»Da mußt du ihr verzeihen, denn sie wußte so
wenig, daß ihr da waret, als sie von der Stunde weiß,
in der sie geboren ward.«
»Das glaube ich auch, und da du mir diese Nacht
so große Dienste geleistet hast, so soll ihr vergeben
sein. Nimm diese Salbe und reibe die wunde Stelle
damit, sobald du nach Hause kommst.«
Darauf kam der Elfenkönig, um Nora abzuholen.
Sie setzte sich auf sein steinhartes Pferd und war im
Nu vor ihrer Hausthüre.
Das Erste, was sie that, war, daß sie ihrer Tochter
das kranke Bein einrieb und als diese am nächsten
Morgen erwachte, fühlte sie nicht mehr die geringsten
Schmerzen und war so gesund wie ein Fisch im Wasser.
Aber in die Küche ging sie Nachts nicht mehr seit
dieser Zeit.
7.
Moruach oder Die Nixen.
Die männlichen Nixen sind durchaus keine angenehmen
und anziehenden Gesellen und es ist daher kein
Wunder, daß ihre Töchter sehr häufig eine Verbindung
mit den Söhnen der Landbewohner vorziehen.
Sie haben Schweinsaugen, ihr Haar und ihre Zähne
sind grün wie der Rücken eines Laubfrosches und ihre
Nase ist so roth wie ein Hahnenkamm. Letztern Umstand
haben tiefgelehrte Naturforscher ihrer großen
Vorliebe für geistige Getränke zugeschrieben und sicherlich
nicht mit Unrecht, denn es ist eine durch aufmerksame
Beobachtungen festgestellte Thatsache,
daß sie sich stets in der Nähe gestrandeter Schiffe aufhalten
und allen Branntwein austrinken, den sie allenfalls
darin noch finden.
Ihre Töchter sind gewöhnlich sehr gute Hausfrauen
und treue und liebende Ehegattinnen; aber sobald
ihnen etwas Unangenehmes widerfährt, setzen sie ihre
magische Mütze auf und verschwinden wieder im
Wasser, weshalb der Herr Gemahl stets auf seiner Hut
sein und jenes Kleidungsstück sorgfältig vor ihnen
verbergen muß.
Ein Landmann in der Nähe von Bantry hatte einst
eine Nixe geheirathet und da dies die Seekühe erfuhren,
grasten sie häufig auf seinen Wiesen, um recht oft
in der Nähe ihrer Verwandten zu sein. Dies gefiel dem
Eigentümer aber durchaus nicht, denn er hatte das
Gras viel nothwendiger für sein Vieh und so oft er die
fremden Kühe sah, trieb er sie mit der Peitsche fort.
Seine Frau machte ihm deshalb öfters Vorstellungen;
als aber dieselben gar keine Wirkung hatten, verschwand
sie eines Tages in der Fluth auf Nimmerwiedersehen.
Seine Kinder zeichneten sich durch schuppige Haut
und Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen aus.
8.
Ochs, Kuh und Kalb.
Vor mehreren Jahrhunderten lebte auf der Insel Durzy
in der Nähe der Bantry-Bai eine Familie, auf deren
Wiesengrund beständig ein schwarzer Ochse nebst
einer Kuh graste, welch letztere die Milch für die
ganze Haushaltung lieferte. Diese Kuh bekam nun
einstens ein Kalb und da sie jetzt nicht mehr so viel
Milch liefern konnte, so schlug sie das Dienstmädchen
eines Tages ganz jämmerlich. Gleich liefen alle
Drei an das Ufer und, nachdem sie sich in's Wasser
gestürzt hatten, wurden sie zu Felsen, die noch heute
unter dem Namen »der Ochs, die Kuh und das Kalb«
bekannt sind.
9.
Ein Kobold in Eselsgestalt.
Der gute alte Patrik Henry pflegte einen großen Theil
des Jahres Geschäfte halber in Dublin zuzubringen
und da er seine Familie gewöhnlich mitnahm, so blieben
nur seine Knechte und Mägde zurück, um das
Haus zu bewachen. In diesem Hause schien es aber
nicht recht geheuer zu sein, denn jede Nacht klopfte
es an die Küchenthüre und dann wurden die Teller
und Schüsseln so durcheinander geworfen, daß man
meinte, es bliebe Nichts mehr ganz.
