Entscheidend ist die Art und Weise, wie Sie auf Herausforderungen reagieren. In jeder Stress-Situation treffen Anforderungen von außen (Chef, Kunden, Familie, Kinder etc.) auf sogenannte innere Antreiber. Es spielen somit immer zwei Faktoren in einer Situation zusammen: ein Problem bzw. eine Aufgabe und die subjektive Verarbeitung.
Erst Ihre Wahrnehmung und Interpretation des Geschehens und Ihre Reaktion in dieser Situation machen den Stress aus. In der Sprache des Computerzeitalters formuliert: Bei jedem Menschen läuft ein ganz spezielles eigenes Betriebssystem. Auch wenn der Arbeitsplatz oder die Beziehung wechseln, läuft in der Regel das Basisprogramm weiter - bei manchen Menschen bis zum Burnout.
Dabei wirken insbesondere innere Antreiber mit. Im Hintergrund laufen meist un(ter)bewusste Prägungen und Überzeugungen. In der frühen Kindheit werden wir für ein bestimmtes (meist braves und angepasstes) Verhalten belohnt. Immer wieder hören wir bestimmte Sätze und so entstehen Konditionierungen. Diese Programmierungen laufen in der Regel so lange bis wir uns bewusst dafür entscheiden, unser Verhalten zu verändern.
Die Formen der Selbstbeteiligung zu erkennen, ist Ziel der folgenden Kapiteln. Nur wenn Sie wirklich ehrlich zu sich selbst sind, werden Sie auch Neues über sich selbst erfahren. Dafür braucht es die Bereitschaft, sich auch mit unschönen Seiten der eigenen Persönlichkeit zu befassen. Manchmal fällt es schwer, selbsterschaffene Zwänge als solche zu erkennen und anderen Personen keine Schuld zuzuweisen.
Darüber hinaus können Sie wirksame Ansatzpunkte finden, um Ihre Muster der Selbstverausgabung zu durchbrechen. Diese Denk- und Verhaltensweisen wurden gelernt und sind somit veränderbar. Nur allzu oft beruhen sie auf Vorstellungen von Perfektionismus, Angst vor Fehlern oder dem Wunsch nach Anerkennung für Leistung.
Entscheidend dabei ist, sich selbst zu beobachten und auf sich selbst zu hören statt fertige Konzepte von anderen zu übernehmen. Der Ansatz des selbst-entdeckenden Lernens geht davon aus, dass Menschen selbst am besten wissen, was sie brauchen und was sie unterstützt. Auch wenn es zu Beginn für Sie noch nicht klar ist: Vertrauen Sie darauf, dass Sie mit den Instrumenten und Übungen herausfinden werden, was Sie antreibt und wie Sie zukünftig besser mit Herausforderungen umgehen.
Die Methoden beruhen auf dem Prinzip der Achtsamkeit. Mit Fragen und Übungen wird Ihre Aufmerksamkeit auf persönliche Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster, auf eingeschliffenes Verhalten und dahinter liegende Glaubenssätze gelenkt. Aufmerksamkeit funktioniert wie ein Scheinwerfer: Im Licht des Beobachtens werden Dinge erst wirklich klar erkennbar. Denn oft laufen einfach Automatismen ab, ohne dass wir es merken. Man schätzt, dass ca. 90 bis 95 % unseres Denkens, Verhaltens und Reagierens unbewusst oder unterbewusst geschieht.
Ich lade Sie ein, sich auf die Fragen tatsächlich einzulassen und sich unerschrocken selbst zu erforschen. Es gibt ohnehin keine richtigen oder falschen Antworten. Manchmal braucht man jedoch Zeit, um von vorgefertigten Meinungen oder oberflächlichen Antworten zu ursächlichen Einstellungen vorzudringen. Wer im Stress ist, hat Schwierigkeiten auf sein Befinden zu achten und in Kontakt zu seinen Bedürfnissen zu bleiben. Wenn man unter Druck gerät, entwickelt man oft den berüchtigten „Tunnelblick“ - eine verengte Wahrnehmung.
SCHLÜSSELFAKTOREN BEI STRESS
Um Sie für die kommenden Übungen zu sensibilisieren, stelle ich Ihnen vorab einige Hauptfaktoren für Stress vor. Manche werden Ihnen bekannt vorkommen.
