„Was gab denn den Ausschlag, deine folgenschwere Entscheidung für mich zu fällen?“, wollte er wissen.
Sie drängte dicht an seine Seite und konterte: „Wer sagt dir denn, dass ich mich überhaupt schon für dich entschieden habe?“
Ihre Hand strich über seinen nackten Rücken. Das fühlte sich trotz ihrer kalten Finger angenehm an. Er sagte: „Du hast kalte Hände.“
„Ja“, bestätigte sie, „und die Füße sind noch viel, viel kälter. Ich friere. Und du musst meine Finger wärmen.“
Ihre Hand fuhr vom Rücken unter die kurze Hose. Sie lachte: „Da ist nicht viel dran. Aber schön warm ist es hier.“
Er dachte: Man müsste das jetzt festhalten können, für immer, für ewig, nicht bloß als Erinnerung, mehr so als wieder abrufbares erneutes Erleben. – Sie riecht so gut. Wie würde ich sie und ihre Stimme vermissen, wenn wir mal getrennt sein sollten. – Aber sie friert leicht, besonders an den Füßen. Sie wird sich hier draußen noch erkälten.
Er sagte: „Deine Hand ist wirklich kalt, eiskalt.“
Jemand versuchte sich auf einer Geige. Schräg quietschend lagen die Misstöne in der Luft und wollten nicht so recht zum späten Abend passen. Zwei Kater hatten sich seit geraumer Zeit stumm und bewegungslos drunten auf dem Parkdeck gegenübergesessen. Aus heiterem Himmel schrien und schlugen sie sich plötzlich.
„Einer von den beiden hat ganz offensichtlich die Nerven verloren“, kommentierte er das Geschehen.
Dicht an seinem Ohr hörte er sie deutlich atmen, als sie ihn mit gedämpfter Stimme aufforderte: „Komm, wir spielen Verstecken unter der Bettdecke. Ich erfriere hier ja sonst noch.“
„Nein, erfrieren darfst du mir nicht“, antwortete er.
Und beim Versteckspielen unter der Bettdecke vergaß er ganz und gar, dass er ihr doch an diesem späten Abend einen Antrag machen wollte.
Wenn einst die Nachwelt Lust verspürt, ihn aufarbeiten zu wollen, beginnen die problematischen Recherchen schon mit seiner Geburt. Man wird sein Geburtshaus nicht mehr ausfindig machen können, denn er kam in einer Nissenhütte zur Welt. Draußen vor der Stadt, wo sich heute das großflächige Gewerbegebiet erstreckt, hatte man diese Wellblechunterkünfte für die ausgebombten Bewohner, deutsche Flüchtlinge und Heimatvertriebene errichtet. Das ist aber schon ein ganzes langes Leben her.
Dass er seine eigene Geburt überhaupt überlebte, verdankte er der Hebamme Leopolda, einer stillen, zierlichen Oberschlesierin, die später den Lottohauptgewinn kassierte und auf Nimmerwiedersehen verschwand. Die Nabelschnur drohte ihn zu erwürgen. Leopolda gelang es, dies ohne ärztliche Hilfe zu verhindern. Und nachdem sie ihn minutenlang bearbeitet hatte, brach aus dem ins Leben Geretteten der Weltschmerz heraus. Er schrie ausdauernd und fiel anschließend erschöpft in einen ersten Schlaf.
„Von Anfang an ging es sofort mit der Scheiße los“, wird er nicht müde, seine eigene Geburtsstunde zu kommentieren.
Tatsächlich tat er sich schwer, fasste nur mühsam Fuß und es ging ihm nichts von der Hand. So steht er bis heute immer im Abseits, am Rand, allein, kontaktlos. Er ist ein verschlossener Eigenbrötler, der in seinem eigenen, für niemanden zugänglichen Universum lebt. Gelingt es eine Bresche in seine abwehrenden Mauern zu schlagen, wird er etwas zugänglicher, aber lässt dennoch niemanden wirklich an sich heran. Dann aber übertreibt er drastisch: „Von der Scheiße, die niemals aufhört, Scheiße zu sein.“
Dörrmeier, sein Flurnachbar, sagt: „Eine Traurigkeit beherrscht ihn; er ist traurig, einfach immer nur traurig.“
Von den wenigen Leuten, denen er nicht gleichgültig zu sein scheint, raten schon mal welche, dass er seine Schwermut behandeln lassen müsse. Doch dann blockt er sofort ab und antwortet darauf nichts. Die meisten Leute nehmen ihn gar nicht wahr. Er weiß, was die Übrigen von ihm halten. Da ist die Rede von:
„Dieser selbstmitleidige Tropf ...“
„Der hat bestimmt was auf dem Kerbholz ...“
„Ein derart ausuferndes Minderwertigkeitsgefühl ...“
„Selbstverachtung äußert sich oft arrogant ...“
„Ein unheimlicher Menschenhasser ...“
„Duckmäuser markieren immer ein Stück Unnahbarkeit ...“
„Ein schweigsamer, beleidigender Ignorant ...“
„Stellt eine schwermütige Zumutung dar ...“
„Ein Schläfer, ein gefährlicher Vulkan ...“
Und so weiter, und so weiter ...
