„Im Sport!“ stöhnte Nina genervt. „Da geht es ja auch um nichts. Aber jetzt, müssen wir nach Hause. Unbedingt schnell! Nun komm endlich!“
Die Mädchen trabten also entschlossen los. Das leichte Nieseln hatte sich inzwischen zu einem kräftigen Landregen ausgewachsen. Der nasse Mantel klebte an Ninas Körper und behinderte sie bei jedem Schritt. Trotzdem war sie schneller als Susi, die lautstark hinter ihr her keuchte.
Endlich hatten sie das Ende der Friedhofsmauer erreicht, vor ihnen lag eine schnurgerade Landstraße, die Nina nur vage bekannt vorkam. Die Mädchen sahen sich an.
„Was meinst du, in welche Richtung müssen wir?“, fragte Susi mutlos und wischte sich die tropfnassen Haare aus dem Gesicht.
„Auf dieser Seite ist es heller, ich denke es geht hier nach rechts“, sagte Nina, zog ihren Mantel aus und breitete ihn erneut über den Kopf der Freundin. Inzwischen hatte sie nämlich ein entsetzlich schlechtes Gewissen. Ohne sie würde Susi jetzt in ihrem kuschligen, weichen Bett liegen und dem Morgen entgegen träumen.
Langsam setzten sie ihren Weg fort. Rennen konnten sie schon längst nicht mehr. Schritt für Schritt kämpften sie sich müde und erschöpft voran.
„Ob sie schon die Polizei gerufen haben?“, fragte Nina nach einer Weile.
„Meine Eltern bestimmt“, nickte Susi. „Hörst du das, da kommt ein Auto.“
Ein Taxi überholte die Mädchen, stoppte und setzte dann ein Stück zurück.
Ein grauhaariger Mann beugte sich aus der Fahrertür.
„Na sagt mal, wo wollt ihr denn hin, mitten in der Nacht und dann auch noch bei diesem Regen!“
Noch bevor die Mädchen antworten konnten, hatte er die Tür geöffnet und war ausgestiegen.
„Und wie seht ihr überhaupt aus? Hat euch jemand überfallen?“, fragte er besorgt.
Nina sah an sich herunter. Ihre Hose hatte einen langen Riss, an den Schuhen klebten dicke Dreckklumpen. Auch Susi sah nicht besser aus. Der Ärmel ihrer blauen Jacke hing in Fetzen herunter und die helle Hose hatte breite schmierige Schmutzflecke, die sicher vom Sturz hinter der Mauer herrührten.
„Soll ich die Polizei rufen oder möchtet ihr, dass ich euch einfach nach Hause bringe?“, fragte der freundliche Fahrer weiter.
„Bitte fahren sie uns nach Hause“, flüsterte Nina, die vor lauter Erschöpfung, Angst und schlechtem Gewissen kaum noch sprechen konnte.
„Wir haben doch gar kein Geld“, raunte Susi, die ab und zu mit ihrer Mutti Taxi fuhr und deshalb wusste, dass diese Fahrten sehr viel mehr kosteten als Bus oder Bahn zu benutzen.
„Nun steigt erst einmal ein!“, sagte der Taxifahrer, „und dann erzählt ihr mir, was passiert ist. Seid ihr einfach weggelaufen oder hat euch jemand verschleppt?“
Zögernd erzählten die beiden Mädchen von ihrem nächtlichen Ausflug auf den Friedhof. Ernst hörte der Fahrer den beiden zu, nur als Nina von ihrem kaninchenpelzbesetzten Mantel erzählte, musste er ein klein wenig lächeln. Danach griff er zu seinem Handy rief Ninas und Susis Eltern an, die halb krank vor Angst natürlich gemerkt hatten, dass ihre Kinder verschwunden waren. Sie machten sich zunächst sofort selbst auf die Suche, doch als sie vor dem verschlossenen dunklen Friedhofstor niemanden fanden, waren sie nach Hause zurückgekehrt und hatten die Polizei alarmiert.
Wie Nina von einem Geist geweckt wird und trotzdem keine Angst hat
„Geh schlafen! Wir reden morgen“, sagte ihre Mutter. Und Papa hatte sie nur angesehen, ernst und traurig. Schlimmer als jedes Schimpfen war dieser enttäuschte Blick. Und obwohl Nina todmüde war, konnte sie lange nicht einschlafen. Unruhig wälzte sie sich in ihrem Bett hin und her. Als sie schließlich doch weg dämmerte, wurde sie kurz darauf von einem seltsamen Geräusch geweckt.
