»meine Strafe sollte nur so lange dauern, bis mich Jemand
für meine Dienste bezahlte. Ihr seht mich jetzt
nie mehr!«
Und so war es auch.
10.
Das Schloß der Ungewißheit.
Ein junger Königssohn, der für das Waffenhandwerk
weder die nöthige Stärke noch Vorliebe besaß, aber
ein tüchtiger Sänger war, durchzog mit seiner Harfe
das Land und kam in das Schloß eines berühmten
Gruagach oder Zauberers. Derselbe saß in einem langen,
seidenen Talare auf seinem reichgeschmückten
Thron und ihm zur Seite saß seine schöne Tochter, in
deren Haar die kostbarsten Edelsteine der Erde glänzten.
Um sich einen guten Empfang zu sichern, griff
der wandernde Königssohn in die Harfe und sang von
dem Ruhm irländischer Helden und der Schönheit und
Liebenswürdigkeit der Jungfrauen von Erin.
»Seit langer Zeit,« sagte der Zauberer, als das Lied
zu Ende war, »haben wir solchen Genuß entbehrt;
denn nur selten besucht uns Jemand, an dem wir Freude
erleben. Damit wir uns nun heute nicht zum letzten
Male sehen, trage ich dir hiermit die Hand meiner einzigen
Tochter an!«
»Ich nehme sie an,« erwiderte der Königssohn
hocherfreut; »nach einem solchen Glücke habe ich
mich schon lange gesehnt.«
»Ehe sie jedoch dein Weib wird,« sprach der Zau-
berer weiter, »muß ich eine kleine Gefälligkeit von dir
verlangen. Es ist schon lange her, seit mir der grausame
Häuptling des Nebels meine beiden Söhne gestohlen
hat; nun hätten sich meine Leute schon längst aufgemacht,
sie wieder zu holen, wenn sie einen tapferen,
kundigen Führer gehabt hätten; und ich müßte mich
sehr in dir täuschen, wenn du nicht der rechte Mann
wärest.«
Als der Königssohn diese Worte hörte, ward er
bleich und stellte seine Harfe an die Wand.
»Tochter,« sagte da der Alte, »bring' ihm den Becher
der Vergessenheit und laß ihn einen tüchtigen
Zug daraus thun!«
Sie gehorchte und er trank. Der Becher hatte die Eigenschaft,
daß er nie leer ward und daß Jeder, der daraus
trank, alle Sorgen vergaß.
»Tausend Dank, mächtiger Fürst,« sprach der
Jüngling; »aber sage mir auch, wie du heißest und wie
dein Schloß genannt wird.«
»Ich heiße Gruagach Tire gan Taithige (Riese des
unbesuchten Landes),« antwortete der Zauberer; »der
Name meines Schlosses ist Dun Tochluaiste (Schloß
der Ungewißheit).«
Darauf setzten sie sich an den Tisch und aßen und
tranken so lange, bis es Zeit Zum Schlafengehen war.
Dann wünschten sie dem Jüngling gute Nacht und
zeigten ihm ein königliches Bett. »Fürchte dich
nicht,« sprach die Jungfrau zu ihm, »denn kein Zauberer
der ganzen Erde hat über den Gewalt, der getauft
ist. Er kann ihm zwar Schaden zufügen, aber ihn
nicht tödten.«
Er legte sich nieder und überdachte sein Schicksal,
wie er nun das Leben und die schöne Jungfrau verlieren
könne. »Ich werde sie entführen,« sprach er zu
sich und stand auf und öffnete die Thüre ihres Schlafzimmers.
Doch da fand er sich plötzlich in einer unfreundlichen
Gegend, in der er nur die rauhe Stimme
wilder Raubthiere hörte.
Er verlor seine Besinnung und lief wie wahnsinnig
dem nächsten Walde zu. Das schreckliche Toben unsichtbarer
Geschöpfe folgte ihm beständig auf dem
Fuße. Er lief immer zu und stand auf einmal am Ufer
eines wildschäumenden See's. Da er ein kleines Boot
darauf sah, so sprang er muthig hinein und ließ sich
von den Wellen in's Ungewisse tragen. Die See ging
so hoch, daß er sich manchmal in den Wolken und
dann wieder im Innern der Erde zu befinden glaubte;
auf einmal aber schlug das Boot um und der Jüngling
sank mit einem gellenden Schrei der Verzweiflung in
die Tiefe.
»Stecke mir ein Licht an,« sprach der Gruagach zu
seiner Tochter, »damit ich sehe, wo der junge Mann
hingerathen ist.« Dann ging er hinaus und fand den
unglücklichen Jüngling unten im Keller, wo er ge-
wöhnlich sein Bier braute, neben einem großen Kessel
sitzen. »Wenn du meine Tochter suchen willst,«
sagte er lachend, »dann mußt du hübsch oben bleiben;
die wilden Katzen und Hunde, die sich hier des
Nachts gewöhnlich aufhalten, sind durchaus keine angenehme
Gesellschaft.«
Darauf führte er ihn wieder in sein Schlafzimmer
zurück.
Doch der Jüngling konnte nicht schlafen und nach
kurzer Zeit schlich er sich abermals nach dem Zimmer
des Mädchens. Ein gräuliches Ungetüm mit langem
Rüssel und schrecklichen Augen bewillkommte ihn,
hinter ihm war ein ruhiger Strom und da er keinen andern
Ausweg sah, so sprang er, ohne sich weiter zu
besinnen, hinein und wollte an das andere Ufer
schwimmen. Doch das Wasser war so dick, daß er
weder Hände noch Füße darin bewegen konnte. In
seiner Verzweiflung rief er um Hilfe und bald erschien
denn auch der Zauberer und sprach: »Wenn du
dich baden willst, so darfst du nicht in den Schweinetrog
springen!«
Darauf half er ihm heraus und gab ihm trockene
Kleider. »Lege dich wieder ruhig hin,« sprach er,
»und wenn ich die Pferde gesattelt habe, werde ich
dich rufen!«
Der Jüngling schlich sich in sein Zimmer zurück
und als er sich einigermaßen erholt hatte, raffte er sich
abermals auf, um die Jungfrau noch vor Tagesanbruch
zu entführen. Doch der Tag war bereits angebrochen
und der Jüngling sah sich auf einmal im Garten seines
Vaters. Darnach ging er in seinen Palast und schwur
beim Frühstück, er wolle die schöne Maid erringen
und wenn es ein ganzes Jahr dauere.
Gleich machte er sich wieder auf den Weg; aber in
der ersten Nacht, die er im Walde zubrachte, erschien
ihm die Tochter des Zauberers und bat ihn, seiner
Liebe zu ihr zu entsagen, da sie sich bereits auf den
Willen ihres Vaters mit einem Andern vermählt habe.
Da verließ ihn denn der Zauber, er ging wieder nach
Hause und sang unterwegs:
»Manch' schöne Jungfrau Erin hat,
Aus deren Auge Treue blickt,
Und die, wenn ich nach Hause komm',
Mich liebend an ihr Herze drückt!«
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