„Es gibt jenen Bereich, wo nicht Erde noch Wasser ist, nicht Feuer noch Luft, nicht unendliches Raumgebiet, noch unendliches Bewusstseinsgebiet, nicht das Gebiet der nicht Irgendetwasheit, noch das Gebiet der weder Wahrnehmung noch nicht Wahrnehmung, nicht diese Welt noch eine andere Welt, nicht Sonne und Mond.
Das nenne ich weder Kommen noch Gehen noch Stillstehen noch Vergehen noch Entstehen.
Ohne Stützpunkt, ohne Anfang, ohne Grundlage ist das; eben dies ist das Ende des Leidens.“
„Schwer zu sehen ist das Nicht-Ich, nicht leicht zu begreifen ist die Wahrheit; überwunden ist der Durst (das Anhaften) für den Wissenden; für den Schauenden ist nicht irgendetwas.“
„Es gibt ein nicht Geborenes, nicht Gewordenes, nicht Geschaffenes, nicht Gestaltetes. Wenn es dieses nicht Geborene, nicht Gewordene, nicht Geschaffene, nicht Gestaltete nicht gäbe, dann wäre ein Entrinnen aus dem Geborenen, Gewordenen, Geschaffenen, Gestalteten nicht zu erkennen.
Weil es aber ein nicht Geborenes, nicht Gewordenes, nicht Geschaffenes, nicht Gestaltetes gibt, darum lässt sich ein Entrinnen aus dem Geborenen, Gewordenen, Geschaffenen, Gestalteten erkennen.“
„Für das, was abhängig ist,
gibt es auch Bewegung;
für das, was nicht abhängig ist,
gibt es keine Bewegung;
wo keine Bewegung ist, ist Ruhe;
wo Ruhe ist, ist kein Verlangen;
wo kein Verlangen ist,
ist kein Kommen und Gehen;
wo kein Kommen und Gehen ist,
ist kein Vergehen und Neuentstehen;
wo kein Vergehen und Neuentstehen ist,
ist weder ein Diesseits noch ein Jenseits
noch ein Etwas zwischen beiden;
eben dies ist das Ende des Leidens.“
Worte des Buddha
Transformation und Befreiung
Ich Bin
So-Sein
IST
ES
LEERHEIT
Hinweis:
Die Literatur, aus der die Zitate stammen, ist am Ende des Buches zusammengestellt. Auf Fußnoten wurde bewusst verzichtet, da dies ein Praxis-Buch für Meditation und Kontemplation ist.
Die Zitate sind nicht nach Traditionen angeordnet, um zu zeigen, dass die Mystik die Traditionen transzendiert.
Praxis-Anweisungen, Kontemplationen und Zitate zur Dharma-Mystik
Allgemeine Betrachtungen zur praktischen Nutzung der Darlegungen und der kontemplativen Lektüre
Meine kurzen Ausführungen, die ausgewählten Zitate und die empfohlene Literatur sollen Interessierte und Praktizierende auf dem spirituellen Weg immer näher an die letztendliche Wahrheit heranführen.
Das abwechselnde Betrachten von Texten aus dem Advaita-Vedanta und dem Buddha-Dharma ist vielleicht am Anfang für manche Leser eine Herausforderung, werden die Sichtweisen der beiden Lehren doch in gewisser Weise als diametral, also entgegengesetzt bezeichnet.
Aus intellektueller und aus philosophischer Sicht erscheint das durchaus zutreffend, wenn wir die Advaita-Lehre mit späteren buddhistischen Traditionen und Philosophien vergleichen. Zwischen dem Frühbuddhismus, wie er durch die Lehrreden des Buddha überliefert ist, und dem Advaita-Vedanta lassen sich solche Diskrepanzen aber kaum feststellen. Insbesondere wenn wir uns von den konventionellen Bedeutungen der Begriffe mehr und mehr lösen, erkennen wir dahinter die eine Wahrheit.
Dieses sich Lösen von Glaubensvorstellungen und Konzepten ist es, das uns letztendlich zur Befreiung führt. Wir verlassen dabei die konventionelle Ebene und öffnen uns für die absolute Ebene, auf der die bedingten Projektionen und abhängigen Gesetzmäßigkeiten nicht mehr gelten.
