Nina ließ nicht locker. „Wer liegt mir denn immer in den Ohren, dass er endlich mal was Cooles erleben möchte?“
„Nicht so laut“, flüsterte Susi. „Im Dunklen auf dem Friedhof ist nicht cool, sondern dämlich! Und außerdem darf ich nachts nicht raus. Meine Eltern würden das nie erlauben.“
„Ich dachte du bist meine Freundin“, hakte Nina nach. „Wenn es klappt, was in dem Buch steht, muss ich nie mehr mit dieser hässlichen Warze herum laufen.“
Susi seufzte ergeben. „Was steht denn da, was man tun muss?“
„Bei Vollmond soll man ein Katzenfell über einem Grab schwenken, einen Spruch aufsagen und schon am nächsten Morgen ist man alle seine Warzen los.“
„Du hast ja nur eine einzige und dazu noch eine klitzekleine! Mich stört sie auch überhaupt nicht!“, versuchte Susi noch einmal ihre Freundin umzustimmen.
„Komm doch mit“, verlegte sich Nina aufs Bitten. „ Du kannst doch einen Zettel hinlegen. Wenn deine Eltern wirklich aufwachen, bevor wir zurück sind, müssen sie sich keine Sorgen machen.“
Susi schnitt eine Grimasse, riss dann aber einen Zettel aus ihrem Heft und schrieb:
„ Macht euch keine Sorgen! Bin nur auf dem Friedhof .“
Danach zog sie sich leise an und kletterte durchs Fenster in den Garten, wo Nina schon ungeduldig auf sie wartete.
Auf dem Weg zum Friedhof liefen die beiden Mädchen stumm nebeneinander her. Erst am Tor fragte Susi:
„Hast du überhaupt ein Katzenfell?“
Nina deutete auf den Kragen ihres Mantels.
„Kaninchen! Das muss es auch tun.“
„Ach deshalb“, Susi kicherte nervös. „Ich habe mich schon gefragt, warum du mitten im Mai deinen Wintermantel angezogen hast.“
Nina drückte gegen das große schmiedeeiserne Tor, das sich aber keinen Millimeter bewegte. Natürlich war es nachts abgeschlossen.
„Siehst du, das ist zu“, sagte Susi erleichtert. „Komm, lass uns nach Hause gehen!“
Aber Nina hatte nicht vor so schnell aufzugeben.
„Quatsch“, sagte sie. „Wir steigen über die Mauer.“
Die Friedhofsmauer war aus vielen großen Steinen zusammengesetzt, so dass es nicht schwer war, die
Füße in die Fugen zu stellen und auf diese Weise hinauf zu klettern. Als sie oben angekommen waren, sahen sie sich an. Hinter der Mauer war es stockfinster.
„Und nun?“, fragte Susi.
„Los wir rutschen! Wir können ja nicht hier oben übernachten.“
Obwohl sie riesige Angst hatten, sich weh zu tun, ließen sie sich vorsichtig nach unten gleiten. Zum Glück landete Nina ganz weich auf einem Komposthaufen.
Hastig stand sie auf, klopfte ihre Hose ab und sah sich nach Susi um. Schließlich erkannte sie sie sehr undeutlich in einiger Entfernung. Sie war hingefallen und rührte sich nicht.
„Susi“, flüsterte Nina kläglich. „Lebst du noch?“
„Wo bist du denn?“, kam es leise zurück. „Ich glaube, ich habe meine Jacke zerrissen.“
„Hauptsache, du bist noch ganz“, antwortete Nina erleichtert und half ihrer Freundin aufzustehen.
Inzwischen war der Mond hinter den Wolken hervor
gekommen und warf ein beinahe taghelles Licht auf die Grabsteine.
Nina suchte ein Grab mit einem schönen hellen Stein,
zog ihren Mantel aus und begann ihn zu schwenken. Gerade wollte sie ihren Spruch aufsagen, als ein lautes Gähnen die beiden zusammenzucken ließ.
„Susi“, flüsterte Nina entsetzt. „Hast du das gehört?“
„Es klang wie ein Gähnen“, antwortete Susi leise.
Beide sahen gebannt in die Richtung, aus der das unheimliche Geräusch gekommen war. Nichts geschah. Nina begann zu zittern. Vielleicht war das der Mörder, wie bei Tom Sawyer? Wenn er sie nun entdeckte?
Ihre Gedanken wurden durch einen heftigen Schmerz unterbrochen. Susi hatte sich ängstlich an sie geklammert und drückte ihren Arm so fest, dass sie beinahe aufgeschrien hätte.
„Aua! Willst du mir meine Hand brechen?“, flüsterte sie böse.