Mit inneren Antreibern sind Lebensregeln und Verhaltensmaximen gemeint, die wir uns im Laufe des Lebens zu eigen gemacht haben. Der Begriff „Antreiber“ deutet bereits an, dass diese Gebote sehr mächtig sein können. Sie fordern ein nahezu zwanghaftes Befolgen. Untersuchungen zum Thema Stress zeigen übereinstimmend bestimmte, immer wiederkehrende Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster:
Perfektionismus:
Ich bin nur etwas wert, wenn ich 100 % perfekt bin.
Leistungsdruck:
Wenn ich mich nur richtig anstrenge, schaffe ich es.
Harmoniestreben:
Ich muss es allen recht machen.
Ohnmachtsgefühle:
Ich bin meinem Schicksal ausgeliefert.
Erlernte Hilflosigkeit:
Da kann man nichts machen.
Abhängigkeit:
Ich darf nicht nein sagen.
Großes Bedürfnis nach Anerkennung:
Es ist wichtig, was andere über mich denken.
Stressgefährdete können oder wollen Ansprüche an sich selbst meist nicht herunterfahren. Sie treiben sich selbst immer weiter an und missachten ihre Belastbarkeitsgrenzen. Hinter den Anstrengungen stecken ein mangelndes Selbstwertgefühl, Ängste und Selbstzweifel. Vor allem uneingestandene und verdrängte Gefühle tragen zu Stress und Burnout wesentlich bei.
Selbstwertgefühl als zentraler Faktor
Bei Stress und Überlastung gilt: Je niedriger der Selbstwert, desto höher die Neigung sich besonders zu verausgaben und anzustrengen. Menschen versuchen über den Umweg von Leistung und Arbeitseinsatz Wertschätzung und Anerkennung von anderen Personen (Vorgesetzten) zu bekommen.
Welche der folgenden Gedanken kommen Ihnen bekannt vor?
Meine Bedürfnisse sind nicht wichtig.
Ich darf die anderen nicht enttäuschen.
Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste.
Andere Menschen sind wichtiger als ich.
Auch irrtümliche Annahmen können zu einer Fehlinterpretation der Situation führen und letztendlich Stress auslösen. Zu den häufigsten Denkfehlern zählen:
Willkürliche Schlussfolgerung – etwas für wahr halten, obwohl man keinen Beweis hat.
Selektive Verallgemeinerung – aus einem (meist negativen) Vorfall wird eine generelle Regel abgeleitet, die für alle Situationen gelten soll.
Übergeneralisierung – aus einer negativen Bemerkung wird eine totale Ablehnung durch andere gemacht.
Maximieren und Minimieren – negative Erlebnisse werden übertrieben, positive Erlebnisse werden untertrieben.
Personalisierungen – äußere Ereignisse werden auf die eigene Person bezogen, obwohl sie nichts damit zu tun haben.
s/w-Denken – es gibt nur Gewinner oder Verlierer.
SELBSTENTDECKENDES LERNEN
Bücher zum Thema Stress und Burnout stehen seit langem auf den Bestsellerlisten. Doch in Seminaren und Gesprächen musste ich immer wieder feststellen, dass Menschen durch das Lesen schlauer Bücher eigene Probleme nicht lösen konnten. Das Wissen blieb ungenutzt und wurde nicht umgesetzt.
In dem vorliegenden Buch wird ein umgekehrter Weg eingeschlagen: Zuallererst werden die Leser aufgefordert, Ihr eigenes Denken und Verhalten zu erforschen. Erkennen Sie, was in bestimmten Situationen tatsächlich in Ihrem Kopf und in Ihrem Handeln abläuft! Auf diesen persönlichen Einsichten bauen dann weitere Überlegungen und Übungen auf.
Jedes Kapitel widmet sich einem speziellen Aspekt des Themas Stress. Die Fragen wurden so ausgewählt, dass Sie möglichst einfach und gezielt zu Schlüsselerkenntnisse gelangen können. Dann erhalten Sie in kurzen thematischen Inputs zusätzliches Know-how und komprimiertes Wissen vermittelt.
Wie Sie Ihre Antworten auswerten, erfahren Sie im jeweiligen Kapitel unter der Überschrift Reflexion. Verhaltensmuster und Denkweisen werden hier in einen größeren, allgemeineren Zusammenhang gebracht und interpretierbar gemacht.
Um die Übungen durchzuführen brauchen Sie nur Zeit, die Bereitschaft zur Selbstbeobachtung und -reflexion sowie Achtsamkeit.
Читать дальше