Allein der Gedanke daran, ließ schon wieder dicke Tränen ihre Wangen hinunter rollen. „Mami, du weinst ja!“ Lisa stand in der Tür und sah sie mit großen Augen an. „Was ist denn los?“ Ihre Mutter blickte überrascht von ihrer Zeitung hoch und wischte sich schnell die Tränen aus dem Gesicht. „Lisa? Was machst du denn jetzt schon hier? Ich hab noch gar nicht mit dir gerechnet!“ „Was ist los?“ bestand Lisa ihrerseits auf ihrer Frage und fühlte wie sich auch ihre Augen mit Tränen füllten. „Hat Omi sich irgendetwas angetan? Ist es das? Ist Omi etwas passiert?“ Annabels Herz machte einen Satz. Wie kam Lisa nur auf diese Idee! „Nein, Mäuschen, nein!“ sagte sie gerührt. „Mit Omi ist nichts.“ Annabel stand auf und nahm Lisa sanft in ihre Arme und drückte sie. Sie hörte, wie ihre Tochter einen Seufzer der Erleichterung ausstieß und eine Weile in der Umarmung verharrte. Dann löste sie sich aus den Armen ihrer Mutter und schaute sie erneut fragend an: „Aber, wenn mit Omi alles in Ordnung ist, weshalb weinst du denn dann?“ Nun war es an Annabel, einen Seufzer auszustoßen: „Ach, Mäuschen, weißt du, manchmal ist man halt einfach traurig. Heut ist so ein Tag, an dem ich traurig bin. Das kommt hin und wieder vor. Da ist nichts Schlimmes dabei. Und es tut gut, wenn man manchmal seinen Tränen einfach freien Lauf lässt.“ Lisa zog ihre Stirn in Falten und verschränkte die Arme vor der Brust. Ärgerlich meinte sie: „Natürlich weiß ich, dass Weinen gut tut. Aber ich bin kein kleines Kind mehr, Mama! Ich weiß, dass es immer einen Grund gibt, wenn man traurig ist. Also, was ist los?“
Annabel sah ihre Tochter überrascht an. Wieso hatte sie plötzlich das Gefühl, dass die Zeit an ihr vorbeigerast war? Das war nicht mehr ihre kleine Lisa, die da vor ihr stand. Das war nicht mehr das kleine Mädchen, das völlig hilflos auf der Straße nach ihrer Hand tastete, um sie bloß nicht aus den Augen zu verlieren, oder das sich unter ihrem Rock versteckte, weil jemand, den sie nicht kannte, ihr Guten Tag sagen wollte. Ihre kleine Lisa hatte einen gewaltigen Satz nach vorne gemacht. Sie war groß geworden. Natürlich, sie war noch lange nicht erwachsen – Gott sei dank! Aber sie war auch kein Baby mehr, das hatte sie ihr eben unmissverständlich zu verstehen geben! Und trotzdem, Annabel wollte Lisa nicht unnötig mit Erwachsenenproblemen belasten. Schon gar nicht mit den Problemen ihrer eigenen Eltern! Also dachte sie nun angestrengt nach, was sie ihrer Tochter wohl am besten erzählen konnte, ohne sie anlügen zu müssen...
Lisa sah, wie ihre Mutter zögerte. Sie spürte ihren Blick auf sich und beschloss, erst gar nicht abzuwarten, sondern von sich aus das heiße Thema anzusprechen: „Du und Papi streitet euch immer öfter, stimmt’s?“ Annabel zuckte kurz zusammen. Dann traten ihr gleich wieder die Tränen in die Augen. „Ach Mäuschen.“ flüsterte sie. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Lisa strich zärtlich eine Träne von der Wange ihrer Mutter. „Vielleicht solltet ihr einfach mal wieder zu zweit wegfahren.“ sagte sie dann. „Nur du und Papi.“ „Wann denn?“ „Nächste Woche während der Schulferien, zum Beispiel. Papi nimmt doch immer eine Woche frei in der Zeit.“ „Ja, aber damit wir drei diese Woche zusammen verbringen können.“ Lisa strahlte ihre Mutter zufrieden an: „Aber ich hatte dieses Mal sowieso vor, zu Omi zu fahren... Alleine!“ Lisa wurde mit einem Mal bewusst, dass sie ja noch gar nicht darüber gesprochen hatten. Eigentlich hatte sie das Thema viel behutsamer anschneiden wollen. Sie sah ihre Mutter unsicher an und fügte fast betreten hinzu: „Ich meine, natürlich nur, wenn Omi das auch will und ihr es mir erlaubt...“