„Ich hab so Angst!“, wimmerte Susi, lockerte aber ihren Griff.
„Leise!“, herrschte Nina sie an.
Schon wieder ertönte das unheimliche Geräusch, eine Mischung aus Stöhnen und Gähnen.
Nur dieses mal viel, viel lauter und näher.
Gleichzeitig sprangen die Mädchen aus ihrem Versteck und rannten panisch davon. Zum Glück hatte Nina geistesgegenwärtig nach Susis Hand gegriffen, so dass sich die beiden im Dunklen nicht verlieren konnten.
Keuchend liefen sie zwischen den Grabsteinen hindurch, nur weg, weg von diesen unheimlichen Gekreisch!
Nach einer Weile wurde Susi langsamer.
„Ich kann nicht mehr“, jammerte sie. „Ich habe Seitenstechen, ich kriege keine Luft!“
Entkräftet ließen sich die beiden hinter einen großen Stein fallen.
„Wo rennen wir eigentlich hin?“ Susi sah sich um. Inzwischen hatte sich eine große Wolke vor den Mond
geschoben und es war fast völlig dunkel.
„Zum Tor“, flüsterte Nina. „Zum Tor, natürlich! Wir müssen hier raus.“
„Und wo ist das Tor, deiner Meinung nach?“, fragte Susi.
Nina zuckte die Schultern. „Keine Ahnung! Was ist das hier überhaupt für ein Stein? Der kommt mir doch so bekannt vor.“
Susi erhob sich mühsam.
„Oh, nein!“, sagte sie und vergaß vor Schreck, zu flüstern. „Wir sind im Kreis gelaufen. Hier waren wir doch schon. Genau hier hast du deinen Mantel geschwenkt!“
Nina nickte. „Verflucht! Aber merkst du etwas? Es ist ganz still.“
„Vielleicht war es nur eine Katze“, überlegte Susi. „Die machen manchmal so einen Krach. Ich habe mich einmal sogar zu Hause im Bett fast zu Tode erschrocken, weil draußen auf der Straße ein paar Katzen jaulten.“
„Klar! Das stimmt!“, Nina stieß Susi an. „Und wir zwei Angsthasen rennen wie die Verrückten.“
Beide begannen nervös zu lachen. Schließlich nahm
Nina wieder Susis Hand.
„Komm!“, sagte sie. „Irgendwo muss doch dieser Ausgang sein.“
Nachdem sie eine Weile gelaufen waren, kamen sie auch tatsächlich an eine Mauer. Eilig stiegen sie hinauf und ließen sich vorsichtig auf der anderen Seite hinunter gleiten. Erstaunt sahen sie sich um.
„Wo sind wir denn?“
Die beiden Mädchen standen auf einem schmalen Weg, der von hohen Bäumen gesäumt wurde. Nirgendwo war ein Haus zu sehen, nur ganz in der Ferne erkannten sie eine Straßenlaterne.
„Hier war ich noch nie in meinem Leben“, sagte Susi kläglich.
„Auch das noch!“ stöhnte Nina. „Wir sind auf der falschen Seite heraus gekommen. Jetzt müssen wir um den ganzen Friedhof herum laufen. Na, los! Der Weg ist weit!“
Susi antwortete nicht. Sie hatte sich am Wegrand niedergelassen und verbarg ihr Gesicht zwischen den Armen.
„Wir finden nie mehr nach Hause“, schluchzte sie. „Und meine Eltern, meine Eltern - “
Jetzt fing sie erst richtig an zu weinen. Zu allem Unglück begann es auch noch zu nieseln. Nina zog den Kaninchenkragen-Mantel aus und breitete ihn über ihre Köpfe.
In der Ferne hörten sie eine Kirchturmuhr schlagen. Zehn – Elf - Zwölf. Es musste inzwischen Mitternacht geworden sein.
Nina stand entschlossen auf.
„Komm Susi, wir haben keine Zeit. Wenn meine Eltern aufwachen und ich bin nicht in meinem Bett, erschrecken sie sich zu Tode. Du hast ja wenigstens einen Zettel geschrieben.“
„Und du nicht?“, fragte Susi erstaunt. „Du hast mich doch erst auf die Idee gebracht.“
„Na, ja“, entgegnete Nina. “Ich dachte, bevor sie wach werden, bin ich längst zurück. Deshalb, los! Wir können nicht hier rum sitzen. Wenn wir rennen, merken sie vielleicht doch nicht, dass wir weg waren.“
Susi stand zögernd auf. „Und was meinst du, wie weit wir rennen müssen? Ich kann das nicht so gut, das weißt du ja. Im Sport schaffe ich nicht mal die 800 m.“
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