»Wo reiten wir hin?« fragte ich. »Das wirst du
bald sehen,« erwiderte er und fuhr mit seiner Hand
über meine Augen, wonach ich völlig erblindete. In
welcher Richtung wir ritten, kann ich also nicht
sagen; doch war unsere Reise keine lange, denn bald
machte er Halt und fuhr mit seiner Hand in der entgegengesetzen
Richtung über meine Augen, worauf ich
ein großes Schloß vor mir stehen sah. Wir gingen hinein
und er führte mich durch ein mit den reichsten
Vorhängen und Teppichen verziertes Zimmer in das
Schlafgemach seiner Gattin, woselbst er mich allein
mit ihr ließ. Bald darnach erblickte ein feiner Knabe
das Licht der Welt. Die Frau klatschte in die Hände
und gleich kam Fir Dhorocha (schwarzer Mann) herein
und gab mir eine Flasche mit einer grünen Flüssigkeit,
um das Kind damit einzureiben.
Ich rieb es auch ein, doch unversehens kam mir
etwas von der Flüssigkeit in's Auge, was mir große
Schmerzen verursachte. Als ich wieder recht sehen
konnte, war alle Pracht und Herrlichkeit um mich verschwunden
und der Mann und die Frau vor mir sahen
so mager aus wie Skelette und die Kleider, die sie anhatten,
würde ich nicht vom Boden aufheben!
Ich that, als merke ich den plötzlichen Unterschied
nicht.
»Geh' vor das Schloßthor,« sagte der Schwarze,
»ich werde ebenfalls bald dort sein und dich nach
Hause bringen.«
Ich ging fort und wem begegnete ich? Deine Frau,
die arme Molly, stand traurig im Hofe und als sie
mich bemerkte, flüsterte sie mir zu:
»Ich bin hieher geholt worden, um das Kind des
Feenkönigs zu säugen und es gibt nur einen Weg,
mich zu retten. Am nächsten Freitag Abend wird die
hiesige Elfenschaar nach dem Hofe der Feen von Old
Roß ziehen und wenn mich dann mein Mann am Kleide
fassen kann, so bin ich gerettet.«
Gleich darauf kam Fir Dhorocha, hob mich auf sein
Pferd und fort ging's im Sturmessaus nach meiner
Wohnung. Er bedankte sich, gab mir fünf Guineen
und ritt wieder fort. Als ich jedoch heute morgen mein
Geld betrachtete, sah ich zu meinem größten Schreck,
daß er mir fünf dürre Eichblätter gegeben hatte. »Ich
hoffe, ich werde sein Gesicht nie wieder sehen!«
Der arme Mann freute sich, daß er Hoffnung hatte,
seine Frau wieder zu bekommen, und stellte sich am
nächsten Freitagabend an die Stelle, die ihm die Hebamme
noch näher angegeben hatte. Sie war ebenfalls
mitgegangen, da sich der Mann allein fürchtete.
Bald kam der Zug der Elfen vorbei, aber da er ihn
nur hörte, so gab ihm die Frau einen Stoß und er griff
blindlings zu und hatte sein geliebtes Weib in den
Armen. Sobald er sie berührte, war sie auch für ihn
sichtbar und ebenso eine Menge merkwürdiger Geschöpfe,
die sie ihm mit aller Gewalt wieder entreißen
wollten. Aber ihre Anstrengungen waren vergebens.
Die Drei gingen nun ruhig nach Hause und die Frau
erkannte seit dieser Zeit den Werth des Kirchengehens
und schimpfte nie mehr über lange Predigten.
5.
Jim Doyle im Elfenpalast.
Als Jim Doyle einst spät in der Nacht nach Hause
ging, sah er auf einmal ein hellerleuchtetes Schloß
dicht vor sich, in dem es sehr lustig herging. Muthig
trat er durch die offene Thür ein und sah sich in einem
großen Saale, wo sich die Elfen mit ihrem Könige und
der Königin versammelt hatten und ein Glas nach
dem andern leerten. Die Kleider, die sie anhatten,
waren längst aus der Mode, aber sie waren aus den
kostbarsten Stoffen gemacht und mit unzähligen Edelsteinen
verziert.