Annabel sah ihre Tochter zum zweiten Mal erstaunt an: „Du willst alleine zu Omi und das eine ganze Woche lang?“ „Ja, natürlich, wieso denn nicht?“ „Na ja, weil wir doch gerade gestern erst gemeinsam festgestellt haben, dass Omi überhaupt nicht offen für Besuche und Aufmunterungen ist, und weil es deshalb sicherlich nicht einfach wird, sie davon zu überzeugen, dass du gleich eine ganze Woche bei ihr bleibst.“ Lisa zögerte einen Moment. Dann gab sie kleinlaut zu: „Ich hab sie schon gefragt.“ „Du hast sie schon gefragt? Ja, wann denn, um Himmels willen?“ „Heute Morgen vor der Schule habe ich schnell angerufen, als du im Bad warst. Aber ich konnte ihre Antwort nicht abwarten, weil du schneller wieder raus kamst, als ich dachte. Also habe ich ihr gesagt, dass sie dich anrufen und mit dir darüber soll...“ „Meine Güte, Lisa! Wieso hast du nicht zuerst mit mir gesprochen!“ fuhr Annabel wütend hoch. Ihre Tochter ließ daraufhin traurig den Kopf hängen. Eigentlich konnte Annabel ihr gar nicht böse sein. Im Gegenteil. Lisas Idee war vielleicht gar nicht so schlecht. Für alle Beteiligten, auch wenn Annabel die Ferien mit ihrer Tochter immer genoss. Und sie wollte, dass ihre Tochter das auch wusste: „Komm her zu mir.“ sagte sie sanft und zog Lisa in ihre Arme. „Du weißt, dass mir unsere Ferien zu dritt immer sehr wichtig sind!“ „Ich weiß, aber...“ „Nein, nein, lass mich zuerst ausreden. Ich finde deine Idee nämlich wirklich sehr gut. Für Omi, für Papa und für mich...“ Annabel lächelte ihre Tochter an und Lisas Gesicht fing an zu strahlen. „Aber ich möchte wirklich nicht, dass du deine ganzen Ferien nur zum „Gute Samariterin-Spielen“ opferst!“ Annabel sah ihre Tochter bei diesen Worten ernst an. „Ich möchte, dass du selbst auch was davon hast. Ich möchte, dass du die Zeit auch für dich nutzt. Verstehst du, was ich meine?“ Lisa nickte und schmiegte sich noch enger an ihre Mutter, weil sie plötzlich ein unheimlich wohliges Gefühl von gegenseitigem Verständnis und Zärtlichkeit durchflutete. „Natürlich verstehe ich das, Mama. Aber du weißt doch, wie gerne ich immer bei Omi und Opa war. Jedes Mal! Seitdem Opa tot ist, habe ich Omi erst zwei Mal gesehen: bei der Beerdigung und an Weihnachten. Vorher waren wir fast jeden Monat dort! Sie fehlen mir. Beide! Ich weiß, dass ich Opa nicht zurückholen kann, aber ich will Omi nicht auch noch verlieren. Ich will, dass sie wieder so wird wie vorher. Als Opa noch da war. Ich will, dass sie wieder lacht. Wenigstens ab und zu...“ Während Lisa redete, liefen ihr, ohne dass sie es wollte, ein paar Tränen über die Wange. Sie bemühte sich, tapfer zu sein, aber sie konnte einfach nichts dagegen tun. Als sie sich zu ihrer Mutter umdrehte, sah sie, dass auch die verstohlen ein paar Tränen wegwischte.
Annabel stellte fest, dass sie das erste Mal seit der Beerdigung ihres Vaters den Schmerz, den ihr dieser Verlust immer noch verursachte, bewusst zuließ. Und das tat gut, noch dazu, da sie nicht alleine damit war. Sie konnte ihn teilen. Teilen mit ihrer Tochter, die sie fest in ihren Armen hielt. „Lisa, Mäuschen.“ sagte sie schließlich, nachdem sie sich beide eine Weile ohne Worte ausgeweint hatten. „Ich bin so froh, dass ich dich habe. Gleich nachher rufen wir Omi noch mal an und fragen, ob sie einverstanden ist, ok?“ Lisa nickte eifrig. „Und wenn ja, dann gehen wir gleich danach zusammen ins Internet und du hilfst mir, eine nette, kleine Reise für Papa und mich auszusuchen. Möchtest du das?“ „Au ja, Mami! Aber du darfst Papi nichts davon sagen! Bis ganz zum Schluss, ok? Und dann überraschst du ihn, ja?“ Annabel ließ sich vom Begeisterungsstrom ihrer Tochter anstecken. „Ja, mein Schatz! Genauso machen wir das!“ .
7
Sie hatte den ganzen Tag gegrübelt und erneut alle Vor- und Nachteile eines Besuchs ihrer Enkelin gegeneinander abgewägt. Eine ganze Woche. Das war verdammt lang, um sich am Riemen zu reißen. Würde sie es wirklich schaffen, ohne vor ihrer Enkelin in Tränen auszubrechen? Würde sie es schaffen, positiv und fröhlich zu sein? All ihren Kummer, den der Tod ihres Mannes in ihr ausgelöst hatte, für eine Woche einfach ad acta legen?
Читать дальше