Der Koch, der dem Grog fleißig zugesprochen, übrigens eine sehr bedeutende Quantität davon vertragen konnte, hatte indeß den aufmerksam und vergnügt lauschenden Passagieren die Sage vom Klabautermann ausführlich erzählen müssen. Es war ein kleiner gemüthlicher Geist, ein Ueberbleibsel noch der alten Heinzel- oder Wichtelmännchen, der im Innern des Schiffes, aber immer nur einzeln und einsam, sein Quartier aufgeschlagen und die weitesten Reisen mit dem einmal erwählten Fahrzeug machte. Bei gutem Wetter ließ er sich dabei weder hören noch sehen, und kam nicht vor; wenn aber dem Schiff Gefahr drohte, rief er aus den Masten herunter den Leuten zu, zu reefen, oder warnte sie auch wohl vor drohenden Klippen und Bänken, und nur wenn das Schiff rettungslos verloren war, nahm er sein kleines Matrosenkistchen, das er, wie jeder andere Seemann, bei sich führte, unter den Arm und zeigte sich gewöhnlich noch einmal, ehe er ging, denen an Bord, die er während seiner Anwesenheit am liebsten gehabt. Nachher war er fort, und was aus ihm wurde, konnte Niemand sagen.
Heut Abend aber war er fortgegangen. Er, der Koch, der ihm immer die gebührende Ehrfurcht erwiesen, und dem er deshalb auch gut geblieben war, hatte ihn mit eigenen Augen gesehen, und wenn Einer von ihnen wieder das Land sehe - meinte der Mann mit leiser, unheimlich flüsternder Stimme - sei es ein Wunder des Himmels.
Die Passagiere, die den Koch dicht umdrängten, hatten im Anfang über das „Märchen" gelacht und ihren Spaß damit gehabt; als der Mann aber so gar ernsthaft dabei blieb und das überdies finstere und faltige Gesicht noch weit mehr zusammenzog und die Kunde, die auch sie so nahe betraf, so geheimnißvoll flüsterte, daß man ihm wohl ansehen konnte, wie er selber jede Silbe glaube, wurden doch auch Manche der vorher noch ganz Beherzten und Ungläubigen stiller — das Lachen verstummte, und die noch immer unheimlich durch die Nacht tönenden Schläge der Schiffsglocke über ihren Häuptern mahnten sie dabei, daß allerdings nicht Alles an Bord sei, wie es eigentlich sein solle.
„Aber es giebt doch keine Geister," sagte endlich der Instrumentenmacher, der das ihm fatale Grausen zuerst abzuschütteln suchte mit einem allgemeinen Beweisgrund gegen jede derartige Erzählung.
„So? - giebt es nicht?" erwiderte ihm der Koch, ohne von seinem Becher aufzuschauen - „und mich haben sie wohl nicht einmal an der Weser drüben zehn Meilen in's Land hinein gesetzt, ohne daß ich wußte wie?"
„Zehn Meilen in's Land?" rief der Schneider erstaunt.
„Zehn Meilen in's Land," bestätigte der Seemann, den Becher jetzt bis auf den letzten Tropfen leerend und wieder zum Füllen gegen Heidelberger vorstreckend, „und die Geschichte war merkwürdig genug. Wir lagen mit dem Robert Fulton, einem andern deutschen Schiff, auf dem ich damals meine erste Reise als Koch machen sollte, unter Bremerhafen vor Anker und warteten auf den letzten Lichter, der mit Fracht von Bremen herunter kommen mußte. Abends nach dem Essen schickte mich der Capitain mit dem Kajütsjungen und zwei Leuten an Land, um in dem nächsten Dorf eine Partie Eier und Hühner und andere Sachen für die Kajüts /82/Passagiere und den Capitainstisch einzukaufen. Der Eine von den Leuten, die ich mithatte, war aber ein alter Matrose, der damals schon seine sechzig Jahre auf dem Rücken haben mochte und die ganze Zeit, von Kindheit auf, zur See zugebracht hatte, und der behauptete, daß ihm an dem nämlichen Abend der schwarze Mann an Bord erschienen sei."
„Der schwarze Mann?" rief der Lohgerber, der mit offenem Munde der Erzählung lauschte.