Ganz deutlich hörte sie, dass sich jemand in ihrem Zimmer bewegte. Vorsichtig öffnete sie die Augen und erkannte im fahlen Licht, das durch die Ritzen der Jalousie drang, ein völlig fremdes Mädchen, das gerade dabei war, eines ihrer Kleider anzuprobieren.
„Was machst du hier?“, flüsterte Nina. Vor Schreck brachte sie nur ein heiseres Krächzen heraus.
Das Mädchen drehte sich zu ihr herum. Auch sie war erschrocken. „Schlaf weiter“, sprach sie sanft. „Ich bin nur ein Traum.“
„Von wegen Traum!“ Nina war inzwischen richtig wach und sprang aus dem Bett. „Was machst du in meinem Zimmer?“
Gerade wollte sie, die Tür öffnen, um ihre Eltern zu rufen, als etwas ganz und gar Ungewöhnliches geschah.
Das Mädchen zog sich Ninas Kleid über den Kopf und schwebte gleich darauf völlig schwerelos an die Decke.
Nina blieb der Mund offen stehen.
„Wie machst du das?“
Das Mädchen winkte ab. „Ganz einfach, ich habe dein wunderschönes Kleid ausgezogen“
„Du kannst es haben“, entgegnete Nina großzügig. „Kleider kann ich sowieso nicht leiden und das hier hat auch noch Blümchen! Furchtbar! Aber ich meine, wie kannst du schweben?“
„Wir können alle schweben“, antwortete das Mädchen, das es sich inzwischen auf dem Schrank in einer Zimmerecke bequem gemacht hatte.
Nina staunte noch immer. „Aber, wer seid ihr, alle?“
„Na, Geister, alle Geister können schweben“, leierte das Mädchen, als ob es die normalste Sache der Welt wäre.
Mit einem Satz sprang Nina ins Bett zurück und zog die Decke bis zum Kinn hinauf.
„Du bist, du bist ein Geist?“, stotterte sie. „ Aber wie kommst du hier her?“
„Du bist selbst daran Schuld“, antwortete das Geistermädchen. „Warum hast du mich auch gestört? Fast am Auge hättest du mich getroffen, mit deinem blöden Mantelgeschwenke. Was sollte das denn werden, mitten in der Nacht?“
„Ich wollte meine Warzen weg zaubern“, gab Nina kleinlaut zu.
Von der Zimmerdecke hallte ein lautes Lachen.
„Was wolltest du? Jedes Baby weiß doch, dass man nicht zaubern kann.“
„Jedes Baby weiß auch, dass es keine Geister gibt“, entgegnete Nina beleidigt. „Also kann vielleicht auch mal was falsch sein, was man weiß.“
Das Geistermädchen schwebte langsam auf Ninas Bett zu und ließ sich nieder.
„Du bist ja richtig klug für einen Menschen. Es kann manchmal wirklich etwas falsch sein, was man weiß. Ich bin übrigens Henriette.“
Das Geistermädchen streckte Nina die Hand entgegen, die jedoch ängstlich ein Stück näher an die Wand rückte. Womöglich würde sie sich auch in einen Geist verwandeln, wenn sie sich von diesem Mädchen anfassen ließ.
„Hab keine Angst, ich tu dir nichts“, lachte Henriette. „Weil du mich nun schon einmal geweckt hattest auf meinem Friedhof, war mir langweilig und ich wollte mal sehen, wie du so lebst.“
Nina schluckte, ihr war gerade etwas eingefallen.
„Wenn du wirklich ein Geist bist, bist du dann, bist du dann etwa schon gestorben?“
„Vermutlich“, nickte Henriette ungerührt.
„Aber wie, warum? Du bist doch noch ein Kind.“
„Ich weiß es nicht“, sagte das Geistermädchen einfach.
Nina wurde es immer unheimlicher. „Du weißt es nicht? Wie kannst du es nicht wissen, wenn dir so etwas Schlimmes passiert ist?“
Henriette dachte kurz nach, dann schüttelte sie den Kopf.
„Es ist eigentlich sonnenklar, dass ich mich nicht erinnere. Du bist doch ein Mensch, oder?“
„Klar, bin ich ein Mensch.“ Nina nickte.
„Dann bist du also geboren?“ Nina nickte wieder.
„Und, kannst du dich daran erinnern?“, fragte Henriette triumphierend. „War es schlimm, geboren zu werden?“
„Ich weiß es nicht“, sagte jetzt Nina. „Tatsächlich, ich bin zweifellos geboren und weiß es nicht.“
„Genauso ist es“, stimmte Henriette zu. „Man weiß es einfach nicht.“
Die beiden Mädchen lächelten sich an. Nina fürchtete sich nicht mehr. Sie streckte dem Geistermädchen die Hand entgegen.
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