Flurnachbar Dörrmeier sagt: „Er hat den Blues, aber hat dennoch Humor. Er ist eben einfach nur traurig. Warum? Wer weiß?“
Nun ist er in Rente und geht trotzdem morgens wie bisher, die alte Aktentasche unterm Arm, aus dem Haus. Aber jetzt taucht er später als früher im Viertel wieder auf. Er steht in Hansis Zapfhahn an der Theke und trinkt wie immer wortkarg und brummig ein Bier, das er stets sofort bezahlt. Grußlos wie er gekommen ist, geht er nach Hause, wenn er ausgetrunken hat.
Samstags kauft er beim Discounter ein und am Sonntagnachmittag steht er während Heimspielen der 1. Fußballherren der Kreisliga in der Nordkurve als einziger Zuschauer. Bei Auswärtsspielen und spielfreien Tagen läuft er ziellos durch die Stadt.
Dörrmeier sagt: „Er ist ein Clown; ein guter Clown. Denn nur ein trauriger Clown, kann ein guter Clown sein.“
Das will niemand so recht akzeptieren. Doch Dörrmeier bleibt bei seiner Aussage.
Die 1. Fußballherrenmannschaft hat ein Auswärtsspiel und Studentinnen veranstalten in der Fußgängerzone eine Befragung der Passanten. Die Leute müssen drei Bilder, einen Schwarzafrikaner, einen Gorilla und Donald Trump, spontan mit einem Begriff bezeichnen. Die Studentinnen sind mit den Nennungen Gorilla und Donald Trump einverstanden, aber dass er auf einem Bild einen Neger erkannt hat, versetzt sie in unwissenschaftliche Hysterie.
Er setzt sich brüllend zur Wehr: „Rassismus? Ich, ein Rassist? Ich bin selbst mein ganzes weißes Leben lang ein weißer Nigger gewesen!“
Irgendwie passend zur Szenerie spielen Straßenmusiker einen Blues.
Niels Blumenstiels Bruder Holger, der mir seit unserer Sitznachbarschaft auf der Gegentribüne in der Volkswagenarena bekannt ist, hat schriftliche Aufzeichnungen über Lebensumstände seines Bruders Niels gemacht und mir diese mit den Worten „mach was draus“ übergeben. Jedoch Wolfsburg dient nicht als Szenerie der brüderlichen Geschichte, die auf Art und Weise eines Polizeiprotokolls mit einer alten, mechanischen Schreibmaschine einschließlich dem hakenden Buchstaben G getippt wurde, sondern sie ereignete sich überwiegend im tiefsten Süden Niedersachsens.
Außer aus der Kellerwohnung konnte man aus den nördlich ausgerichteten Hausfenstern bei guter Sicht den Brocken im Harz klar erkennen. Auch die Sprungschanze auf dem Wurmberg sah man dann deutlich. Das Grundstück, auf dem das Mehrfamilienhaus stand, gehörte dem Witwer Heinz Goldmann, der selbst in der linken Parterrewohnung wohnte und von seiner Altersrente und den Mieteinnahmen ganz komfortabel lebte. Sein glücklich und zufriedenes Idyll wäre perfekt gewesen, wenn da nicht manchmal Ärger durch einen Mieter gestört hätte.
In der anderen Haushälfte, Goldmann gegenüber, wohnte die von ihrem Mann geschiedene Frau Doktor Mona Lisa Pechstein-Schwefel, im Obergeschoss links der Küchenmeister Hubert Nagel und seine Frau Rosa und rechts von ihnen residierte der ledige Polizeihauptkommissar Fred Engel.
Die Dachgeschosswohnung wurde von der Mediengestalterin Stefanie Bogert bewohnt, die bemerkenswerterweise Wert darauf legt, als Fräulein angeredet zu werden, was ihr unter anderem auch schon einen Arbeitsplatz gekostet hatte.
„Das Fräulein assoziiere ich mit der Freiheit, die auch eine emanzipierte Frau nur in den seltensten Fällen für sich in Anspruch nehmen kann. Ich will ganz bewusst ein nicht emanzipiertes Fräulein sein, um jedermann deutlich zu machen, dass ich auch ideologisch frei bin. Ich bin Fräulein und frei!“, argumentierte sie.
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