„Ja, der schwarze Mann," bestätigte der Koch, „auch so ein Wesen, das sich nur sehen läßt, wenn es mit Einem von uns zu Ende geht, und der alte Bursche, sonst immer einer der Flinksten und Muntersten von Allen, ließ den Kopf hängen und sprach kein Wort. Wir anderen jungen Burschen lachten ihn jetzt aus, neckten ihn, daß er einen Schluck zu viel genommen und den Pumpstock für den schwarzen Mann angesehen habe, und ich - ein junger Kehrdichannichts, der ich damals war - trieb es am tollsten, ja behauptete zuletzt sogar, es gäbe gar keine Geister, weder schwarze noch Klabautermänner, und rief, wenn wirklich welche da wären, sollten sie sich mir auch einmal zeigen, und dann wollte ich an sie glauben. Der Alte bat mich nun zwar, ich möchte still sein; wenn ich älter würde, erfuhr' ich das Alles überdies noch zeitig genug; mit ein paar Gläsern Grog im Kopf machte ich mir aber aus der ganzen Sache nichts und trieb es toller als vorher. Unter der Zeit war es ziemlich dunkel geworden; das Dorf lag jedoch keine fünfhundert Schritt vom Fluß ab und ein breiter Fahrweg lief von der Landung gerade daraus zu, so daß wir gar nicht irre gehen konnten. Wir machten also unser Boot fest, stiegen an's Land und fanden auch glücklich den Platz, wo wir kauften, was wir brauchten, und dann mit den Sachen den Rückweg antraten.
„Ziemlich schwer zu tragen hatten wir übrigens und gingen deshalb einzeln hintereinander her auf der Straße, ich hintennach, weil ich auf das Ganze sehen mußte. Gerade halbweg zwischen dem Dorf und Fluß lag ein kleines Erlendickicht, vielleicht hundert Schritt breit, wie denn überhaupt die ganze Entfernung vom Dorf bis nach der Weser ja kaum einen Büchsenschuß betrug. Als wir nun mitten im Erlen-/83/busch drin sind, hör' ich links neben mir, vielleicht zehn Schritt vom Wege ab, den Alten fluchen und mich rufen; er wäre von der Straße abgekommen und hätte ein paar Hühner verloren. „Na, ja," sag' ich, „und in der Dunkelheit - wie sollen wir die nur wieder finden," und dann rief ich ihm zu, er möchte stehen bleiben, wo er wäre, ich wollte zu ihm kommen. Den Korb, den ich trug, behielt sich übrigens umhängen und drängte mich durch die kleinen Büsche der Stelle zu, wo ich ihn noch immer hören konnte; - auf einmal war Alles still. - „Steffen," sagte ich - keine Antwort - „Steffen, wo steckst Du denn - mach' keine Dummheiten -" keine Antwort.
„Jetzt wurde mir's unheimlich zu Muthe, und was ich heute mit dem Alten gesprochen, fiel mir wieder ein; dann dachte ich aber auch daran, daß er mich wahrscheinlich zu fürchten machen wollte, weil ich nicht an Geister geglaubt hatte, und nun fing ich an zu lachen und rief ihm zu, so dumm wär' ich nicht, daß ich mich bange machen ließe. Wenn er das Maul nicht aufthun wollte, damit ich ihn im Finstern fände, möcht' er stehen bleiben wo er wär', und arbeitete mich dann wieder rasch zurück auf die Straße - mit dem schweren Korb war's auch in den doch ziemlich dichten Büschen eben nicht angenehm zu marschiren.
„Die Anderen konnten übrigens kaum hundert Schritt vor mir sein, und da mir's doch jetzt, wie Alles so still und ruhig um mich war, ein wenig unheimlich zu Muthe wurde, schrie ich ihnen laut nach, auf mich zu warten - keine Antwort. Ich schrie noch einmal, und wie ich jetzt immer noch nichts hörte, fing ich an auszukratzen, und lief, so rasch ich mit meinem schweren Korbe nur vorwärts kommen konnte, dem Flusse zu. Es war jetzt so dunkel geworden, daß man keine Hand mehr vor den Augen sehen konnte, vor mir aber schimmerte ein Licht - wie ich glaubte aus meiner eigenen Cambüse an Bord - und ich fing jetzt wieder an ein wenig aufzuathmen und langsamer zu gehen. Sonderbar kam es mir freilich dabei vor, daß ich noch immer Büsche zur Seite hatte, und vorher war mir es doch, als ob das Ufer vollkommen von Buschwerk gewesen wäre. Ich dachte mir aber doch /84/ nichts weiter dabei und kam dem Lichte immer näher; - das Schiff war es aber nicht, und, Jungens, ich sage Euch, der Schweiß trat mir in großen Tropfen auf die Stirn, als ich plötzlich vor einem kleinen niedern Hause stand, aus dessen Fenstern ein Licht schimmerte, und von Fluß oder Schiff auch nicht die Spur zu finden war."
„Natürlich," lachte jetzt der Instrumentenmacher, „Sie hatten sich vorher in der Angst falsch herumgedreht und waren, anstatt nach dem Fluß zu, wieder nach dem Dorf zurückgelaufen."
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