Mit aller Kraft warf ich den adligen Umhang in ein Gebüsch, gleichzeitig ließ Raven das dritte Pferd los. Dieses lief aufgeschreckt in eine andere Richtung davon. Urplötzlich bemerkte ich den Gürtel. Der Gürtel meiner Mutter war mit ins Gebüsch gefallen. Verloren! Verdammt! Allerdings darüber konnte ich augenblicklich keinesfalls nachdenken.
Wir trieben unsere Pferde immer tiefer in den Wald hinein und glaubten uns gänzlicher in Sicherheit. Jedoch der Schein trügt, auf einmal sahen wir sie. Die Wachen! Unsere Verfolger hatten sich anscheinend zusammengeschlossen sowie gefährlich an Nähe gewonnen.
„Lucia! Ganz egal was jetzig auch geschehen wird versprich mir, dass du unter allen Umständen weiterreitest! Du darfst auf keinen Fall stehenbleiben, ansonsten wart alles umsonst! … Versprich es mir! - Verstecke dich im Wald! Nach einer Weile gehst du, wie besprochen zu der Ortschaft Ironby. Ebendort wird meine Tante Martha auf dich warten. Sie ist die hiesige Dorfschneiderin. Du kannst ihr gänzlich vertrauen.“ Verwirrt schaute ich Raven an, allerdings verstand ich nicht das Geringste. Was wollte er mir damit mitteilen? Jedoch im selbigen Moment erstarrte ich innerlich. Nein!
Raven gab seinem Pferd die Sporen, sodass er eine andere Richtung einschlug. Bei der nächsten Wegkreuzung war er bereits aus meiner Sichtweise verschwunden. Ich war allein! Dennoch kamen unsere Verfolger bedrohlich näher, zugleich machte sich urplötzlich Panik in mir breit. Was wenn sie mich gefangen nehmen würden? Gundsrad wäre außer sich vor Zorn!
Sogleich trieb ich mein Pferd noch schneller an. Augenblicklich presste ich mich fester an dessen Hals und hoffte inständig, dass ich ein sicheres Versteck im Wald finden würde.
„Dort! … Dort drüben ist einer von ihnen! Lasst ihn auf keinen Fall entkommen! Ihr folgt diesem, wir dem anderen!“ Aus einiger Entfernung vernahm ich Kampfgeschrei. Raven! Urplötzlich schossen etliche Pfeile durch die Luft. Ich versuchte mich noch kleiner zu machen, ängstlich klammerte ich mich an das Pferd. Bedrohlich sausten die Pfeile über mich hinweg, alsdann ich erleichtert eine kleine Lichtung wahrnahm. Da geschah es…
Ein schmerzerfüllter Schrei entfuhr mir. Dieser Schmerz! Ein Pfeil hatte mich anscheinend an der linken Schulter getroffen. Schmerz… ein unerträglicher Schmerz! Dieser raubte mir beinahe die Sinne. Stoßweise ging mein Atem, Schweißtropfen bildeten sich auf meiner Stirn, gleichzeitig brannte mein linker Arm wie Feuer. Ich versuchte mein Pferd in eine Baumgruppe zu lenken, jedoch konnte ich mich keinesfalls mehr an der Mähne festhalten. So schlug ich mit voller Wucht auf den harten Waldboden. Augenblicklich entwich mir die Luft aus der Brust.
Schmerzerfüllt hielt ich mir den linken Arm und rang nachhaltig nach Atemluft. Benommen schaute ich mich um, hierselbst konnte ich keinesfalls bleiben. Meine Verfolger waren gewiss gänzlich in der Nähe. Ich biss die Zähne zusammen und kroch, auf allen Vieren, in ein naheliegendes Gebüsch. Sogleich vernahm ich sie! Die Wachen! Die Reiter!
Augenblicklich hörte ich ihre Pferde… ihre Stimmen. Sie waren ganz in der Nähe und suchten anscheinend weiterhin nach mir. Panisch versuchte ich mich unter den Farnen zu verstecken. Zugleich drückte ich mich augenblicklich noch tiefer in die feuchte Erde und wartete. Sollte dies wahrlich mein Schicksal sein, dass ich in einem Wald endete?!
„An dieser Stelle ist wahrhaftig niemand! Möglicherweise ward er woanders abgesprungen!“ Rief einer der Verfolger jemanden anderem zu. „Sodann sucht ihn eben an einer anderen Stelle. Wir müssen ihn aufstöbern oder wollt ihr wahrhaftig die Peitsche von Sir Gundsrad spüren?! Ich für meinen Teil will lieber die Silberlinge, anstatt etlicher Peitschenhiebe“, schrie der Anführer sie äußerst energisch an.
