Auf dem Weg zu den hinteren Räumen traf sie Kora. „Gut, dass Ihr da seid, Kora. Ich fürchtete schon, Ihr wäret gegangen. Wisst Ihr, wo die Köchinnen abgeblieben sind? Um diese Zeit sind sie doch längst bei der Arbeit?“
„Nun mal langsam, Kindchen. Ich sagte Euch doch, dass ich noch nicht gehe“, beruhigte ihre Lehrerin sie. „Und die Köchinnen und Mägde sind gerade mit mir durchs Tor gekommen, Ihr müsst Euch also keine Sorgen machen. Wolltet Ihr zu den verletzten Männern?“
„Ja, bei den Wachen war ich schon.“
„Gut, ich werde für Euch gehen. Und keine Widerrede, Ihr seht aus, als fallt Ihr gleich um, Liebes. Ihr geht jetzt in die Halle und frühstückt richtig, nicht nur ein Stück Brot und einen Schluck Kräutertee. Gestern habt Ihr doch sicher auch nichts gegessen, oder?“ Kora klang sehr streng.
„Nein, aber ich habe …“
„Mein liebes Kind, Ihr könnt mir nicht helfen, wenn Ihr vor Hunger und Müdigkeit ganz zittrige Knie habt. Also, geht bitte.“ Sie wandte sich an den jungen Wächter und redete in seiner Sprache eindringlich auf ihn ein. Der junge Mann nickte nur wortlos.
Mara schaute Kora erstaunt an. „Ihr könnt ihre Sprache? Aber …“
„Mara, Ihr wolltet doch gehen. Ich habe ihm lediglich gesagt, er soll aufpassen, dass Ihr genug esst.“
Mara verstand überhaupt nichts mehr. Kora konnte die Sprache der Fremden? Warum sprach sie dann erst jetzt mit ihnen? Oder …
Mit einem Mal kam ihr Koras Verhalten doch sehr fragwürdig vor. Ihr schien es, als weilte diese schon immer auf Ogarcha, aber das stimmte gar nicht. Kora war vor ungefähr zehn Jahren hergekommen, oder etwas früher, auf jeden Fall erst, nachdem Maras Mutter gestorben war. Und davor?
Mit nachdenklich gesenktem Kopf folgte sie dem jungen Burschen in die Halle, wo sich schon etliche versammelt hatten, zumeist Nordländer, aber auch ein paar Bewohner der Burg.
Mara begab zu den Frauen und setzte sich neben Anella, die sich flüsternd vorbeugte. „Du bist ihn immer noch nicht losgeworden, was? Der andere ist zu dem Fremden gegangen, du weißt schon, der mit den blauen Augen.“
Sie nickte nur.
„Er schaut die ganze Zeit zu dir herüber.“
„Wer, mein Leibwächter?“, fragte sie nach.
„Der auch. Nein, der Fremde.“
„Wenn es ihm Spaß macht.“ Lustlos stocherte sie auf dem Holzteller herum, sie hatte keinen Hunger. „Anella, hat Luca davon gesprochen, was die Fremden hier eigentlich wollen?“
„Nein, er hat nicht viel gesagt. Sie haben wohl lange mit dem Rat geredet, aber er weiß auch nicht, worüber. Es geht ihm heute schon viel besser, er sitzt bei den anderen Männern, ist das nicht schön?“
Mara verzog den Mund. „Ich wette, sie berichten ihm von den spannenden Ereignissen der letzten Nacht, die Frauen haben bestimmt alles haarklein weitergegeben.“
„Mara, wieso bist du so … so …“
Verärgert fuhr sie auf. „Wie bin ich denn, wütend? Meinst du das vielleicht, ja?!“
Verblüfft schaute Anella sie an. „Schrei doch nicht.“
„Warum denn nicht, ich bin wütend, ich will schreien! Und es ist mir so egal, ob ich damit auffalle, verstehst du?! Es ist mir egal, es ist mir vollkommen egal!“
„Bitte, setz dich wieder, beruhige dich doch!“ Ihre Freundin zog an ihrem Arm, damit sie sich wieder auf die Bank setzte, aber Mara riss sich los. „Lass mich, ich will mich nicht beruhigen!“
„Aber sie schauen schon alle her! Mara, du bringst dich wirklich in Schwierigkeiten, hör auf!“
„Ach nein, ich bringe mich in Schwierigkeiten, wer hätte das gedacht? Warum hast du das nicht früher gesagt, dann hätte ich besser aufpassen können?!“
Anella blickte sie flehend an, Tränen liefen ihr übers Gesicht.