Der Buddha hat deshalb auf Fragen wie „Gibt es ein Selbst?“ oder „Gibt es kein Selbst?“ oder „Was ist das Selbst“ nicht geantwortet und ist auf keinerlei metaphysische Spekulationen eingegangen. Denn jede Antwort, die wir auf der relativen Ebene erhalten, würde uns nur noch mehr in Konzepte und Ideen verstricken und damit den Weg zur Erfahrung, zum erkennenden Schauen blockieren. Der Buddha wollte damit auch zeigen, dass Vorstellungen wie ewige Existenz oder Nichtexistenz, also sowohl Eternalismus als auch Nihilismus nicht zutreffen. Die letztendliche Wahrheit liegt jenseits davon.
Zur Zeit des Buddha gab es zu viele Spekulationen und so hat er in seinen Lehrdarlegungen den Schwerpunkt auf das gelegt, was zur eigenen Erfahrung und zur letztendlichen Erkenntnis und Befreiung führt.
Mystik im tiefen Sinn bezieht sich auf dieses Erkennen der Wahrheit durch innere Erfahrung. Dazu lösen wir uns nach und nach von allen Ideen und Konzepten und transzendieren sie durch eine neue Sicht, die in vollkommene Offenheit- Leerheit mündet. Wir erkennen, dass dieses Ich oder Selbst, mit dem wir uns identifiziert haben, ein Konstrukt unseres Geistes ist und auf der bedingten Ebene nicht gefunden werden kann, denn alles, was wir für das Selbst halten, kann es nicht sein. Auf der relativen Ebene gelten die drei Merkmale anicca, dukkha, anatta (Pali): vergänglich, damit leidbringend und nicht das Selbst. Hier hat der Buddha deshalb von Nicht-Selbst gesprochen. Auf der transzendenten Ebene trifft dagegen jegliche Vorstellung von einem Selbst nicht mehr zu.
Im Advaita-Vedanta hat das Wort Atman (Sanskrit) entsprechend zwei Bedeutungen:
1 Es bezeichnet das „individuelle Selbst“, wofür dann auch der Begriff Jivatman benutzt wird (in manchen Texten mit „Seele“ übersetzt). Jiva bedeutet das lebende Wesen, das sich fälschlicher Weise mit dem vergänglichen Körper und dessen verschiedenen grob- und feinstofflichen Hüllen identifiziert hat.
2 Atman bezeichnet das „transzendente Selbst“, das ununterscheidbar von Brahman, dem Absoluten ist, und auch Paramatman genannt wird.
Auf dem spirituellen Weg des Buddha-Dharma und des Advaita-Vedanta lassen wir die falsche Identifikation und damit das konventionelle Ich oder Selbst durch Einsicht mehr und mehr los und erreichen durch diese Loslösung letztendlich Befreiung.
Texte und Schriften, mit denen wir uns hier befassen, sollen uns auf diesem Weg der Loslösung begleiten. Dabei müssen wir immer tiefer in die wahre Bedeutung eindringen, auf die Worte nur hinweisen können.
Das richtige Lesen spiritueller Texte ist dabei von großer Wichtigkeit, wie uns Eknath Easwaran, ein indischer Gelehrter, Meditationslehrer und Mystiker, in folgendem Zitat ans Herz legt:
„Das ist der bedeutendste Unterschied
zwischen Werken der Literatur und Werken der Mystik:
Man kann die Mystiker immer wieder lesen und die Wirkung auf immer tieferer Ebene erfahren. Deshalb habe bitte nicht die Vorstellung, dass Du durch einmaliges Lesen damit vertraut bist. Sie müssen tiefer und tiefer ins Bewusstsein sinken, was nur durch Wiederholung erreicht werden kann.“
Warum ist Mystik zur Vertiefung des Weges so wichtig?
Durch meine Studien der verschiedenen buddhistischen Traditionen und durch meine Praxis beginne ich, den Dharma mehr und mehr jenseits der Traditionen zu sehen. Deshalb gibt mir die Mystik als nicht-dualistische universale Vertiefung der Sicht und Erfahrung eine ganz besondere Inspiration. Sie führt weg von einem verstandesmäßigen, konzeptuellen Verständnis und der mehr technischen Art und Weise der Praxismethoden, hin zu tiefer innerer Hingabe an das Absolute, die letztendliche Wirklichkeit, wie immer sie auch in den verschiedenen religiös-spirituellen mystischen Richtungen bezeichnet wird. Auf höchster Ebene gibt es keinen Unterschied, da es um reine Erfahrung und Verwirklichung geht, die mit Worten nicht mehr erreichbar ist – auf die Worte lediglich hinweisen wie Wegweiser, die uns führen aber selbst nicht das Ziel sind. „Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond.“
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