„Sodann sucht ihn!“
Bitte! Bitte lasst sie mich keinesfalls finden … dachte ich flehend bei mir. Unwillkürlich schloss ich die Augen. Legte meinen rechten Arm über den Mund und versuchte, trotz der erheblichen Schmerzen, leise zu atmen. Dies war mir indessen schier unmöglich, da der Schmerz bei Weitem unerträglich wurde.
Eine Weile verging. Stille breitete sich aus. Keinen einzigen Laut vernahmen meine Ohren, sodass ich langsam jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Die Tiere des Waldes begannen wiederum zu summen oder an zu zwitschern. Folglich war keinerlei Gefahr mehr in ihrer Umgebung. Gerade wollte ich aus meinem Versteck kriechen, alsdann eine raue Hand mir meinen Mund fest verschloss. Egal wer dies auch war, mein Blut gefror augenblicklich zu Eis, zugleich riss ich die Augen weit auf.
***
Der Unbekannte drehte meinen Kopf in nördliche Richtung und da bemerkte ich sie . Meine Verfolger! Sie lauerten auf der anderen Seite der Lichtung. Es waren zwei mit Schwertern sowie Armbrüsten bewaffnete Männer, die lediglich dortig auf mich warteten.
Mir wurde ganz flau im Magen, gleichzeitig hörte ich eine leise tiefe flüsternde Stimme: „Ich lasse dich sogleich los. Wir müssen auf der Stelle von hier fort, bevor die anderen Verfolger wiederum zurückkehren.“
Mein Blick fiel auf schwarze, dunkle Augen. Anscheinend gehörte er keinesfalls zu den Verfolgern. Er hatte schwarze, kurze, lockige Haare und ward kräftig gebaut, allerdings keinesfalls fettleibig. Seine Haut war ein wenig dunkler als die meine, beinahe dunkelbraun. Im Gesicht hatte er einen Oberlippenbart, außerdem hatte er vom rechten bis zum linken Ohr wiederum einen Streifen mit Barthaaren. Unterhalb der Unterlippe und seinem Kinn hatte er ebenfalls einen kleinen Streifen mit dunklen Barthaaren. Kurz und gut wer dies auch immerfort sein mochte, er sah äußerst vortrefflich aus. Weshalb hatte ich solch ein absurden Gedanken?
Seine Hand gab meinen Mund frei, gleichzeitig zeigte er in eine Richtung des Waldes. Langsam kroch ich rückwärts tiefer in den Wald hinein, fort von der bedrohenden Gefahr. Irgendwann erblickte ich die Lichtung keinesfalls mehr und der Fremde blieb stehen. Er reichte mir seine Hand, worauf ich ein wenig zögerte. Allerdings ergriff ich diese dennoch, daraufhin zog er mich mit einem kräftigen Ruck auf die Beine.
Jetzt konnte ich sein Wams, sein hiesiges Gewand, erblicken. Er war gänzlich in schwarzem Leder gekleidet. Sein Oberteil war mit Nieten sowie Schnallen verziert. An seinen Handgelenken hatte er zusätzlich braune Lederbänder, wie ich sie von Schwertkämpfern kannte. Seine Beine steckten in enganliegenden schwarzen Beinkleidern, die mit Schnüren an den Seiten verziert waren. Die Füße steckten in engen halbhohen braunen Stiefeln, die ebenfalls auch an den Seiten geschnürt wurden. Auf dem Rücken blitzten zwei Griffe von Dolchen oder Kurzschwertern hervor und am Knöchel erkannte ich noch ein kleineres Messer. Kurz und gut er war ein Krieger, dies war mehr als offensichtlich.
Durch den kräftigen Ruck verspürte ich wiederum den Pfeil in der Schulter und mir entfuhr ein schmerzverzerrtes Stöhnen. Nachdenklich schaute er mich an, drehte mich um und blickte unverzüglich auf den Pfeil in der Schulter. „Mein Freund, der Pfeil muss augenblicklich herausgenommen werden. Dies auf dem schnellsten Weg.“
Anscheinend suchte er irgendwas auf dem Waldboden. Plötzlich bückte er sich, worauf er ein Holzstück vom Boden aufhob. „Höre zu. Du beißt gleich auf dieses Holzstück. Ich werde dir gleichzeitig den Pfeil herausziehen. Sodann werde ich dir Kräuter auf deine Wunde legen. Dies wird dir erstmals helfen bis wir das Lager erreicht haben. Dortig kannst du dich sodann ausruhen. - Mein Name ist Samuel, jedoch nennt man mich ebenfalls Samu. - Nun gut, bist du bereit?“ Fragte er mich mit ernstem Blick, gleichzeitig hielt er mir das Stück Holz entgegen.
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