Als ihn die Königin bemerkte, sprach sie: »Macht
Platz für unsern Freund Doyle und schenkt ihm ein
Glas des besten Punsches ein!« Darauf mußte er sich
zu den Elfen setzen; doch als er das Glas an den
Mund setzen wollte, bemerkte er einen alten Bekannten
neben sich, der schon seit zwanzig Jahren todt
war. »Trinke um des Himmels Willen keinen Tropfen,
« flüsterte er ihm zu und Doyle, der sich inzwischen
auch die Andern etwas näher angesehen und
sich über ihr geisterhaftes Wesen erschreckt hatte,
ließ den Punsch statt in den Mund in die Weste fließen.
Dann bat die Königin einen ihrer Unterthanen, ein
kräftiges irländisches Lied zu singen, wonach dieser
auch sogleich zur allgemeinen Freude einen ganz gemeinen
Gassenhauer anstimmte. Diesen mußte er nun
so lange wiederholen, bis Doyle entschlief und Alles
um sich vergaß.
Am nächsten Morgen fanden ihn einige seiner
Nachbarn auf einer Wiese liegen und weckten ihn auf.
Auf die Frage, wie er dorthin gekommen sei, gab er
unverständliche und verwirrte Antworten und nach
seinem Athem zu urtheilen, schien er doch mehr als
einen Schluck starken Getränkes genossen zu haben.
6.
Nora.
Die Tochter der Hebamme Nora war ein unglückliches
Mädchen. Länger als ein Jahr hatte sie das Bett
wegen eines geschwollenen Beines gehütet und kein
Doktor des ganzen Landes hatte ihr Linderung verschaffen
können.
Nun kam eines Abends der König der Elfen zu
ihrer Mutter und bat sie, ihm nach seinem Palaste zu
folgen, wo seine Frau ihrer bedürfe. Ehe sie sich jedoch
zu ihm auf's Pferd setzte, fand ihr Mann noch
Zeit, sie zu warnen, ja Nichts von der Königin anzunehmen,
einen Rath ausgenommen in Bezug auf ihre
kranke Tochter.
Als Nora eine Zeitlang im Elfenschlosse gewesen
war, wurde die Familie der Königin durch ein schönes
Mädchen vergrößert.
»Du bist eine geschickte Frau,« sagte die Königin
zu ihr, »und sollst deshalb das Schloß nicht leer verlassen.
Geh' zuerst in das nächste Zimmer und hole
dir so viele Gold- und Silbersachen, wie du nur tragen
kannst.«
»Ich danke,« erwiderte sie; »wenn ich reich wäre,
so würde ich nicht mehr arbeiten und nichts thun als
essen und trinken, was mich nach einem Jahre auf den
Kirchhof brächte.«
»Du bist eine kuriose Frau! doch setz' dich dort an
den Tisch und iß und trink' nach Herzenslust!«
»Ich danke; denn wenn ich so gute Sachen äße,
würde mir nachher meine einfache Kost nicht mehr
schmecken!«
»Aber dann nimm dir doch wenigstens dies schöne
Umschlagtuch mit!«
»Wenn ich dies Tuch trüge, so würden mir alle
Buben des ganzen Dorfes nachlaufen!«
»Das thut mir leid, doch womit kann ich dir eigentlich
meine Dankbarkeit erzeigen?«
»Ich habe eine kranke Tochter zu Hause und weiß,
daß du ihr helfen kannst, wenn du nur willst.«
»Verlange alles Andere, aber nicht Dieses; du
weißt nicht, wie sehr mich deine Tochter beleidigt
hat.«
»Beleidigt? Das ist unmöglich!«
»Höre. Du weißt, daß sich die Elfen ihres Lebens
nur in der Nacht freuen und sich gerne in den Küchen
aufhalten, die rein und blank gescheuert sind. Es ist
nun schon über ein Jahr her, da kam ich mit meinem
Völkchen an deiner Hütte vorbei und da mir das Aeußere
derselben gefiel, so gingen wir Alle hinein und
setzten uns in die Küche, die so reinlich war, daß wir
gleich beschlossen, uns dort auf längere Zeit niederzu-
lassen und Thee zu trinken. Doch kaum hatten wir unsern
Thee fertig, da kam deine Tochter herein und zertrat
Mehrere von uns und warf meine Tasse um. Dies
ärgerte mich so, daß ich ihr mit der Theekanne auf's
Bein schlug und es verwundete. Die Kanne zerbrach
und ein Stück davon blieb ihr wahrscheinlich im
Beine stecken.«
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