Nun hatten sich die Dienstboten eines Abends vor
dem Schlafengehen in der Küche allerlei Geistergeschichten
erzählt, wobei ein Knecht in einer Ecke so
tief eingeschlafen war, daß er die Andern nicht weggehen
hörte. Plötzlich wurde er nun durch einen lauten
Schlag an die Thüre geweckt und als er sich aufrichtete,
sah er einen großen Esel vor sich, der ganz
munter seine Stimme erschallen ließ. Der Knecht war
so erschrocken, daß er kein Wort sprechen konnte und
er glaubte, der Esel würde ihn jeden Augenblick verschlingen.
Doch der langohrige Fremde bekümmerte
sich nicht weiter um ihn, denn er hatte dem Anscheine
nach viel wichtigere Geschäfte zu besorgen.
Zuerst blies er das Feuer wieder an und dann stellte
er mit seinen Vorderfüßen einen Kessel voll Wasser
darauf und währenddem dasselbe warm ward, stellte
er alle Teller und Schüsseln auf den Küchentisch zusammen.
Auch sah er sich etwas aufmerksamer in der
Küche um und beschnüffelte den ängstlichen Knecht
von allen Seiten, ohne ihm jedoch das geringste Leid
zuzufügen. Als das Wasser anfing zu kochen, y-ate er
vor Freude so laut, daß die Fensterscheiben am ganzen
Hause klirrten, und dann wusch er alle Tisch- und
Küchengeräthe so sauber, wie es die beste Magd im
vornehmsten Gasthofe zu Dublin nicht schöner fertig
gebracht hätte. Dann stellte er Alles wieder an die geeigneten
Plätze, machte das Feuer aus und ging seiner
Wege.
Jetzt athmete der Knecht wieder frei auf und
schlich sich in sein altes Schlafgemach. Am nächsten
Morgen erzählte er sein Erlebniß und die Dienstboten
hatten nun für den ganzen Tag Stoff zur Unterhaltung.
»Köstlich,« sagte eine Magd, »wenn der Esel das
Geschirr aufwäscht, so brauchen wir es ja nicht mehr
zu thun und können also eine halbe Stunde eher schlafen
gehen!«
»Das ist das gescheidteste Wort, das du in deinem
Leben gesprochen hast,« erwiderte eine Andere, und
daß sie seit dieser Zeit dem Esel alle Küchenarbeiten
überließen, verstand sich von selber. Am Morgen war
die Küche jedesmal so rein gescheuert und alle Schüsseln
und Teller waren so blank, daß ein König daraus
hätte essen können. Den faulen Mägden gefiel dies
natürlich über alle Maßen und sie hätten gerne noch
mehrere solcher Esel im Hause gesehen, welche die
anderen Arbeiten verrichtet hätten.
Nun war unter den Knechten einer, der hatte Courage
und blieb eines Abends in der Küche sitzen und
wartete auf den Esel. Als derselbe gekommen war und
eben seine gewohnte Arbeit beginnen wollte, fragte
ihn der Knecht: »Dürfte ich vielleicht wissen, wer du
eigentlich bist und weshalb du deine Nachtruhe den
Mägden opferst?«
»Das will ich dir sagen,« erwiderte der Esel; »ich
war früher ein Knecht in diesem Hause und zwar der
allerfaulste, den die Sonne jemals beschien. Als ich
gestorben war, wurde mir die Strafe auferlegt, jede
Nacht dies Haus zu besuchen und Alles, was in der
Küche ist, zu reinigen.«
»Können wir vielleicht etwas für dich thun?«
»O ja, wenn ihr wollt; es ist manchmal sehr empfindlich
kalt und wenn ihr mir einen warmen Rock
machen ließet, so würdet ich euch sehr dankbar sein.«
»Den sollst du mit dem größten Vergnügen
haben.« Nach einigen Tagen wurde dem Esel ein
warmgefütterter Rock mit vier Aermeln für die Beine
geschenkt und als er ihn angezogen hatte, sprach er:
»Der paßt mir wie angemessen und ich bin euch sehr
verbunden. Ich empfehle mich!«
Darauf gieng er fort und eine Magd rief ihm nach:
»Du gehst heut Abend viel zu frühe fort; denn du hast
ja deine Arbeit noch nicht gethan!«
»Jetzt ist wieder an euch die Reihe,« erwiderte er,
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