besten Willen nicht entdecken. Es gab ein Surren und das Gitter öffnete sich. Also ging ich zum Haus hoch und warf dabei einen Blick ins Innere des Coupes. Rote Lederpolster, volle Einkaufstüten auf der Rückbank – von der einzigen Edelboutique am Ort.
Jemand hatte sich ziemlich viel Mühe mit dem Garten gegeben, ordentliche Blumenbeete, gestutzte Hecken und so. Es gab einen Pavillon mit Tischen darunter, weiter hinten einen Tennisplatz.
Die Haustür stand offen und führte in eine luftige Eingangshalle mit Marmortreppe und Galerie, Stofftapete und moderner Malerei. Keine Menschenseele. Aber eine Tür führte ins Wohnzimmer. Ledergarnitur, Flachbildfernseher, Bücherregale. Und der Durchgang zum Pool. Ich konnte das leise Plätschern des Wassers hören. Er war weiß gekachelt, mit einem Sprungbrett am anderen Ende und Zugang zum Garten. Aus Kübeln heraus rankten sich allerlei exotische Pflanzen die Fenster hoch. Es war so feuchtwarm, dass ich zu schwitzen anfing.
Cornelia zog eine Bahn auf mich zu, das Haar unter eine Badehaube geschoben, in einem schwarzen Schwimmanzug. Sie wirbelte kaum Wasser auf und legte schließlich die Arme auf den Beckenrand. Das, was sich unter der Oberfläche von ihr abzeichnete, war viel versprechend. Ihr Gesicht war hübsch, der Mund ein wenig zu breit. Und ihre Augen – ich hatte selten solche Augen gesehen: zwischen blau und grau und völlig ohne Leben.
„Reich mir den Morgenmantel, Marr.“ Ihre Stimme war rau, ein bisschen träge.
Alle nannten mich Marr, kaum jemand benutzte meinen Vornamen. Egal, ob ich die Leute persönlich kannte oder nicht. Es war nicht einmal Herr Marr, sondern einfach nur Marr.
Ich fischte den weißen Frottebademantel von einer Holzliege, während sie hinter mir aus dem Pool stieg. So viel ich wusste, war sie nur ein paar Jahre älter als ich, vielleicht Mitte Dreißig, aber man merkte es ihrem Körper kaum an. Makellose Beine, straffe Brüste, deren Nippel sich gegen den schwarzen Stoff drückten, und ein schmaler Po. „Zünd mir eine Zigarette an.“
Auf einem Beistelltischchen lag eine Packung Burmas. Seit langer Zeit war mir auch mal wieder nach einer Kippe, aber ich hatte damals mit dem Rauchen aufgehört und seitdem nicht wieder angefangen.
„Danke.“ Sie sog daran, schnürte den Morgenrock lose zu und machte es sich auf der Liege bequem. „Setz dich. Willst du was trinken?“ Ihre schlanken Finger zeigten auf eine Kühltasche. Im zerstoßenen Eis ruhten zwei Flaschen Champagner.
Ich schüttelte den Kopf und okkupierte einen Baststuhl ihr gegenüber. Dabei fragte ich mich, ob wir hier ganz allein waren. Bodo arbeitete vermutlich noch, doch es musste einiges an Personal geben. Aber das Haus war still, nur der Pool gurgelte vor sich hin. Unbewusst krempelte ich die Ärmel nach oben. Cornelia sah nachdenklich auf meine Arme, ich war nicht gerade ein Schwächling, und lehnte sich dann zurück.
„Sie sprachen von einem Job, Frau Josiger?“
„Cornelia, bitte. Alles andere ist so förmlich, Marr.“
„Cornelia …“
Sie lächelte und zog die Badekappe ab. Ihr Haar war schwarzblau, seidig glatt und schulterlang. „Besser.“ Ihre kalten Augen fixierten den Champagner, dann mich. Ich war mir nicht sicher, ob sie getrunken hatte. Irgendetwas in ihrer Art brachte mich darauf, aber womöglich täuschte ich mich auch. „Du bist clever und arbeitest, ohne viele Fragen zu stellen. Das mag ich.“
Cleverness hatte ihre Grenzen. Aber eigentlich stimmte ich ihr zu.
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