Doch Mara konnte nicht aufhören. Als hätte sie eine unsichtbare Grenze überschritten, und jetzt gab es kein Zurück mehr. „Es tut mir ja sehr Leid, dir das sagen zu müssen, aber du hast nicht die geringste Vorstellung von meinen Schwierigkeiten! Und nicht ich bin es, die sich in Schwierigkeiten bringt, sondern diese verdammte Burg mit ihren … Bewohnern, mit ihren dummen Regeln. Hätte ich nicht heimlich und entgegen den Regeln bei Kora gelernt, wären einige Männer jetzt ziemlich schlecht dran, unter anderem dein Verlobter. Aber hat es mir irgendjemand gedankt? Nein, natürlich nicht, sie machen mir Vorwürfe! Ist das nicht reizend? Ich habe es satt, verstehst du, es reicht mir! Endgültig!“
Bevor Mara die Halle verließ, drehte sie sich noch einmal zu den tuschelnden, empört dreinblickenden Männern und Frauen um. „Das war alles, ihr könnt jetzt weiter essen. Ich habe euch nichts mehr zu sagen. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich habe rasende Kopfschmerzen und werde mich vermutlich gleich übergeben.“
* * *
Jula, Soldat in der manduranischen Armee, hatte kaum ein Wort von dem, was die junge Frau sagte, verstanden. Aber er hörte ihre Wut und Verzweiflung, ihre Resignation heraus; sie tat ihm Leid. Beinah kam es ihm so vor, als würde sie sich verabschieden, und das beunruhigte ihn zutiefst.
Sie war freundlich zu ihm gewesen und das hätte sie sicher nicht sein müssen. Schließlich musste sie in ihm einen Feind sehen, einen der verhassten, gefürchteten Nordländer. Ängstlich hatte sie aber nicht auf ihn gewirkt, oder so verhuscht wie viele der anderen Frauen, eher …
Er kam nicht darauf, folgte ihr mit den Augen. Sie schien die düstere, nicht sonderlich anheimelnde Halle, das spärliche Licht kam von irgendwo hinter der Empore oben, verlassen zu wollen. Eilig stand er auf.
Just in dem Moment, als ihr einer der Kerle, die sie gestern auf der Lichtung heimtückisch angegriffen hatten, drohend in den Weg trat. Sofort griff Jula zum Schwert, zog aber nicht, noch nicht.
Verstand nicht, was die zwei redeten, doch klang es nicht gut. Feindselig, voller Wut, Hass und, von Seiten des Mannes, Häme.
Jula hörte den fragenden Ton in der Stimme der jungen Frau, bevor diese sich zu ihm umwandte. Bevor der Kerl sie packte, ihr brutal den Arm verdrehte und gleichzeitig ein Messer an die Kehle drückte. Jula zog blank.
Einige Weiber kreischten, ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen sprang auf, kreidebleich im Gesicht. Er glaubte Domallens Blick auf sich zu spüren, sah Len auf der anderen Seite hinter dem Mistkerl, der die junge Frau bedrohte, seine beruhigenden Gesten. Zu weit entfernt.
Die junge Frau schrie nicht, wehrte sich auch nicht, sondern sprach zu dem Kerl. Welcher ihr nur stärker den Arm verdrehte, Jula hörte ihr unterdrücktes Stöhnen, und sie zurück in die Halle drängte. Einige Schritte vor Domallen, der wie alle anderen aufgestanden war und ihn wachsam beobachtete, blieb der Dreckskerl stehen, seine Worte klangen fordernd.
Domallen befahl Jula mit ruhiger, fester Stimme, das Schwert wegzustecken, und er gehorchte.
Wieder wurde geredet, wieder konnte er nur erahnen, worüber, konnte nicht eingreifen, während seine Wut auf diesen verdammten Kerl wuchs, der die junge Frau bedrohte, ihr weh tat, das sah er ihr doch an, und wenn … Unvermittelt stand Len neben ihm, berührte seine Schulter. „Immer schön ruhig, Junge. Überlass das dem Hauptmann.“
„Was? Aber …“
Der Kerl verdrehte einmal mehr den Arm der jungen Frau, so heftig, dass diese aufschrie, ihr Gesicht ganz blass. Doch bevor Jula reagieren konnte, hatte Len fest seine Schulter gepackt. „Der Idiot ist so dämlich, ihn zum Zweikampf zu fordern. Keine Frage, Domallen macht ihn fertig.“
„Die haben doch …“
Len, seit Jahren ein guter Freund, in vielerlei Hinsicht sein Vorbild, obwohl er ihm das nie gesagt hatte, zuckte die Achseln. „Hinterwäldler-Pack, du kannst ihnen nicht trauen.“
Tatsächlich brachte jemand das Schwert des Mannes. Doch der nahm es nicht auf. Meinte, noch mehr reden zu müssen. „Ihr nehmt meine Herausforderung an, Reik aus dem Haus Domallen?“
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